Gedenkräume des Zellenbaus

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Zellenbau des KZ Ravensbrück sind Häftlinge geprügelt und ermordet worden. Sie mussten tagelang ohne Essen, wochenlang im Dunkeln zubringen. Besonders in den ersten Jahren sei die Einweisung in eine der Zellen einem Todesurteil gleichgekommen, steht in »Ravensbrück. Der Zellenbau«. Das von der Gedenkstätten-Leiterin herausgegebene Buch enthält neben dem deutschsprachigen Text auch die englische Version.

Erzählt wird die Geschichte des Zellenbaus bis in die Gegenwart. Am 1. Mai 1939 fertig, diente das auch Bunker genannte Gebäude bis 1945 dazu, Häftlinge besonders bestialisch zu quälen. Anlässe dafür lieferte eine völlig unübersichtliche Lagerordnung, die alles Mögliche unter Strafe stellte. Zu den ersten Insassen des Zellenbaus gehörten Zeuginnen Jehovas, die sich geweigert hatten, für das Militär zu nähen. In Einzelhaft saßen Angehörige der Verschwörer des 20. Juli sowie als Geisel Geneviève de Gaulle. Deren Onkel Charles de Gaulle befehligte französische Truppen im Widerstand gegen Hitler und avancierte später zum Präsidenten.

Die sowjetische Garnison zog den ehemaligen Zellenbau 1956 für die geplante KZ-Gedenkstätte frei. 1959 eröffnete im Obergeschoss ein Lagermuseum. Schrittweise entstanden nationale Gedenkräume. Fast alle diese Räume sind in der zweiten Hälfte der 80er Jahre umgestaltet worden und bestehen in dieser Form bis heute.

Das Buch enthält Beschreibungen aller Räume mit Fotos. Dabei äußern die vier Verfasser dieser Beschreibungen oft Kritik. Ihnen missfällt, wenn nicht die Opfer im Vordergrund stehen, sondern der antifaschistische Widerstandskampf in ihren Herkunftsländern. Darin sehen sie besonders ein Problem, wenn es sich um Staaten handelt, die zumindest zeitweise Verbündete Hitlers waren wie Bulgarien und Rumänien und wenn dies dann keine Erwähnung findet. Die Verfasser rügen am Konzept der nationalen Gedenkräume die Gefahr, die jüdische Herkunft vieler Opfer zu vergessen. Eine Ausnahme ist der ungarische Raum, wo ausdrücklich auf die deportierten Juden, Sinti und Roma verwiesen wird. Es gab auch nur wenige andere ungarische KZ-Häftlinge.

Für Schwierigkeiten sorgte die Aufsplitterung osteuropäischer Länder. Im Auftrag des Kulturministeriums in Prag gestalteten Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Terezín (Theresienstadt) den tschechoslowakischen Raum 1993 so um, dass er jetzt ein rein tschechischer ist. Im jugoslawischen Raum brachte die slowenische Lagergemeinschaft 1995 ein Zitat aus einem Trinklied des Dichters France Preseren an. Dieses Lied ist die Nationalhymne des unabhängigen Slowenien. Viele Räume stehen im Zeichen der Zeit ihrer Gestaltung und sind trotzdem berührende Orte des Gedenkens an die Opfer.

Insa Eschebach (Hrsg.): »Ravensbrück. Der Zellenbau«, Metropol, 190 S. (brosch.), 19 Euro, ND-Bestellservice: (030) 29 78 17 77

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