Wo sich die Jahrhunderte vermischen

Auf den Spuren von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll auf Achill Island in Irland

  • Sonja Schön
  • Lesedauer: 5 Min.

»Irisches Tagebuch« heißt einer der größten Erfolge des deutschen Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. Vor 50 Jahren ist es erschienen. Bis heute lockt es viele Besucher auf die grüne Insel. Allein 450 000 Deutsche kommen pro Jahr, einige von ihnen mit dem Buch im Gepäck. Sie wollen wissen, wo die Schauplätze der achtzehn Kurzgeschichten sind und wo der Autor wohnte.

Achill Island liegt in der Grafschaft Mayo, am westlichsten Zipfel Irlands. Windzerzaust sind Heide und Moor, rothaarig die Kinder, abergläubisch die Frauen und trinkfest die Männer. Fährt man noch 4000 Kilometer weiter übers Meer, ist man in Amerika. Böll selbst wollte eine Auszeit nehmen, als er 1955 auf Empfehlung seines Dubliners Freundes Georg Fleischmann allein nach Achill Island fuhr. Rund 4500 Einwohner zählte damals die Insel, die durch eine Meerenge vom Festland getrennt ist. Ein kleines Cottage in Keel, wo früher die Küstenwache untergebracht war, wurde sein erstes Sommerrefugium.

Wer heute dorthin reist, fährt am besten mit der Bahn oder mit dem Leihwagen von Dublin nach Westport. Hier tragen die Häuschen so satte Farben, dass die Stadt auch bei Regen heiter wirkt. Von Westport aus ist es noch eine Stunde bis zum Ziel. Fuchsien und Oleander säumen die Straße. Es riecht nach Salz. Auf den Golfplätzen grasen Schafe. Keel liegt direkt am Meer und ist ein kleiner, verträumter Ort. Außer dem Cliff House Hotel gibt es noch ein chinesisches Restaurant und den Keel-Pub mit Livemusik am Wochenende. Wahrscheinlich löschte hier schon »Seamus« aus dem »Irischen Tagebuch« seinen Durst.

Als Böll in den 50er Jahren kam, galt Irland noch als »Armenhaus Europas«. Er beschreibt die Rückständigkeit der Infrastruktur, die traditionelle Religiosität der Bevölkerung und den Aderlass durch die Emigration. Schuld daran waren die Kartoffelfäule und die Missernten im 19. Jahrhundert. Während der »Great Famine«, der »großen Hungersnot« von 1845 bis 1848, starben über eine Million Iren, zwei Millionen wanderten aus. Noch 100 Jahre später war das Land durch seine dünne Besiedlung von dieser Katastrophe gezeichnet und voller Widersprüche.

Irland war für Böll einerseits die »Insel der Heiligen«, andererseits das »Land, das Kinder und Priester, Nonnen und Biskuits, Whiskey und Pferde, Bier und Hunde exportiert«. Weil es ihm trotzdem so gut gefallen hat, nahm er in den folgenden Jahren seine Familie mit. »Achill Island war für uns der absolute Kontrast zum Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik«, sagt sein Sohn René Böll, der als freier Künstler in Köln lebt. »Hier wurden noch Haifische kommerziell gefangen. Ihre Zähne, Knochen und Wirbel lagen am Keem Bay herum. Manchmal waren es auch ganze Kadaver, die bis zu fünfzehn Meter lang waren. Alles machte auf uns einen archaischen Eindruck.«

Das galt auch für den Umgang mit der Zeit. Zeit zu haben oder sich Zeit nehmen zu können war für Böll der wahre Luxus. »Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht«, betont er im »Irischen Tagebuch«.

1958 erwarb Böll ein eigenes Cottage in Dugort an der Nordküste der Insel. »Das Häuschen war überaus bescheiden und hatte keine Elektrizität«, erinnert sich Vi McDowell, Eigentümerin von »Gray's Guest House« in Dugort. »Da es keine Schule gab, unterrichteten die Bölls ihre drei Kinder René, Raimund und Vincent selbst.« Heute gibt es in Dugort zwei Schulen und einen Fußballplatz. Das Cottage ist renoviert und gehört der Heinrich-Böll-Stiftung, die dort Stipendiaten unterbringt.

Wer mehr über Leben und Werk von Böll, der am 21. Dezember 90 Jahre alt geworden wäre, wissen möchte, kann die Ausstellung in der Cyril Gray Memorial Hall in Dugort besuchen. Dort gibt es interessante Fotos, die den Schriftsteller nicht nur mit seiner Familie im Urlaub zeigen. Man sieht ihn als Soldat im Zweiten Weltkrieg und als Unterstützer der Friedensbewegung gegen die NATO-Nachrüstung. Böll, ein enger Freund des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt, hat sich nicht nur kritisch mit der katholischen Kirche, sondern auch mit Ulrike Meinhof auseinandergesetzt und für einen menschlichen Umgang mit den RAF-Terroristen plädiert.

Auch auf Achill Island beschäftigte er sich mit Tabus. So suchte er nach den »Friedhöfen der ungetauften Kinder«. Babys, die ohne Empfang des Taufsakraments gestorben waren, durften nicht beerdigt werden. Man verscharrte sie an alten heidnischen Steinkreisen und Monolithen. »So eine Stelle gibt es am südlichen Keel-Strand bei der Ortschaft Dokinella«, verrät der Archäologe Eoin Halpin. Er führt uns in das »Deserted Village«, in das »verlassene Dorf« am Südhang des Berges Slievemore. Wo früher über hundert Cottages standen, ist nur noch das »Skelett einer menschlichen Siedlung« sichtbar. In den Weißdornbüschen sollen Zwerge und Feen hausen. »Irland ist ein Land, wo das dreizehnte sich mit zwanzigsten Jahrhundert mischt und das neunzehnte mit der Zukunft«, schreibt Böll. »Sein Werk ist eine zeitlose Parabel auf das Irland von damals und heute«, erklärt der deutsch-irische Schriftsteller Hugo Hamilton. »Nicht eine Jahreszahl kommt darin vor, Hinweise auf politische Ereignisse fehlen.«

Hamilton kennt Bölls Buch so gut wie das Irland der Gegenwart. In seinem neuesten Werk »Die redselige Insel – Irisches Tagebuch« hat er beides miteinander verglichen. »Irland hat sich verändert«, meint er. »Von der Gesellschaft am Rand der Armut ist wenig übriggeblieben.« Heute sei Irland der »keltische Tiger«, das Wirtschaftswachstum so hoch und die Bevölkerung so jung wie in keinem anderen Land in Europa. Dublin gelte als kosmopolitische Großstadt mit Schwulenszene, Lap-Dance-Clubs und Bars für polnische Immigranten – das habe es zu Bölls Zeiten nicht gegeben. Dafür gebe es weiterhin die Leidenschaft für Rugby, die raue Landschaft an der atlantischen Küste und die Eigenwilligkeit vieler Iren.

Während wir im Keel-Pub sitzen, Guinness trinken und im »Irischen Tagebuch« blättern, wölbt sich der Himmel wie ein Dach aus Zink über uns. Der Regen fällt schräg vom Himmel, Schafe überqueren gemächlich die Dorfstraße. »Es gibt dieses Irland«, heißt es in dem Vorspruch von Heinrich Böll: »Wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor«.

Infos: Irland Information, Gutleutstr. 32, 60329 Frankfurt am Main,
Tel. (069) 66 80 09 50, Fax: (069) 92 31 85 88,
www.entdeckeirland.de

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