Erziehen wie Jesus

Kinder brauchen Eltern, die auch mal zornig und laut werden

Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann sieht in der Unentschiedenheit und im Erklärungswahn vieler Eltern im Kontakt mit ihren Kindern eine der Hauptursachen für Streitigkeiten in der Familie und den Autoritätsverslust vieler Eltern. In seinem neuen Buch rät Bergmann daher, sich an der klaren Sprache Jesus ein Beispiel zu nehmen

»Redet nicht so viel, begründet nicht zu viel, erklärt nicht zu viel – eure Erklärungen klingen ohnehin fast immer wie Entschuldigungen.« Bergmann, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover, findet, »dass junge Menschen ein Recht haben auf die Klarheit des ›Ja, ja, nein, nein‹«, wie Jesus es pflegte. Nicht umsonst lautet der Untertitel seines neuen Buchs: »Was Eltern von Jesus lernen können«. Der Autor erzählt darin immer wieder Begebenheiten aus dem Neuen Testament und leitet daraus Empfehlungen für heutige Eltern ab. Bergmann hält zwar Einiges von Disziplin, aber wenig bis nichts von disziplinarischen Maßnahmen oder Strafen und stellt sich vehement – auch in Fernseh-Talkshows oder Zeitungsdisputen – gegen die Ansichten des Pädagogen und Publizisten Bernhard Bueb (»Lob der Disziplin«), der für eine Erziehung aus »Führen und Wachsenlassen, Disziplin und Liebe, Kontrolle und Vertrauen« wirbt – aber eben auch für kindlichen Gehorsam. Bergmann hingegen betont neben der Liebe das gute Eltern-Beispiel, die wohlwollende Aufmerksamkeit für Kinder und die Achtung ihrer heranreifenden Persönlichkeiten: »Wer Kinder liebt und sich ihnen zuwendet, wie es Jesus tat, der ist selbst dem Geheimnis des Lebens und der Liebe nahe. Dies können wir lernen – von Jesus ebenso wie von unseren Kindern.«

Der frühere Chefredakteur der »Deutschen Lehrer Zeitung« sieht durchaus ein Erfahrungs- und Führungsgefälle zwischen Eltern und Kindern und will deshalb besonders in einem Punkt nicht missverstanden werden: »Kinder wollen nicht gleichberechtigt sein, sie wollen beschützt werden«. Fehle dieser Schutz oder relativierten Eltern ihre Aussagen und Haltungen fortwährend, »dann werden Kinder fordernd und manchmal fast hochmütig, wohinter sich aber oft Traurigkeit verbirgt, denn die Kinder spüren, dass sie schon verlernt haben, nach dem Glück zu streben«.

Entscheidend aber sei eine Erziehung in Liebe, »alles andere geht schief«, befindet Bergmann. Kinder müssten sich in ihrem aufkeimenden Selbst stets bei ihren Bezugspersonen vergewissern; diese müssten sie achtsam anschauen. Kinder brauchten kein selbstvergessenes, ängstliches Betütteltwerden durch ihre Eltern, sondern aufmerksame Zuwendung. »Wenn sie nicht ausreichend Geborgenheit finden bei ihren Eltern oder anderen, vertrauten Menschen, dann werden sie unruhig, reißen sich los, und stolpern ziellos vorwärts, stürzen und schreien und haben keine Zuflucht, erfahrungsleer, gefühlsleer«, schreibt Bergmann. Traurige Beispiele seien hyperaktive Kinder, »die alles wollen und an nichts Freude finden«. Ihre Zahl wachse »dramatisch, wie eine Epidemie«.

Eltern sollten ehrlich, wahrhaftig sein gegenüber ihren Sprösslingen, echte Menschen mit Gefühlen eben, auch unangenehmen. So bricht Bergmann auch ehrlichem Zorn eine Lanze, wie ihn auch Jesus zeigte, etwa als er die Händler aus dem Jerusalemer Tempel scheuchte. Die biblischen Händler flohen beeindruckt, und auch Kindern imponiere ein eindeutiges Wort. »Der Zorn eines Vaters über ein rücksichtsloses oder gemeines Verhalten seines Kindes ist ebenfalls ein Zorn der Wahrhaftigkeit«, schreibt der 61-jährige Kindertherapeut.

Hier decken sich seine Ansichten mit denen des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, der in einem Interview sagte, ständig werde er von Eltern gefragt, ob sie gegenüber Kindern laut werden dürften. Natürlich sei ihnen das erlaubt, »man darf heulen, schreien, alles Mögliche«, sagt Juul. »Kinder brauchen lebende Eltern. Sie brauchen keine Schaufensterpuppen.«

Wolfgang Bergmann kritisiert zwar die Schriften Bernhard Buebs oder auch jene des Bonner Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff (»Warum unsere Kinder Tyrannen werden«), da diese nahe legten, es gebe eine »richtige« Erziehung von der Stange. Doch seine Kritik an der verbreiteten Erziehungspraxis richte sich »überhaupt nicht gegen Selbstdisziplin und Disziplin als soziale empathische Wahrnehmung und Ordnung des Verhaltens – sehr im Gegenteil«, entgegnet Bergmann auf Nachfrage. »Ganze Passagen des Buches lassen ja ein gründliches ethisches Fundament erkennen, hoffe ich. Kein Konflikt wird bei mir ausgelassen«; sobald er das Vertrauen eines Kindes erworben habe, sei er sehr autoritär – »aber nie ohne Liebe«. Die modernen Kinder wollten das, »genau diese Verbindung, vielleicht mehr als wir vor einem halben Jahrhundert.«

Wolfgang Bergmann: »Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder. Was Eltern von Jesus lernen können«, Kösel-Verlag, 160 Seiten, 14,95 Euro.

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