»Aus dem Weg, die Mülle kommt«

Zwei Falschparker versperren um acht Uhr morgens die Zufahrt zu einem Müllplatz in der »Thermometer-Siedlung« in Lichterfelde. Die Müllmänner der Berliner Stadtreinigung (BSR), die mit dem orangefarbenen Laster ihre Tour fahren, ärgern sich über den längeren Weg. »Laut Liste sind's zehn Meter, praktisch sind's jetzt aber über 30«, sagt Müllmann Manfred Höfner. Wenig erfreut heben er und sein Kollege Norbert Przybylla große 1100-Liter-Behälter über den Bordstein und ziehen sie den weiten Weg zum Mülllaster. Die Autos abschleppen zu lassen, steht nicht zur Debatte. Dafür bleibt keine Zeit. Mehr als 200 Müllbehälter stehen noch auf dem Tourenplan.

BSR-Logistiker Ingo Leh kennt das Problem mit den Falschparkern nur zu gut: »Unser größter Feind ist der ruhende Verkehr.« Zwar gebe es einige Parkverbotszonen für die Müllabfuhr, ob die frühmorgens aber wirklich freigehalten werden, sei eine andere Sache. Leh ist Logistikleiter in der Forckenbeckstraße, einem der vier BSR-Betriebshöfe. Er ist für die Abfallbeseitigung im Westen und Südwesten Berlins zuständig. Morgens um sechs starten dort 200 Müllwerker und Kraftfahrer.

Im Stadtgebiet sind täglich 230 BSR-Kraftfahrer und 430 Müllwerker im Einsatz – alles Männer. Sie entsorgen täglich 3400 Tonnen Haus- und 200 Tonnen Biomüll. 39 Stunden beträgt die wöchentliche Arbeitszeit. Es gibt rund 2100 Euro brutto im Monat.

Höfner und Przybylla sind – neben zwölf Biomüll-Touren – das einzige Zweier-Team der Forckenbeckstraße. Die anderen 58 Hausmüll-Touren des Betriebshofes sind mit drei Kollegen besetzt, denn dort sind mehr Behälter und längere Wege zu bewältigen. »Die kennen jede Türklinke«, sagt Leh. Die Kollegen wüssten auch am besten, wann wo der dickste Verkehr ist und dass man kurz vor Schulbeginn lieber keine Schule anfährt. »Hauptsache, am Nachmittag sind alle Tonnen leer – und das sind sie«, versichert Leh.

Mit riesigen Schlüsselbunden bewaffnet, sind die Müllwerker dann mitunter beschäftigt, pro Tour bis zu 400 Behälter aus Kellern und Hinterhöfen zu holen und manchmal mehr als 100 Meter weit bis zum Mülllaster zu ziehen. »Ein echter Knochenjob, vor allem, wenn Schnee liegt«, erzählt Müllmann Höfner. Früher habe es viele Hauswarte gegeben, die die Türen öffneten oder gar die Tonnen heraus stellten. »Heute, wo überall gespart wird, gibt es nur noch wenige«, klagt der 57-Jährige. Lieber zahlen die Vermieter Komfortzuschläge für Tonnen, die mehr als 15 Meter von der Straße entfernt stehen oder wenn sich Stufen dazwischen befinden.

In den 80er Jahren, als es noch viel Asche von Kohleheizungen und kaum Mülltrennung gab, fuhren bis zu fünf Männer auf einer Tour. Inzwischen schrumpften die Teams auf zwei bis drei Kollegen. Dabei werde es mittelfristig aber bleiben, betont Leh. Die in ländlichen Gebieten verbreiteten, automatisierten Mülllaster mit seitlichem Greifarm habe man zwar getestet. Für den Großstadtverkehr seien sie aber ungeeignet.

Voraussetzung für den Job ist ein sicheres Gespür, wie Müllmann Höfner beweist, denn sein Fahrzeug hat noch keine eingebaute Waage. »Wir sind voll«, meint er schmunzelnd nach vier Stunden Arbeit und begibt sich zur Umladestation Süd nach Neukölln, wo der Abfall auf Eisenbahnwaggons verladen wird. Die dortige Waage bestätigt: Nur 100 Kilo unter dem Limit von elf Tonnen. Eine Runde mit rund neun Tonnen Müll wartet heute noch. Der kommt dann zur Verbrennungsanlage nach Ruhleben. »Aus dem Weg, die Mülle kommt«, sagt Höfner und lenkt seinen orangefarbenen Riesen ins Verkehrsgetümmel. dpa

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