Die Schüler machen ihre Kreuzchen

Am Biesdorfer Otto-Nagel-Gynasium stellen sich Lehrer der Evaluierung nach einem speziellen Programm

Biesdorf liegt nicht am Meer, aber das dominierende Bild für das Otto-Nagel-Gymnasium ist das Schiff. In der Theaterproduktion »Ruhe, Herrschaften!«, in der sich Berliner Schüler mit Hilfe des darstellenden Spiels mit ihrem Schulalltag auseinandersetzen sollten, gruppierten sich die Gymnasiasten aus Biesdorf zu einem Ruderboot, in dem Lehrer wie Schüler gemeinsam neue Wissenshorizonte ansteuern.

Auch Schulleiter Lutz Seele zeichnet das Bild eines Bootes, wenn er seine Schule in der Schulstraße 11 beschreibt. »Erst sind die Jugendlichen ganz verblüfft, wenn ich ihnen das sage. Doch dann begreifen sie, dass wir alle ein Team sind und gemeinsam eine gute Schule wollen.« Wie ein Schiff mutet selbst das Anfang der 90er Jahre renovierte und noch bestens erhaltene Schulgebäude an. In jeder Pause schallen Ansagen der Schulleitung über die Flure – es ist, als würden hier Kommandos von der Brücke durchgegeben.

Die Schule ist erst 1992 zum Gymnasium geworden. Vorher war es eine Schule mit erweitertem Russischunterricht. Doch nach der Wende wurden viele Gymnasien im von der Alters-struktur her recht jungen Bezirk Marzahn-Hellersdorf gebraucht. Inzwischen werden mangels Schülern die Gymnasien wieder abgebaut – von neun auf vier reduziert sich die Zahl. Aber das Otto-Nagel-Gymnasium gehört zu denen, die bleiben.

Vielleicht ist es gut, dass die Schule als Gymnasium noch recht jung ist. Man kann sich auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen und muss immer etwas Neues versuchen. Das Kollegium tauscht sich etwa mit einer benachbarten Grundschule aus – eine Rarität im Berliner Schulsystem. Das Miteinander in Biesdorf nutzt beiden Einrichtungen. »Wir haben das Prinzip des Wochenplans von der Grundschule übernommen. Und unsere Schüler führen Lesewettbewerbe an der Grundschule durch. Das macht ihnen Spaß, vor allem den jungen Schülern. Und es stärkt das Verantwortungsbewusstsein«, meint Seele.

Strukturell sind die Schnellläuferklassen das besondere Merkmal der Schule. Zwei Klassen mit je 32 Schülern beginnen jeweils ab dem fünften Schuljahr, dazu kommt jedes Jahr eine neue siebte Klasse. Die Schnellläufer überspringen die 9. Klasse. Das Pensum lernen sie jeweils in den Jahren davor. Lutz Seele ist überzeugt von dem Konzept. »Die Kinder werden an den Grundschulen aufgrund ihrer Lernleistung ausgewählt. Ihre Auffassungsgabe ist gut. Und wenn sie hier bei uns im Klassenverband ein Schuljahr überspringen, ist das wesentlich angenehmer, als wenn ein einzelner Schüler in der Grundschule eine Klasse überspringt und im nächsten Jahr als Jüngster in einem völlig neuen sozialen Umfeld zurechtkommen muss.«

Damit die Schüler von Beginn an Fahrt aufnehmen, werden in den jeweiligen Anfangsklassen diverse Lern- und Präsentationsmethoden vorgestellt. Und nach vier Wochen folgt die mehrtägige Kennenlernklassenfahrt mit Klassenlehrer, stellvertretendem Klassenlehrer und allen Schülern. Ein gutes Klima ist Schulleiter Seele wichtig. Und wahrscheinlich nur dank des guten Klimas ist folgende Errungenschaft möglich gewesen: Die Schüler können ihre Lehrer evaluieren. »Wir haben gerade beschlossen, dass jeder Lehrer sich einmal pro Halbjahr von einer Klasse evaluieren lässt«, erzählt Seele.

Der Anstoß zu dieser kleinen Revolution war von einigen Eltern gekommen. »Anfangs waren genau drei Lehrer, einer davon der Schulleiter, dafür«, erinnert sich Seele. Eine Aushandlungsgruppe von je neun Lehrern, Schülern und Eltern zog sich für ein verlängertes Wochenende in ein märkisches Hotel zurück und erarbeitete den Fragenkatalog. Als der dann verabschiedet war, stellte sich als größeres Problem die Auswertung. Jetzt schlug die Stunde der Informatiker. Die drei Schüler Juliane Sparre, Max Wolter und Franz Kißig schrieben das Evaluierungsprogramm und vertreiben es inzwischen über eine Schülerfirma auch an andere Interessenten.

»Unser Ziel ist, dass es ganz einfach funktioniert«, erklärt Juliane. »Lehrer und Schüler gehen in den Computerraum. Dort wird das Evaluierungsprogramm aufgerufen. Die Fragen zu 15 Themenbereichen erscheinen. Es gibt pro Frage vier Bewertungsmöglichkeiten. Die Schüler machen ihre Kreuzchen. Das dauert sieben bis fünfzehn Minuten. Dann drückt der Lehrer auf einen Knopf – und die Ergebnisse erscheinen zusammengefasst in Balkendiagrammen.« Der Lehrer kann die Ergebnisse ausdrucken und mit nach Hause nehmen. Besser ist, wenn er sofort das Gespräch sucht. Lutz Seele hat sich von seinem Mathematik-Leistungskurs einige Male bewerten lassen. »Dieses Feedback hilft. Die Schüler bemerken Dinge, die uns nicht mehr auffallen.« Auch Juliane hat bemerkt, dass die Evaluierung Früchte trägt. »Eine Lehrerin hat den Unterricht zu unstrukturiert gehalten. Sie hat nicht betont, was das Wichtigste in der Stunde ist. Nach der Evaluierung hat sich das geändert.«

Dass das Evaluierungsprogramm ein Mittel der Rache am Lehrer sein könnte, hatten die Schüler anfangs auch befürchtet. »Aber das ist nicht eingetreten. Als Schüler fühlt man sich ernst- genommen, wenn einem zugehört wird. Weil wir über die Evaluierung ja etwas ändern können, müssen wir nicht provozieren. Wir kommen auf sachlichem Wege ans Ziel«, sagt Juliane. Das Otto-Nagel-Gymnasium Biesdorf scheint ein Ort zu sein, an dem man souverän erwachsen werden kann.

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