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Wider das »Pack Gottes«

Geballte Religionskritik bietet im Ballhaus Naunynstraße »Nathan Messias«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.
Ist ihre Macht bedroht, schreckt die Kirche auch vor Mord nicht zurück.
Ist ihre Macht bedroht, schreckt die Kirche auch vor Mord nicht zurück.

Eine TV-Dokumentation über Jerusalem zeigte kürzlich, wie sich in der Grabeskirche Würdenträger christlicher Gruppen eifernd an Gewand und Gurgel gehen. In solch aufgeheizte Atmosphäre stellen Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ihre Adaption »Nathan Messias« frei nach Lessing. Was der Aufklärer 1783 zur Zeit der Kreuzzüge spielen lässt, legt das Duo ins künftige Jerusalem, lässt indes keinen Zweifel an der Aktualität der Problematik.

Regisseur Neco Celik, durch seine Inszenierung »Schwarze Jungfrauen« der selben Autoren bekannt, hat für die Uraufführung das Ballhaus Naunynstraße von Alexander Wolf durch weiße Gaze in eine beklemmend enge Höhle verwandeln lassen. Auf wackligen Dreibeinen umsitzt man die Spielfläche so unbequem, wie es die behandelte Thematik ist. Höllenlärm und Flackerlicht liegen über der Szene, auf der ebenfalls unter Gaze zerborstene Steine hervorquellen. Daneben sitzt abgewandt auf bepflanzter Tonne mit hochragendem Baum die Titelgestalt. Zielstrebig spitzt sich der Konflikt zu.

Rebecca erlebte vor der Stadt Nathan, der sich Messias nennt, und ist von ihm beeindruckt. Er bringe nicht das Volk auf, nur die Mächtigen, verteidigt sie ihn vor dem Vater. Der ist Jerusalems jüdisch-pragmatischer Bürgermeister, vom steten Zusammenprall der drei Weltreligionen zermürbt. Wenig begeistert ihn auch, dass Rebecca den Moslem Jamal liebt. Moslem-Romeo schimpft er ihn, nennt Nathan einen durchgeknallt delirierenden Möchtegern-Propheten. Bonbons werfend und heiser lachend stelzt da auf angeschnallten Krücken und mit Rollator ein Alter herein, der in Personalunion die Weltreligionen verkörpert. Mit seiner Zunge entspinnt sich ein Streit zwischen Rabbi, Imam und Kardinal um historische Schuld, Existenzrecht, Besitztum der heiligen Stätten.

Größte Bedrohung, sind sie sich einig, sei Nathan, der müsse weg. Der Bürgermeister stimmt zu, verteidigt aber clever alle Religionen. Nathan verwirre die Gläubigen, wir haben keine Antworten mehr, krächzt die Dreiheit. Auch Jamal beargwöhnt den Fremden, weil sich Rebecca ihm zuwendet, der Christ Michael wiederum, der das Mädchen aus brennendem Haus rettete, hasst den Moslem, stichelt beim Vater gegen ihn.

So verquickt sich im Privaten wie im Gesellschaftlichen jener unheilige Glaubenskrieg. In flammendem Monolog rechnet Nathan, der Satan der Heiligkeit, mit den drei Religionen ab, nennt Israeliten, Christen, Moslems Pack Gottes, weil sie dem Glauben mehr glauben als Gott, sieht sich als Erlöser aller. Dass er immer mehr Menschen in Bann schlägt, beunruhigt kirchliche und weltliche Macht. Der Bürgermeister mit Clownsnase sucht ihn aus der Stadt zu komplimentieren, die kränkelnden Religionen tun, was sie stets in solchem Fall taten: Sie planen den Mord, dingen den verhetzten Michael. Misslingt sein Attentat, weil die Menge Nathan schützte, schießt Michael im zweiten Anlauf zwar, trifft aber Rebecca, die gerade den Eid spricht. Jamal erwürgt den Täter, Nathan ruft feurig: Ich bin bereit, Herr.

Kein Stück mit rasanter Handlung ist »Nathan Messias«, eher ein religionsphilosophischer Exkurs von immenser Sprachwucht und politischer Sprengkraft. Weder kirchlichen noch weltlichen Autoritäten käme ein Messias zupass, würde er doch Pfründe und Legitimation in Frage stellen. Lessings versöhnlicher Schluss taugt heute nicht mehr, Veränderung tut not. Das exzellente internationale Schauspielersextett vermittelt diese Gewissheit aufrüttelnd engagiert.

Wieder 27.-29.4., 20 Uhr, Ballhaus Naunynstraße, Naunynstr. 27, Kreuzberg, Tel. 347 45 98 99, weitere Infos im Internet unter www.ballhausnaunynstrasse.de

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