Das kleine Schwarze

Notizbücher geben Einblicke in Schaffensprozesse

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 2 Min.
Die bunte Welt der Grafikerin Pax Paloscia.
Die bunte Welt der Grafikerin Pax Paloscia.

Picasso, Hemingway, Sartre, van Gogh taten es: Sie nutzten für spontane Aufzeichnungen die legendären Moleskine Notizbücher. Eine über 200-jährige Geschichte umweht jene handlichen, schwarzen Büchlein mit der verschließbaren Gummikordel, die gleichsam als Lesezeichen dient. In ihren unterschiedlichen Formaten sind sie bei Reisenden wie Ansässigen begehrte Objekte.

Die kosmopolitische Firma mit Dépendancen rund um den Globus machte aus dem Erfolg eine Tugend und gründete vor einigen Jahren Detour. Unter diesem Label zeigt sie als Wanderausstellung eine Kollektion von Notizbüchern aus dem Gebrauch international renommierter Künstler. Das Projekt erweist sich im Kreuzberger Werkbundarchiv als so anregende wie bisweilen intime Begegnung mit künstlerischen Schaffensprozessen. Exakt 38 Beispiele für den Umgang mit den Moleskines sind dort in den getürmten Boxen einer umgehbaren Vitrine nicht nur zu besichtigen, sondern mit weißen Handschuhen durch einen Spalt auch anzufassen und durchzublättern. Nach London, New York und Paris macht »The Moleskine Notebook Experience« nun in Berlin Station, ehe Istanbul und Tokio in den Genuss der Exponate kommen – ergänzt jeweils durch Leihgaben nationaler Künstler.

Wie verschieden sie mit ihren Moleskines umgehen, das macht die Ausstellung zu einer Installation. So nutzt der israelische Designer Ron Arad ein Notizbuch mit Fächern, um dort seine gefalteten Entwürfe zu deponieren. Der Regisseur und Komponist Mike Figgis hat sein Moleskine im Querformat dicht mit Notizen bedeckt, der italienische Künstler Paolo W. Tamburella listet gar säuberlich seine Geldausgaben auf. Skizzen übersäen die Seiten bei dem Designer Giuseppe Amato, der Fotograf Paolo Pellegrin klebt in sein Büchlein ein, was ihn interessiert oder inspiriert. Dicht wie Höhlenzeichnungen drängen sich die Entwürfe des senegalesischen Künstlers Henri Jean Rodolphe Sagna, mit dem Endlosfoto einer Strandszene in Leporelloform hat der Italiener Massimo Vitali sein Moleskine beklebt.

Einige wandelten ihr Büchlein gleich ganz in ein Kunstwerk um. Schwarz hingetuscht gibt sich die Landschaft des Isländers Sigur Rós, sein italienischer Komponistenkollege Giovanni Sollima notiert Note neben Note. Nur die Doppelseite des verklebten Moleskine bedeckt die Mexikanerin Tatiana Musi mit filigraner Flora, der deutsche Produktdesigner Mirko Borsche steuert einen Katalog wundervoller Farbschattierungen bei. Und seine Hildesheimer Kollegin Julia Lohmann scheint ihr Heft in einem Salzbergwerk gelagert zu haben: Dicke Kristalle spreizen die Seiten.

Bis 16.11., täglich 12-19 Uhr, Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstr. 25, Kreuzberg, Infos unter www.moleskine.com

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung