Familie des Maueropfers machtlos

Hohen Neuendorf benennt einen Platz nach der toten Marienetta Jirkowsky, obwohl die Angehörigen das nicht möchten

Die Angehörigen des Maueropfers Marienetta Jirkowsky möchten nicht, dass in Hohen Neuendorf ein Platz nach ihr benannt wird. Politiker sollten der Familie nicht die Erinnerung vorschreiben. Bürgermeister Klaus-Dieter Hartung (LINKE) wollte den Wunsch erfüllen. Doch die Mehrheit der Stadtverordneten weigerte sich jetzt, auf die Benennung zu verzichten.

Es bleibt also dabei: Ein bislang namenloser Kreisverkehr an der B 96 erhält – so wie im vergangenen Jahr beschlossen – den Namen der Toten. Nur eine Straße weiter befindet sich die Stelle, wo sie 1980 versucht hatte, über die Grenze nach Westberlin zu flüchten.

Einen Termin für die Benennung gibt es allerdings noch nicht, erklärte gestern Stadtsprecherin Ariane Fäscher. Jirkowsky kam aus Spreenhagen bei Fürstenwalde. In Hohen Neuendorf von Schüssen schwer verletzt, starb die 18-Jährige im Krankenhaus in Hennigsdorf. Die Flucht hatte das Mädchen mit ihrem Freund und einem weiteren Jungen gewagt. Der Grund: Sie wollte wahrscheinlich einfach nur dem Mann folgen, den sie liebte, obwohl er sich häufig betrank und sie sogar misshandelte. Die Eltern waren gegen diese Beziehung, hatten deswegen Streit mit der Tochter.

Marienetta hatte die Grenzanlagen fast schon überwunden, als sie einen Alarmdraht auslöste, so dass Grenzsoldaten auf sie aufmerksam wurden und das Feuer eröffneten. Den beiden jungen Männern gelang die Flucht. Marienettas Freund suchte noch am Abend seiner Ankunft im Westen eine Disko auf und lachte sich dort eine neue Freundin an. Offenbar wünschten Marienettas Eltern keine Aufmerksamkeit und blockten nach der Wende Journalisten ab.

Es handele sich um ein tragisches Schicksal, meint der Stadtverordnete Lukas Lüdtke, der auch Stadtvorsitzender der Linkspartei ist. Er betont, dass es der Linksfraktion lediglich darum gegangen sei, den Willen der Angehörigen zu respektieren. Nun müsse sie sich ungerechte Vorwürfe anhören. Dabei treffe es ausgerechnet das parteilose Fraktionsmitglied Marian Przybilla. Der frühere Westberliner jedoch kümmere sich um einen ehemaligen Grenzturm im Ortsteil Bergfelde und leiste Aufklärungsarbeit. Ihm sei es wohl zu verdanken, dass die Namen von Jirkowsky und anderen Maueropfern »überhaupt bei uns in Hohen Neuendorf bekannt sind«. Für sein Engagement habe er das Bundesverdienstkreuz erhalten. Beantragt wurde der Marienetta-Jirkowsky-Platz durch die SPD/FDP-Fraktion. Wie wenig ernsthaft diese sich mit dem Thema befasst habe zeige allein die Tatsache, dass sie den Namen im Antrag falsch geschrieben habe, rügt Lüdtke.

Auf der anderen Seite beschwert sich SPD/FDP-Vizefraktionschef Christian Erhardt-Maciejewski, der Bürgermeister habe den Jirkowsky-Platz »torpedieren« wollen. In der Satzung der Stadt stehe, dass die direkten Angehörigen gehört werden sollen, sagt Erhardt-Maciejewski, der als Pressesprecher der FDP-Landtagsfraktion arbeitet. Die Eltern des Mädchens leben aber nicht mehr, Geschwister und Kinder hatte sie nicht. Die Verwaltung habe eine entfernte Verwandte angeschrieben. Die Tante habe dann im Namen der Familie gefordert, der Fall solle nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Es sei allerdings sowieso alles bekannt. Das öffentliche Interesse wiege schwerer, findet Erhardt-Maciejewski. Die LINKE sei von Beginn an gegen den Platz gewesen. Deshalb dränge sich der Gedanke auf, dass ihr das Thema Maueropfer generell nicht gefalle.

Der Stadtverordnete Przybilla ist empört. Schließlich sorgte er persönlich dafür, dass 2006 am Ort des Fluchtversuchs eine Gedenkstele für Jirkowsky aufgestellt wurde. Die Stadt legt hier immer am 13. August einen Kranz nieder. Die LINKE hätte »selbstverständlich« dem Antrag zugestimmt, beachtete aber die Einwände der Familie, versichert Przybilla.

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