Eitler Wahn?

Dresdner Ausstellung: »Was ist schön?«

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein Lüster hängt von der Decke herab, beglitzert den schweren Samtvorhang am Eingang und die weinrote Barocktapete im schwarzhölzern getäfelten Raum. »Wie finden Sie ihn?«, fragt der Ausstellungsführer im Dresdner Hygiene-Museum, und ein schwaches »Schön« ist zu hören. Na, ja, Geschmackssache. Jedenfalls fühlt sich beim Ausstellungsthema, der Frage »Was ist schön?«, jeder angesprochen und jeder kann mitreden. Als anschauliches Beispiel dafür, dass mit Schönheitsstreben auch das nach persönlichen, sozialen Vorteilen gemeint ist, eignet sich die Inszenierung dieses Kabinetts durchaus. An einer Wand hängen Fotos von Filmstars der Gegenwart. George Clooney oder Cate Blanchett etwa rückte der Fotograf Martin Schoeller so dicht auf die Pelle, dass man sie kaum wiedererkennt. Die schonungslosen Großaufnahmen beweisen: Schönheit lässt sich machen. Geschickt das Licht gesetzt – schon haben wir die von »Normalsterblichen« kaum erreichbaren Idealbilder, die uns die Medien aufzwingen – Sehnsuchtsziel und Versprechen zugleich.

Bebildert auch die Frage: Wie gehen wir um mit unserem Wunsch nach Dauerhaftigkeit der Schönheit? Was, wenn wir altern? Herlinde Koelbl hat ein ehemaliges Model fotografiert, Details von Aktaufnahmen sind jeweils ein einzelnes Bild: Welk ist die Haut am ganzen nackten Körper, feine Linien durchziehen sie. Und wo sie schlaff herabhängt, tiefgefurcht, sieht sie aus wie frischgepflügter hügeliger Acker. Man kommt nicht umhin, sie – schön zu finden. Dass Erschöpfung, Schwere, Alter, Müdigkeit auch Jahrzehnte nach Nietzsche und den anderen großen Ästheten noch immer als das Hässliche gelten – Herlinde Koelbl zeigt, dass das Tabu zu brechen ist.

Schön ist auf jeden Fall die Art, wie das Dresdner Hygiene-Museum wieder einmal Aufklärung betreibt – ohne das Feld ganz den Künsten zu überlassen wie 2005 das Haus der Kulturen der Welt in Berlin mit der Ausstellung »Über Schönheit« oder das Schweinfurter Museum Georg Schäfer mit der gerade zuendegehenden Schau »Schön und Hässlich«. Hier wird die Frage aus allen erdenklichen Blickwinkeln heraus beleuchtet (kunstgeschichtlichen, soziologischen, psychologischen, medizinischen, neuroästhetischen u.a.), in Szene gesetzt mit Bild, Film und Ton, Objekten und Mitmach-Technik wie einem sogenannten Spionagespiegel, mittels dessen man sich selbst maßnehmen kann im Vergleich zum mathematisch berechneten Goldenen Schnitt. Bildung durch überraschende Einsichten, Erkenntnisse, mit Spaß zu erwerben – das ist der Erlebnisort Museum im besten Sinne.

Mit seinen thematischen Ausstellungen legt das Hygiene-Museum immer wieder den Blick frei auf eine wunde Stelle unserer Lebenswelt, diesmal ist es die zunehmende Ästhetisierung unseres Alltags. Das Schönsein ist im letzten Jahrhundert in nie dagewesenem Maße zum gesellschaftlichen Zwang geworden. Dessen Folgen drücken sich zum Beispiel im Konsumverhalten aus – ob es um das neueste, teuerste Auto geht, die schickste Kleidung, das hippe Handy – oder indem in den eigenen Körper eingegriffen wird (Schönheits!-Opera-

