Zusammenklang der Künste

Sasha Waltz eröffnete mit »Dialoge 09« das Neue Museum

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Andrang ist riesig. Gemeinsam mit etwa 1000 Besuchern strebt man einem der zwei Höfe in der Ebene 0 des Neuen Museums zu. Den Griechischen Hof mit imposanter Höhe umsäumt ein schmaler Sims aus Sandstein, auf dem verteilt neun Tänzer wie Plastiken an der Wand lehnen. Mit sparsamer Gestik beleben sie sich zu einer Komposition für zwölf Streichinstrumente und zwei Schlagzeuge von Georg Friedrich Haas, drehen, wenden sich, ballen sich zur Tympanongliederung, als wollten sie mit jenem brüchigen Fries korrespondieren, der den Raum in wohl zehn Metern Höhe umzieht. Dann lösen sie sich voneinander, liegen schwebend auf der Hüfte, steigen herab, mischen sich zu Streicherflimmern unter die Zuschauer. Eine Tänzerin möchte den Sims erklimmen, doch es gibt kein Zurück. In Gruppen erobern sie zu drängendem Klang die Fläche, zwingen die Gäste auszuweichen, zu reagieren. Überall heben sich einzelne Körper wie Signale aus der Menge, bis nach 15 Minuten die Eröffnungssequenz endet und die Karawane dem Nachbarraum zuwandert. Dort, im Ägyptischen Hof mit seinen zwei Etagen, markieren Säulen die natürliche Szene für weitere Darsteller. In personell stets wechselnder Konstellation kommt es zu Begegnungen, die auch Widerstand, Freiheitsbegrenzung, Gewalt einschließen. Wen die Neugier fort treibt, der defiliert einfach weiter.

So beginnt Sasha Waltz ihre »Dialoge 09 Neues Museum« und weiht damit körperlich intensiv den Stüler-Bau auf der Museumsinsel ein. Seit Kriegsende stand er halb zerstört und verwaist, wurde in zwölf Jahren für 200 Millionen restauriert, respektive modern ergänzt, steht nun exemplarisch für die Aneignung von Tradition, die Wunden respektiert und mit Neuem verschweißt. Gespannt nehmen Gäste und Tänzer die nächsten drei Ebenen des Prachtbaus in Besitz. Die Choreografin Waltz verknüpft dafür die 37 Tänzer von Sasha Waltz & Guests und fast ebenso viele Musiker und Sänger von Vocalconsort Berlin und Solistenensemble Kaleidoskop zu einer Compagnie, die schier jedem der zahllosen Säle künstlerisch entsprechen will, immer wieder architektonische Gegebenheiten einbezieht. Die Historie vertreten Damen im Reifrock, die majestätisch über die Treppen schreiten, zwei Frauen mit pharaonischem Kopfschmuck gemahnen an die Vergangenheit wie an die Zukunft, wenn zum Herbst etwa das Ägyptische Museum hier einzieht.

All die Säulen und Stützen, restfarbigen Wände und Fresken, Portale und Bodenmosaiken machen es beim Rundgang dem Tanz nicht immer leicht, sich zu behaupten. Wacker gliedert er sich in Duo oder kleiner Gruppe den Rotunden ein, verklemmt Tänzer hoch oben in Nischen, kämpft gegen einen kolossalen Apollon an. Zentraler Treff ist jeweils das von David Chipperfield zeitgemäß schlicht eingefügte Treppenhaus, für das Sasha Waltz in großer Besetzung die eindrücklichsten Bilder gelingen. Musik von Ligeti, Kurtág, Xenakis hallt von Raum zu Raum, wie Zauberer ziehen die Tänzer ihr Publikum mit sich, weben es ein, lassen es mit fluten und fließen. Wenn sich nach gut zwei Stunden alle im Treppenhaus sammeln, um dem Adagio zu lauschen, trifft sich eine verschworene Gemeinschaft zum Finale von Waltz’ wohl ehrgeizigstem »Dialoge«-Projekt.

Noch bis 30.3., Neues Museum, Bodestr. 1-3, Mitte, Tel.: 288 88 588, Infos auf: www.radialsystem.de

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