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Musealer Zirkus

Glamrocker Kiss spielten in der o2-World

  • Von Carloff Wiltner
  • Lesedauer: 3 Min.

Zumindest in meiner Grundschulklasse musste man als Junge eine schwerwiegende Entscheidung zur Selbstdefinition treffen: Kiss oder AC/DC; beides gleichzeitig stand nicht zur Debatte. Mir fiel die Entscheidung nicht sonderlich schwer, denn AC/DC rockten und Kiss nicht so sehr. Alles, was mir die Klassenkameraden von der Kiss-Fraktion aus missionarischem Antrieb von ihren Idolen vorspielten, konnte nicht überzeugen. Kiss auf Platte war Pop mit übersteuerten Gitarren. Kiss auf Platte ist jedoch auch nur der halbe Spaß, das hat sich nach all den Jahren auch bis zu mir rumgesprochen. Da ist es schön, dass Kiss gerade mit ihrer neuen CD »Sonic Boom« auf Tournee sind.

Der Titel des Albums verrät es bereits: Das Konzert am Mittwoch in der Berliner o2-World war laut. Allein das hätte den Auftritt von Paul Stanley (Gitarre/Gesang), Gene Simmons (Bass/Gesang), Tommy Thayer (Gitarre/Gesang) und Eric Singer (Schlagzeug/Gesang) imposant gemacht. Doch die Vier gaben alles, was man von ihnen erwartete: eng anliegende Stretch-Overalls, Nieten, hochtoupierte Haare, Superplateauschuhe und die charakteristische Gesichtsbemalung. Kiss ist schlicht und einfach ein Symbol der Pop-Kultur.

Dazu gab es Bühnenfeuer, Explosionen, abhebende Bühnen, schwebende Menschen, Bildschirmwände, auf denen wilde Frauen und harte Drinks für Imagepflege sorgten, und die legendäre Bühnenshow Simmons’ – eine Mischung aus japanischem No-Spiel und Horror-Trash.

Kiss referieren und spielen mit allem, was einen amerikanischen Teenager in den Siebzigern in den Augen seiner Eltern hoffnungslos verkommen machte. Sie wildern in Comics, predigen Sex; sie stehen für sinnfreie Feierwut und spielen mit den Symbolen des Bösen. Denn allein im grafischen Bild des Bandnamens fällt der Doppelblitz der letzten Buchstaben ins Auge. Doch hat das Spiel mit Nazi-Symbolen, dem sich die amerikanische Gegenkultur hingab, durchaus andere Beweggründe als hierzulande. Man darf nicht vergessen, dass die amerikanische Elterngeneration der sechziger und siebziger Jahre nicht die Täter, sondern die Befreier repräsentierten. Dass sich diese Autoritäten nur zu gerne damit brüsteten, sich zeitgleich jedoch in die unsäglichen Verbrechen des Vietnamkriegs verstrickten, stieß dem Nachwuchs sauer auf. Um sich also von dem Konservativismus abzugrenzen, und um zu provozieren – was die kulturelle Pflicht eines Achtzehnjährigen ist – schmückte man sich mit Hakenkreuzen und SS-Symbolen.

Von einem mehr oder weniger tiefsinnigen Protest ist bei Kiss jedoch nichts übrig geblieben. Kiss kombinierte einfach nur alles, was die Alten nicht verstanden, um ungestört eine unendliche Party zu feiern. Kurz: Kiss fabriziert einen lauten Rock'n'Roll-Zirkus. Sie zitieren ohne Sinn und Verstand. In diesem Zusammenhang lässt sich wohl auch verstehen, dass Solo-Passagen aus anderen Rock-Klassikern in die Stücke eingefügt werden («All Right Now« von Free), oder dass den Abend über immer wieder Led-Zeppelin-Stücke gespielt wurden.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Kiss haben ihren Legenden-Status durchaus zurecht inne. Einerseits ist die Band die Mutter des Stadion-Rocks. Andererseits schulden Künstler wie Marilyn Manson Kiss ungemein viel. Doch was bei Manson neu und wirklich provozierend war, wirkt bei Kiss museal. Das ist auch in Ordnung so, denn das will die »Kiss-Army« (Bezeichnung für die Anhängerschaft der Band) auch sehen. Ein Kiss-Konzert heute ist für den Nicht-Fan jedoch nicht mehr als eine Mischung aus Disney-World und Museumsbesuch. Kiss entführt einen in eine längst vergangene Zeit des harmlosen Feierns.

Zieht man jedoch den Bühnenzauber von dem Gesamtpaket ab, dann bleibt die Musik. Und die ist bei Kiss – sorry, liebe »Kiss-Army« – schlicht Pop mit übersteuerten Gitarren.

Aktuelle CD: »Sonic Boom«

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