tion) wie Nasenkorrektur, Brustimplantate oder Fettabsaugung. Anhand von Statistiken und Diagrammen wird gezeigt: Körperlust durch Körperleid ist im Trend. Gesichtsfalten werden unterspritzt, Bauchdeckenplastiken eingesetzt, Beine gebrochen zwecks Verlängerung und – der »Playboy« hat es 2001 propagiert –, selbst die Vulva bekommt ein neues Design. Immer mehr Menschen legen sich unters Messer, um gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen, ähnlich dem armen Michael Jackson, denn schönen Menschen wird ein Vertrauensbonus gewährt, sagen Untersuchungen, größere Menschen erhalten mehr Gehalt – Anerkennung, Karriere hängen sehr stark davon ab, ob man bei seinem Gegenüber den Nucleus accumbens im »Belohnungssystem« des Gehirns aktiviert. Und dieser Vorgang – und auch wenn andere Erscheinungen nach Attraktivität beurteilt werden sollen – wird sehr schön mit leuchtendem Glasmodell in einem Raum der Ausstellung demonstriert.

Was bedeutet es, dass Bewerbungsschreiben ein Foto beigefügt werden muss? Das bessere Aussehen bei gleichen Voraussetzungen der Bewerber trennt, wie die Spreu vom Weizen. Lediglich in den USA ist solch ein Bewerbungsbild nicht verlangt – und auch nicht im Hygiene-Museum. Eine Gesetzeslücke im 2006 erlassenen bundesdeutschen allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz wird offenbar: Es geht nur auf Geschlecht, Hautfarbe, Behinderung ein, nicht aber auf die Frage nach äußerlicher Attraktivität. Dass man sich gegen die Diskriminierung wehren kann, wird ebenfalls gezeigt. Gegen das Diktat der genormten Schönheit kämpft die Fight-Lookism-Initiative. Ebenso ein Schönheitswettbewerb der unüblichen Art, dessen Trophäe ausgestellt ist: eine Beinprothese für »Miss Landmine« aus Angola. Die erstmals 2008 stattgefundene Konkurrenz hatte natürlich vor allem politisch-appellative Funktion.

Bereits von Kindesbeinen an werden wir auf Schönheit getrimmt, mehr als es unsere scheinbare subjektive Freiheit wahrhaben will. In den Märchen ist immer das Gute schön, das Hässliche ist das Böse. Aber Schönheitsnormen sind veränderlich. Und – zum Glück – ist individuell verschieden, was, wann, warum man etwas als schön wahrnimmt. Wobei es nicht nur ums Sehen, sondern um alle Sinne, auch ums Hören geht. Darum bekommt man in einem der Kabinette auch was auf die Ohren: in bequemen Hörsesseln kann man u.a. Bachs »Kunst der Fuge« oder »Yesterday« von den Beatles genießen – oder auch nicht.

Beim Übergang von einem zum anderen Ausstellungsraum wird man überraschenderweise mit sich selbst konfrontiert, mit der eigenen narzisstischen Neigung: Ein ganghoher Spiegel, so lang wie der Korridor, wirft im Dämmerlicht unser Abbild zurück. Spiel mit der Eitelkeit: Ich ist ein Anderer?

Dass auch das Unscheinbare sehr schön sein kann, weil es überschaubar ist, Sicherheit vermittelt – dafür ziehen die Ausstellungsmacher ein Beispiel heran, das man hier nicht vermutet hätte, aber durchaus in den Zusammenhang gehört: die Modelleisenbahn samt einem betreibenden Verein. Schöne heile Welt – ist sie's nicht im Großen, erschafft man sie im Kleinen.


Foto: Julian Opie: »Suzanne walking forward«, 2005 – quasi ein Dauerlauf in der Ausstellung. Seit 2002 entwickelt der britische Künstler Julien Opie auf der Basis von Tausenden von Fotos und mehreren Stunden Videoaufnahmen kurze Animationen. Seiner Ansicht nach existiert wahre menschliche Schönheit nur in der Bewegung. Der aufreizende Gang dieser Figur, mit sexy Hüftschwung dank der Schuhe mit hohem Absatz (»High Heels«), ist ein Signal für feminine Attraktivität und funktioniert selbst in der starken Abstraktion der Computeranimation.

Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, Dresden: Was ist schön? Bis 2. Januar 2011, Di-So und Feiertage 10-18 Uhr. 1. Januar, 24. und 25. Dezember geschlossen.

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