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Wahrsagerei oder Gedächtnisexperiment ?

Was wäre, wenn ... – Vom Nutzen und von den Grenzen kontrafaktischen Geschichtsdenkens

Die Serie »Was wäre, wenn ...« war auf den Weg gebracht, da erfolgte entschiedener Einspruch eines Lesers (20. 8. 2007) gegen die »Wahrsagerei« und seine Aufforderung an die Historiker, sie sollten sich der Erforschung tatsächlicher geschichtlicher Vorgänge zuwenden. Keine Frage, dass dies unser Hauptgeschäft ist und bleibt. Die ferne wie die nahe Vergangenheit geben dafür hinreichend Fragen und Rätsel auf. Dass Historiker, befasst mit Gegenständen und Themen verschiedener Epochen, der Einladung des ND dennoch folgten und sich ohne Umschweife und Zierde zu denkbaren jähen Wenden äußerten, die in Wirklichkeit nicht stattgefunden haben, musste den Eindruck erwecken, dass sie nicht auch selbst Gefahren sähen, die aus derlei Beschäftigung erwachsen können. Daher ein paar Worte zu Nutzen, Grenzen und Fährnissen von Gedankenexperimenten, denn um sie handelt es sich. Nur mögen sie in der Geschichtswissenschaft merkwürdiger anmuten als in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, denn hier werden sie rück- und nicht vorausblickend angestellt, anders also als beispielsweise in der Klimaforschung, in der die verschiedensten Möglichkeiten der natürlichen Entwicklung unter Menscheneinfluss erforscht und erörtert werden.

Denkbare Alternativen
Die ND-Serie begann mit konstruierten denkbaren Veränderungen eines historischen Prozesses dadurch, dass eine ihn prägende Person »ausfiel«, und gefragt wurde, welche Folgen dies gezeitigt haben würde. Darauf haben sich Überlegungen von Historikern unterschiedlichster theoretischer Schulen und nicht diese allein mehrfach bezogen. Ähnliche Überlegungen galten jedoch auch dem Eintreten oder Ausbleiben komplizierterer Ereignisse als es der Tod eines Menschen darstellt. Zwei in dieser Serie noch nicht erörterte Beispiele mögen das illustrieren:

Oft ist 1945 und in den folgenden Jahren gefragt worden: Wie wäre die deutsche Geschichte und dann auch die europäische verlaufen, wenn 1932/1933 noch »in letzter Minute« die großen Arbeiterparteien zueinander gefunden hätten und so eine mächtige antifaschistische Aktion zustandegekommen wäre. Aus dieser Was-wäre-wenn-Frage wurde die schöne Vorstellung gebildet, dass es dann Hitler in der Wilhelmstraße nicht gegeben haben würde oder er jedenfalls nicht lange dort geblieben wäre. Das war, was hier im Einzelnen nicht erörtert werden soll, jedenfalls kurzschlüssig. Denn wie sich die politischen Kämpfe im gedachten Fall der Massenmobilisierung auf der einen Seite der Barrikade entwickelt haben würden, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen und erfordert unbedingt auch die Addition der Kräfte auf der anderen. Aber so viel kann als gesichert gelten: Es wäre der Hitlerfaschismus in Deutschland dann unter ungünstigeren Umständen an die Macht gelangt und was das bedeuten konnte, lässt sich am spanischen Fall erkennen.

In die gleiche Richtung geht eine ebenfalls wiederholt angestellte andere Überlegung. Wie wäre die europäische Geschichte verlaufen, wenn nach dem sowjetischen Vorschlag eine Politik der kollektiven Sicherheit zustandegekommen und die 1935 eingegangenen vertraglichen Verbindungen zwischen der UdSSR, Frankreich und der Tschechoslowakei, den drei Staaten mit den stärksten europäischen Landarmeen, zu einem stabilen Militärbündnis ausgeweitet worden wären? Ob eine solche abschreckende Front die Machthaber in Deutschland davon abgehalten haben würde, sich in ein Kriegsabenteuer zu stürzen, lässt sich definitiv nicht entscheiden, doch steht außer Frage, dass es, riskiert, erheblich anders verlaufen wäre als das tatsächliche, das die deutschen Imperialisten 1939 begannen. Dass beide Überlegungen ohne jeden Nutzen wären und einzig ins Bedauern über das Ungeschehene münden würden, wird sich nicht sagen lassen. Sie stellen vielmehr eine Herausforderung dar, über Geschichte gründlicher nachzudenken und eigenes Denken und Verhalten in der Gegenwart auf seine Tauglichkeit zu prüfen.

