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Ein Opfer der Aktion Gewitter

Vor 65 Jahren wurde Ernst Thälmann im KZ Buchenwald ermordet

Ernst Thälmann in Haft; hier in Hannover
Ernst Thälmann in Haft; hier in Hannover

65 Jahre danach kann die offizielle Geschichtspolitik widersprüchlicher kaum sein. Die Attentäter vom 20. Juli erfahren hohe Wertschätzung ob ihres mutigen Versuchs zur Beendigung von »Unrecht und Terror« in Deutschland. Doch nicht nur die von Hitler als »ehrgeizige, gewissenlose und zugleich verbrecherische, dumme Offiziere« denunzierten Verschwörer fielen im Sommer 1944 der grausamen Rache der Nazis zum Opfer. Auf dem Spickzettel, auf dem der Reichsführer SS Heinrich Himmler das ihm von Hitler bei einer Besprechung am 14. August in der »Wolfsschanze« diktierte Urteil gegen Attentäter und Mitwisser notiert hatte, ist unter Punkt 12 auch zu lesen: »Thälmann. Ist zu exekutieren«. Der damals 58-jährige KPD-Vorsitzende bleibt heute in der offiziellen und öffentlichen Erinnerung und Würdigung jedoch weiterhin ausgeschlossen. Oder ist gar Zielperson politischen Streits, etwa um Erinnerungsorte in Herzberg (Elster) oder Ziegenhals bei Berlin.

Vier Wochen nach der Erschießung des Attentäters Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Hof des Bendlerblocks fuhr vom Zuchthaus Bautzen kommend ein Fahrzeug vor das KZ Buchenwald. Etwa um Mitternacht zum 18. August öffneten sich die Tore der Haft- und Mordstätte auf dem Ettersberg. Wenig später durchbrachen auch hier Todesschüsse die nächtliche Stille. Sie galten dem von über elf Jahren Haft gezeichneten NS-Sonderhäftling Thälmann. Wahrheitswidrig hieß es im »Völkischen Beobachter« am 16. September, er sei bei einem Luftangriff alliierter Streitkräfte auf die Umgebung Weimars ums Leben gekommen. Auch Rudolf Breitscheid, bis 1933 SPD-Fraktionsvorsitzender im Reichstag, sei so getötet worden.

Den untrennbaren Zusammenhang zwischen den Schüssen von Berlin und Buchenwald hat erstmals der Berliner Historiker Ronald Sassning nachgewiesen. Unter dem Codenamen »Gewitter« hatte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) im Sommer 1944 eine noch nicht gekannte Verhaftungswelle ausgelöst. Sie erfasste nicht nur den Kreis der Verschwörer vom 20. Juli und ihr unmittelbares Umfeld. Kommunisten, Sozialdemokraten sowie bürgerliche Hitlergegner kamen in die Fölterhöhlen der Gestapo, vor den berüchtigten »Volksgerichtshof« Freislers, wurden zum Tode oder Haft in KZ und Zuchthäusern verurteilt.

Die Entfesselung des Terrorapparates in seiner ganzen Wucht und Härte kam nicht von ungefähr. Gestapo-Chef Heinrich Müller hatte bereits im Frühjahr 1944 zur Überlebensstrategie angesichts drohender Kriegsniederlage erklärt: »Wir werden nicht den gleichen Fehler machen, der 1918 begangen wurde. Wir werden unsere innerdeutschen Feinde nicht am Leben lassen.« Es gab einen Sondermordplan gegen Thälmann. Federführend war das Referat IV A Ia des RSHA mit Günther Pütz.

Bereits vor 1933 war Thälmann den Naziführern politischer Intimfeind. Anfang 1944 zog der damals im Zuchthaus Bautzen einsitzende Hamburger in einem Brief ins Kalkül, dass man nicht davor zurückschrecken werde, ihn »vorzeitig beiseite zu schaffen oder aber für immer zu erledigen«. Seinem Selbstverständnis nach war er bereit, als »Soldat der Revolution« zu sterben. Denoch: Welche Gedanken und Gefühle mögen ihn beschlichen haben, als er nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli aufgefordert wurde, sich für den »Transport« bereit zu machen? Vielleicht hat er an John Schehr und Genossen gedacht, die am 1. Februar 1934 angeblich »auf der Flucht«, in Wahrheit hinterrücks erschossen worden sind. Es wird vor seinem geistigen Auge sein bewegtes, keineswegs widerspruchsfreies Leben abgelaufen sein.

Zwei Mal hatte er für das höchste Amt in der Republik kandidiert, war 1925 wie auch 1932 im zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl abgeschlagen auf Platz 3 gelandet. Die ultralinke Wendung in der Politik der KPdSU und Komintern 1928 stärkte einerseits seine Position in der deutschen KP. Andererseits befand er sich damit an der kurzen Leine Stalins, war angewiesen auf dessen Wohlwollen. Bei den Verhandlungen zum Hitler-Stalin-Pakt von 1939 blieb das Schicksal des da bereits vier Jahre in Haft befindlichen KPD-Chefs ausgeklammert.

Der Nachrichtendienst der KPD war überfordert, den nach dem Machtantritt der Nazis am 30. Januar 1933 in einer als illegales Quartier ungeeigneten Berliner Wohnung untergekommenen Parteiführer und dessen Stab ausreichend zu schützen. Am 3. März 1933 wurde Thälmann von der Schupo verhaftet. Im Kerker reifte der Antifaschist. Er sah die Niederlage Hitlerdeutschlands und fast zeitgenau das Kriegsende voraus, das er jedoch nicht mehr erlebte.

1987 hat die bundesdeutsche Gerichtsbarkeit als Ergebnis im zähen politischen und juristischen Ringen beider deutscher Staaten anerkannt, dass Thälmann von der SS erschossen worden ist. Für seinen Tod am 18. August 1944 aber tragen nicht nur die der DDR-Agitation gegen die Bundesrepublik in den Vordergrund gestellten »Thälmann-Mörder« des Exekutionskommandos, sondern vor allem Hitler, Himmler und Pütz die Hauptverantwortung.

TV-Tipp: Am 13. September (20.15 Uhr) strahlt MDR einen Beitrag über »Ernst Thälmann, wie er wirklich war« aus.

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