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Ein Tagebuch aus Ravensbrück

Die luxemburgische Kommunistin Yvonne Useldinger beschrieb ihr Schicksal als KZ-Häftling

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 2 Min.

23 Jahre alt ist Yvonne Useldinger, als sie am 3. Dezember 1944 beginnt, Tagebuch zu schreiben. Zu diesem Zeitpunkt schmachtet die luxemburgische Kommunistin schon 18 Monate im KZ Ravensbrück. Ende April 1945 wird sie vom Roten Kreuz herausgeholt. Die letzte Eintragung macht sie am 27. April im Zug nach Schweden.

In ihrer Dissertation analysierte Kathrin Mess das Tagebuch. Eine überarbeitete Version der Doktorarbeit erschien als Buch. Das Tagebuch ist darin enthalten. Hilfreich sind die Anmerkungen, weil der Text ohne eine Erklärung der Hintergründe kaum verständlich wäre. Am Wochenende las Mess in Ravensbrück aus den Aufzeichnungen der kürzlich verstorbenen Yvonne Useldinger. Die Luxemburgerin hatte sich bei ihrem Arbeitskommando in den Siemenswerken heimlich einen Bleistift vom Tisch des Meisters genommen. Das Heft verbarg sie tagsüber in ihren Hosen oder in einer Maschine, nachts schlief sie darauf.

Yvonne Useldingers Vater, der Metallarbeiter Alfons Hostert, pflegte Kontakte zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. 1933 nahm die Familie in ihrem Haus Menschen auf, die vor den Nazis aus Deutschland flohen. Useldingers Mann Arthur war Kommunist. Er gründete die Gesellschaft der Freunde der Sowjetunion.

Als die Wehrmacht 1940 das Großherzogtum Luxemburg besetzte, kümmerte sich Yvonne um Flugblätter und illegale Zeitungen, hörte Radio Moskau und verbreitete Nachrichten, sammelte Geld für die Familien verhafteter Genossen. 1942 wurde sie selbst ins Landgerichtsgefängnis Trier gesperrt, obwohl sie schwanger war. Tochter Fernande kam nach der Geburt zur Großmutter. Dem Vater gelang es, sich bis zur Befreiung zu verbergen.

Nach dem Krieg wurde Arthur Useldinger Bürgermeister von Esch, der zweitgrößten Stadt Luxemburgs. Er wirkte außerdem als Sekretär der Kommunistischen Partei, Yvonne wurde ins Zentralkomitee gewählt. Doch in den 70er Jahren zog sich das Ehepaar aus Schlüsselpositionen zurück. Es war noch nachträglich erschüttert vom Hitler-Stalin-Pakt und enttäuscht von den Lebensbedingungen in der Sowjetunion. Arthur schloss 1977 ein Studium als Kameramann an der Moskauer Filmhochschule ab. Mess entdeckte bei ihrer Textanalyse, wie die Sprache der SS-Aufseher ungewollt in Useldingers Bewusstsein eindrang. So benutzte die Luxemburgerin den Begriff »Abgang«, wenn sie vom Mord an Häftlingen schrieb.

Kathrin Mess: »...als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle«, Metropol, 327 Seiten (brosch)., 24 Euro, ND-Buchbestellservice, Tel.: (030) 29 78 17 77

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