Und wie stellt sich diese Vorgehensweise dar, wenn sie sich auf eine Person fixiert und – wie erörtert – der »Faktor Bismarck« und der »Faktor Hitler« in einem entscheidungsvollen Moment aus der bekannten Ereignisfolge herausgenommen, gleichsam aus ihr weggedacht werden? Wenn eine Figur, in der sich außergewöhnliche Machtfülle verkörpert, um das berühmte Bild von Friedrich Engels zu gebrauchen, aus dem Parallelogramm der Kräfte entfernt wird, die bis dahin einer Entwicklung die Richtung gaben und sie vorantrieben, und an seine Stelle eine andere reale substituiert, erfährt diese Richtung eine Veränderung. Denn niemand kann ernstlich annehmen, dass der »Nachfolger« durchweg die gleichen Entscheidungen getroffen haben würde, wie es sein »Vorgänger«. So oder so, größer oder geringer, entsteht eine Abweichung vom Bisherigen.

Der Gewinn solchen Gedankenexperiments besteht mithin darin, dass die tatsächliche Rolle des Ersten wie die denkbare des Letzteren genauer unter die Lupe geraten. Das spezifische Gewicht des Agierenden kann klarer hervortreten, ebenso wie das dessen, der zum Zuge gekommen wäre, aber doch nicht an die Reihe kam. In der Konfrontation werden geistige und physische Fähigkeiten beider gründlicher analysiert und ebenso ihre Charaktereigenschaften. Zugleich aber ist die Durchmusterung aller im jeweiligen geschichtlichen Moment agierenden wesentlichen Kräfte verlangt, denn auch für die einzelne herausragende »neue« Figur würde gelten, dass sie nicht aus freien Stücken und nach eigenem Gutdünken zu entscheiden vermag, sondern mit anderen Faktoren in Wechselbeziehung eintritt.

Kurzum: Die Überlegungen können sowohl einer Überschätzung wie auch einer Geringachtung einer Figur der Geschichte entgegenwirken. Dieses Vorgehen bringt keine grundsätzlich neuen Einsichten und Erkenntnisse zutage, aber es liefert eine eigenartige Ausleuchtung der realen historischen Szene, deren Konturen, mit einer fiktiven verglichen, deutlicher hervortreten können. Vor allem befördert es, mag es sich auf die Betrachtung hochverwickelter Konstellationen oder auf einen Personenwechsel richten, die Wahrnehmung von Alternativen.

Fragt der Historiker gewöhnlich, warum ein bestimmtes Ereignis eingetreten ist, wird dies nun durch die Frage ergänzt, warum andere Möglichkeiten sich nicht verwirklichten, sei es, dass sie von den an ihnen interessierten Kräften nicht erkannt wurden oder aber auch nicht durchgesetzt werden konnten. Ungeschehene Geschichte erörtern muss nicht heißen, sich Geschichte zu erträumen und vom Wirklichen und Möglichen ins Fantastische oder Romanhafte abzugleiten. Freilich bleibt immer zu entscheiden, wo befinde ich mich noch auf dem Boden überprüfbarer Tatsachen und faktengestützter Möglichkeiten und wo beginnt der Schritt aus dem Gedankenexperiment heraus ins Reich der bodenlosen Wünsche. Nötig ist, Aktionen und Reaktionen in Rechnung zu stellen, Konstante und Variable zu unterscheiden, und nicht zu glauben, dass eine Veränderung des Verhaltens einer Person, einer Schicht oder Klasse nicht auch Veränderungen des jeweiligen Widerparts erzeugen.

Aus- und Einwechseln
Wie sich auf einem Sportfeld, wird ein Spieler oder der Teil einer Mannschaft ausgewechselt, die eigene wie die fremde Gruppe auf den Wechsel einstellt, weil sie daraus Vorteil ziehen, jedenfalls keinen Nachteil erleiden will, so auch auf dem historischen Felde. Wie Anpassungen an die neue Situation verlaufen werden, lässt sich in Grenzen noch sagen. Ob und wie der Eingewechselte dann wirklich das Tor schießt oder den gegnerischen Torerfolg verhindert, ist schon nicht mehr vorhersagbar.

Bisher: Was wäre, wenn ... Frank País Kuba in die Freiheit geführt hätte (Johnny Norden, 28./29.7.); Caesar nicht ermordet worden wäre (Ronald Sprafke, 4./5.8.); Kohl 1989 gestürzt worden wäre (Jörg Roesler (11./12.8.); Bismarck dem Attentat 1866 erlegen wäre (Gerd Fesser, 18./19.8.); Hitler 1938 getötet worden wäre (Kurt Pätzold, 1./2.9.); Alexander der Große nicht so früh gestorben wäre (Armin Jähne, 25./26.8.); Schumacher einen gesamtdeutschen SPD-Parteitag nicht verhindert hätte (Günter Benser, 15./16.9.); Napoleon bei Waterloo gesiegt hätte (Gerd Fesser, 6./.7.10.); die Russen 1877 Konstantinopel erobert hätten (Armin Jähne, 1./2.12.); das »Jugendkommuniqué« 1963 nicht gleich Makulatur geworden wäre (Ulrike Schuster, 22./23.12.).

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