Stachel im Fleisch

Tagung über Arbeiterbewegung in der Erinnerung

  • Von Jürgen Hofmann
  • Lesedauer: 2 Min.

Es waren erstaunlich viele junge Nachwuchswissenschaftler nach Linz in Österreich gekommen. Ein Zeichen, dass die Arbeiterbewegungsgeschichte nach wie vor auf Interesse stößt. »Arbeiterbewegung in der globalen Erinnerung« war das Thema der diesjährigen Linzer Tagung, der 46. Ob die jungen Kollegen allerdings dem Thema die Treue halten können, ist ungewiss. Die Schwerpunkte der Forschung und Lehre in West- und Osteuropa lassen daran zweifeln.

Fast übereinstimmend wurde die Verdrängung der Arbeiterbewegungsgeschichte aus dem Erinnerungskanon Europas beklagt. Ganz anders die Situation in Lateinamerika und Asien. Auch einzelne europäische Länder fügen sich nicht in den allgemeinen Trend ein, der vor Jahren schon einmal die Fortexistenz der Linzer Konferenz in Frage stellte. Das von etlichen Diskussionsteilnehmern bezeugte Interesse ihrer Studenten an Arbeiterbewegungsgeschichte lässt hoffen.

Seltsam dagegen mutet das Bedauern von langjährigen Lehrstuhlinhabern und Mitgliedern einflussreicher Kommissionen an der unzureichenden Präsenz von Themen der Arbeiterbewegung im öffentlichen Diskurs an. Man könnte meinen, Entscheidungsträger seien völlig hilflos dem Markt der Erinnerung ausgesetzt. Das Podium zum Verhältnis von Macht, Geschichte und Politik brachte jedenfalls keine befriedigende Aufklärung zur Rolle der Historiker in der Erinnerungspolitik.

Die Konferenzbeiträge waren weit gespannt. Sie reichten von dem Befund, dass die Arbeiterbewegung in der europäischen Erinnerung über das 20. Jahrhundert eher marginal vertreten ist (Jürgen Kocka), über den Platz der Résistance in der Erinnerung des Zweiten Weltkrieges in Frankreich und Italien (Bruno Groppo), dem Platz der »Mateship« – der Kumpelschaft – im Selbstverständnis der australischen Siedlergesellschaft (Nick Dyrenfurth), der Erinnerung an die Selbstverbrennung des 22-jährigen Chun tea-il in Südkorea (Hyun Back Chung) bis hin zur Solidarnosc in Polen (Tomasz Kozlowski). Für Mario Keßler (Berlin) bleibt die Arbeiterbewegungsgeschichte »ein Stachel im Fleisch derer, die den Staus quo als beste aller möglichen Welten ansehen«.

Die diesjährige Konferenz war der Auftakt eines Zyklus, der sich der Arbeiterbewegung und sozialer Bewegungen als Triebkraft sozialer Entwicklungen widmet. Ein Vorschlag, den Feliks Tych (Warschau) eingebracht hatte. Die nächste Tagung wird sich Ende September 2011 den »Arbeiterbewegungen und sozialen Bewegungen als Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften und Individuen« zuwenden.

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