Werbung

Mama lernt Deutsch

Zehn Jahre Mütterkurse in Berliner Schulen

  • Von Silke Katenkamp
  • Lesedauer: 4 Min.

Ramije aus Mazedonien steht schüchtern vor der Tafel und schlägt mit dem rechten Arm in die Luft. Immer wieder schnellt der Arm der kleinen dicken Frau mit dem Kopftuch in die Höhe, vor und zurück, vor und zurück. Davor sitzen zehn Frauen auf Holzstühlen im Kreis und schauen sie ratlos an. »Du spielst Handball«, ruft plötzlich eine, Ramije nickt, lächelt breit und lässt sich unter dem Applaus der Klasse erschöpft auf einen Stuhl sinken. Was zunächst so aussah wie Selbstverteidigung ist eine Art von Lehrerin Kathrin Dehlan, ihren Schülerinnen Deutsch beizubringen. Heute stehen Sportarten auf dem Programm.

»Mütterkurs« heißt der Unterricht, für den die Frauen fünfmal in der Woche für mehrere Stunden in die Wedding-Grundschule in Mitte kommen, zeitgleich mit ihren Kindern, von denen viele hier zur Schule gehen. Gemeinsam mit den Volkshochschulen hat der Senat das Angebot vor zehn Jahren gestartet. Neben Frankfurt am Main war die Hauptstadt damit bundesweit Vorreiter. Mittlerweile finden sich ähnliche Angebote in ganz Deutschland. Die Idee: Über das Lernen der Sprache sollen ausländische Eltern mit dem Umfeld ihrer Kinder in Kontakt kommen – und Scheu vor Schule und Lehrern verlieren.

»Es war furchtbar. Ich habe mich immer sehr geschämt, wenn ich die Lehrer auf den Elternabenden nicht verstanden habe«, beschreibt die Libanesin Zeinab die Zeit vor ihrem Mütterkurs. Die lebhafte Frau mit den langen dunkelblonden Locken, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, ist eine von zwölf Müttern, die an diesem Vormittag den Weg in die Wedding-Grundschule gefunden haben. Sie kommen aus der Türkei und dem Libanon, aus Mazedonien, Polen, Kambodscha, Ägypten und Syrien.

Zeinab hat vor 17 Jahren ihre Heimat verlassen. Ein Job lockte ihren Verlobten nach Deutschland. Während der Ehemann bei der Arbeit und die drei Kinder in Schule oder Kindergarten die fremde Sprache lernten, lebte Zeinab von Deutschen mehr oder weniger isoliert. »Dabei wollte ich doch immer wissen, ob meine Kinder gut oder schlecht sind.« Seit sie den Mütterkurs besucht, geht sie gerne zu den Elternabenden ihrer drei Kinder, von denen das jüngste gerade im gleichen Gebäude die Schulbank drückt.

»Dies ist kein Einzelfall«, sagt Grundschullehrerin Renate Kuhl, die die Mütterkurse an der Wedding-Grundschule leitet. Die meisten Teilnehmer sind Frauen, auch wenn sich das Angebot mittlerweile auch an die Väter richtet. »Die Frauen beginnen mit dem Deutschlernen häufig erst, nachdem sie schon jahrelang hier sind«, erzählt Kuhl. Der Grund: »Die Kursteilnehmerinnen haben im Schnitt drei bis vier Kinder. Für eine Anmeldung entschließen sich die meisten erst, wenn alle in die Schule gehen.«

Das häufig verwendete Vorurteil, in Deutschland lebende Ausländer hätten kein Interesse daran, Deutsch zu lernen, stimmt nach Ansicht von Kuhl nicht. »Die sind alle ganz versessen darauf.« Die Zahlen geben ihr recht. 2007 besuchten allein in Berlin 6500 Eltern mit nichtdeutscher Herkunft einen Mütterkurs.

Dabei ist es nicht allein die Sprache, die sie in die Kurse treibt. »Vielen ausländischen Müttern und Vätern ist das deutsche Bildungssystem völlig fremd«, erklärt Kuhl. »Sie wissen zum Beispiel gar nicht, dass sie nicht nur Rechte haben, sondern auch Pflichten der Schule gegenüber.« Das sei etwa ein Grund dafür, dass Elternsprechtage an Schulen mit einem hohen Ausländeranteil häufig verwaist blieben.

Seit 2004 arbeiten deswegen Lehrerinnen wie Renate Kuhl in den Mütterkursen. Von ihnen erfahren die Eltern etwas über die Lerninhalte und Unterrichtsmethoden in den Grundschulen. Was ist ein Elternsprechtag? Was gehört in einen Schulranzen? Wie sieht der Arbeitsplatz des Kindes zu Hause aus?

Im Mütterkurs hat die Libanesin Abira zum Beispiel erfahren, dass ihr Sohn an der Schule Nachhilfe bekommen kann. »Er hat Probleme mit Mathe. Jetzt nimmt sich ein Lehrer einmal in der Woche für zwei Stunden Zeit für ihn.« Abira hat ihre Heimat vor drei Jahren auf der Flucht vor israelischen Bomben verlassen. Zum Kurs kommt sie gern. »Die Ferien sind immer langweilig«, sagt die 29-Jährige lächelnd. Am meisten freut sie sich aber über etwas anderes. »Meine Tochter ist sehr stolz auf mich, weil ich jetzt auch zur Schule gehe.« dpa

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal