»Wir wollen arbeiten«

Sieben entlassene VW-Leiharbeiter sind im Hungerstreik

  • Reimar Paul, Hannover
  • Lesedauer: 4 Min.
Seit mehr als einer Woche befinden sich sieben VW-Leiharbeiter im Hungerstreik. Den Männern wurde gekündigt, obwohl die Abwrackprämie derzeit für einen beispiellosen Auftragsboom an einigen Konzernstandorten sorgt.

Es gibt schönere Plätze zum Campieren. Beton und Asphalt, wohin man blickt. Die beiden Zelte stehen am Rande eines großen Parkplatzes. Nur wenige Meter entfernt führt eine Straße vorbei. Verkehrslärm dröhnt von einer Kreuzung und vom nahen Busbahnhof Hannover-Stöcken herüber. Auf der anderen Seite ragt ein gewaltiger Zaun empor, dahinter befindet sich das Betriebsgelände der VW-Nutzfahrzeugsparte. Dort fertigen etwa 15 000 Beschäftigte neben verschieden Transportertypen auch Zylinderköpfe und Saugrohre. Doch die Nutzfahrzeugsparte kämpft derzeit mit einer drastisch gesunkenen Nachfrage. Zu Spitzenzeiten arbeiteten hier einmal mehr als 900 Leiharbeiter, nun wurde Ende März den letzten 213 von ihnen gekündigt.

»Deshalb stehen wir hier«, sagt Levent Tagay. Der Türke war bis Ende März als Leiharbeiter im VW-Werk unter Vertrag. Jetzt kämpft er gemeinsam mit anderen Gekündigten um eine Weiterbeschäftigung. Lediglich 90 Zeitarbeiter, so erzählt Tagay, hätten neue Verträge erhalten. Einigen weiteren Kollegen habe man schlecht bezahlte Arbeit bei VW-Tochterfirmen in ganz Deutschland angeboten. »Einer sollte für 7.35 Euro nach Ingolstadt, und das für drei Monate befristet.« Der Kollege habe seinen Wohnsitz und Familie in Hannover, »er hat das abgelehnt«.

Am 26. März trat der erste der mittlerweile sieben Leiharbeiter in den Hungerstreik. Isa Güner hat die Aktion inzwischen abgebrochen. Er erlitt einen Schwächeanfall, klappte zusammen und musste mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht werden. Die Ärzte diagnostizierten Unterzuckerung. Güner hat seitdem Diabetes. In den Zelten liegen die Hungerstreikenden auf Matratzen und Schlafsäcken. Außen an die Zeltwand haben sie Ausschnitte aus Lokalzeitungen, Unterschriftenlisten und Solidaritätserklärungen angeklebt. Eine kommt von der »Gemeinschaft ehrlicher Metaller« in Emden. Weiter hinten steht ein blaues Dixi-Klo. Die Protestierenden mussten die Miettoilette auf eigene Kosten ordern, nachdem ihnen der Werkschutz den Zutritt zu den Waschräumen auf dem Betriebsgelände verboten hatte. »Dabei hatten wir doch bis Ende März noch gültige Werksausweise«, schimpft Tagay.

In der Bevölkerung wachse die Unterstützung für den Hungerstreik, sagt Tagay. Anwohner brächten Holz und Wasser vorbei, einige hätten auch Geld gespendet. »Ein Mann hat von der Aktion im Radio gehört, er ist dann von der Autobahn abgefahren und hat hier eine Kiste Mineralwasser abgestellt.« Vertreter der LINKEN seien auch schon vor Ort gewesen. Die kleine anarchosyndikalistische Freie Arbeiterunion (FAU) unterstützt den Hungerstreik nach Kräften. Am Zaun um den Parkplatz flattern Transparente. »Viel Gerede, wenig Taten, noch weniger Wirkung: wir sind arbeitslos«, steht auf einem. In einen Pfeiler hat jemand eine kleine rote Fahne mit »IG Metall«-Aufdruck gesteckt. Dabei sind die Streikenden auf ihre Gewerkschaft gar nicht gut zu sprechen. »Die lassen uns ziemlich hängen«, klagen sie. Nur als der NDR da war, hätten einige Leute »aus dem Apparat« den Weg nach Stöcken gefunden.

Uwe Stoffregen, Sprecher des IG Metall-Bezirks Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, sagt dagegen: »Wir haben Verständnis für die Sorgen und Nöte der Leiharbeiter.« Den Hungerstreik unterstütze die Gewerkschaft aber nicht, »weil er die Gesundheit gefährdet«. Im Übrigen, so Stoffregen, seien die 90 neuen Verträge unter Vermittlung von Gewerkschaft und Betriebsrat abgeschlossen worden. Für die anderen Betroffenen sehe es allerdings »eher schlecht« aus.

Doch damit mögen sich die Hungerstreikenden nicht abfinden: »Wir wollen hier weiter arbeiten, wie die Stammbelegschaft ins Kurzarbeiterprogramm aufgenommen werden oder zu denselben Bedingungen in ein anderes norddeutsches Werk wechseln.« Etwa nach Wolfsburg, »dort brummt es doch«. Tatsächlich sorgt die Abwrackprämie für mehr Nachfrage nach Pkw. Im Wolfsburger Stammwerk werden zurzeit Sonderschichten geschoben. Um der großen Nachfrage nach dem Golf zu begegnen, werden im April drei zusätzliche Schichten an zwei Sonnabenden und einem Sonntag gefahren, bestätigt eine Konzernsprecherin. Derzeit gebe es täglich bis zu dreimal so viele Bestelleingänge wie sonst üblich.

Bei VW hatte es wegen der Absatzkrise Ende Februar zum ersten Mal seit 25 Jahren in mehreren Werken Kurzarbeit gegeben. Betroffen davon waren rund 61 000 der etwa 92 000 VW-Beschäftigten. Vor einem der Zelte sitzt Tufan Cicek auf einem wackeligen Campingstuhl. Er begann am Donnerstagabend vergangener Woche als erster mit dem Hungerstreik. Obwohl die Sonne scheint, hat er sich in Wolldecken eingemummelt, eine Mütze und die Kapuze des Parkas tief ins bartstoppelige Gesicht gezogen. Ab und zu trinkt er einen Schluck aus einer Wasserflasche.

»Der zieht das durch«, sagt Tagay. Die Umstehenden, die auf Bänken um eine Feuertonne hocken und das Geschehen beobachten, nicken.

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