Modemesse gibt sich authentisch

Bread and Butter ging am Freitag in Tempelhof zu Ende / Wachstumspläne für Sommer-Ausgabe

  • Tom Mustroph
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie von unsichtbarer Hand gezogen strebten sorgfältig gekleidete Menschen in den vergangenen Tagen einem Ort am südlichen Rand Kreuzbergs zu. Sie waren nicht immer teuer angezogen, achten aber darauf, dass jedes Accessoire stimmt. Manchmal gleicht sogar die Art, in der sie ihre Haare bürsten, dem Verlauf des in das Tuch gewebten Garns, in das sie sich hüllen. Diese Neuankömmlinge mischen sich mit der üblicherweise auf ihr Aussehen nicht besonderen Wert legenden Einwohnerschaft rings um den Flughafen Tempelhof. Dort drinnen verschwinden sie indes auch. Der ehemalige innerstädtische Flughafen ist für drei Tage Standort der winterlichen Ausgabe der Modemesse Bread and Butter. Das enorme Aufkommen von Besuchern stellt, weil es auf einen Punkt konzentriert ist, sogar die bald beginnende Berlinale in den Schatten. Wer jetzt nach Tempelhof fährt, bemerkt staunenden Auges, dass die meist nur in Sonntagsreden und Hochglanzbroschüren gelobte Kreativkultur tatsächlich spürbare Auswirkungen haben kann.

Auch die Modemesse selbst steht ganz im Zeichen des Authentischen und Echten. Sie hat sich den Titel »The Original« gegeben. Das verwundert zwar bei einem Geschäftszweig, dessen ureigenster Antrieb gerade im Kaschieren der weniger perfekt erscheinenden originalen Eigenschaften der Kunden besteht. Jedoch hat die Sehnsucht nach dem Echten in den letzten 15 Jahren so massiv die Welt der Kunst und seit mindestens einer Dekade auch die Welt des Fernsehens heimgesucht, dass nun auch die Mode diesem Impuls nicht mehr entgehen kann.

Authentizität übersetzt sich bei dieser Bread and Butter vor allem in robuste Materialien wie Jeansstoff, Leder, Leinen und Wolle. Letztere Textilien sind zudem meist in Naturfarben gehalten. Die Aussteller verstärken den Effekt des Handfesten noch, indem sie – wie etwa Marc O'Polo – knackige Holzscheite in ihre Präsentation integrieren. Andere Modehäuser hoffen auf einen Imagetransfer von bulligen Motorrädern oder Formel 1-Wagen. Die Engländer von Henri Lloyd haben das weltmeisterliche Arbeitsgerät von Brawn-Pilot Jenson Button in ihre Box geholt. Wrangler setzt auf den Reiz des Allerprofansten. Die Jeans dieser Marke sind zum Teil über pittoresk angerostete Ketten gehängt. Mitten im Showroom ist ein ramponiertes Motorrad halb demontiert; ein paar Schraubenschlüssel sind ringsum platziert. Je mehr der Arbeitswelt die Beschäftigten ausgehen, desto kultiger werden die Attribute der Handarbeit. Im funktionslos gewordenen Flughafen bilden der Inhalt der Modemesse und die alte Hülle die perfekte Symbiose.

Man muss den Veranstaltern zumindest Konsequenz in der Suche nach Echtheit bescheinigen. Das Programmbuch der Bread and Butter ist mit einer Bildstrecke von gewöhnlichen Berlinern aufgemacht. Die Macher orientieren sich an der Praxis und erhoffen sich so die Bestätigung ihrer Trends. Ein ganz echtes Einlassen auf die Berliner Bedingungen signalisiert eine Spendenkampagne. Diverse Aussteller haben Produkte für einen Charity-Verkauf bereitgestellt, dessen Erlös Berliner Sozialeinrichtungen zugute kommen soll.

Ein wenig fragwürdig ist die Hinwendung zum Religiösen. Das Buch der Modemarken wird als »Bibel« angepriesen und ist auch als eine solche gestaltet. Statt der überlieferten zehn Gebote gibt es elf neue, die auf die Modewelt zugeschnitten sind. In Zeiten, in denen sich Modemarken selbst den Namen Religion verpassen können, sind der metaphorischen Anmaßung offensichtlich keinerlei Grenzen mehr gesetzt.

Spektakulär und letztlich versöhnend, weil sich hier eine pure Lust am Spiel durchsetzt, ist der Sin Saloon. Dieses im Westernstil gehaltene Restaurant brilliert mit flackernden Kronleuchtern, Schwingtüren, die jedem Hobbydrechsler das Herz im Leibe lachen lassen und einer trotz der ungeheuren Dimension zauberhaften Intimität. Da lässt man sich gern im Westernlook fotografieren, um seinen Teil zur Kampagne der Authentizität beizusteuern.

Verlässt man die Bread and Butter, ist für einige U-Bahnstationen noch der Reiz des Ungewöhnlichen spürbar. Doch spätestens ab dem Bahnhof Kochstraße sind die gut gekleideten Menschen mit den wichtiges Badges um den Hals und den bunten vollgestopften Tüten wieder von der Menge graugesichtiger Berliner mit Bauhaus-, Lidl- und Kaisers-Tüten absorbiert. Berlin ist größer als die Bread and Butter. Aber dieser kleine schicke und sehr internationale Akzent tut der Stadt auch gut.

Die nächste, sommerliche Bread and Butter findet in diesem Jahr vom 7. bis 9. Juli statt. Wie Messeschef Karl-Heinz Müller am Donnerstag ankündigte, soll die Streetwearmesse weiter wachsen. Bei der Sommer-Ausgabe soll es mehr Kinder- und Sportmode geben. Zudem ist mehr Platz für neue Marken geplant.

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