Planetare Gänge

In den Sophiensaelen sucht Christina Ciupke nach dem Eigenen im Gemeinsamen

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Zuschauer kann selbst bestimmen, wo er im Hochzeitssaal der Sophiensaele sitzt. Das hätte er eh können, doch diesmal wird auf besondere Weise durchmischt. Im Foyer hängt an jedem der Polaroid-Fotos eine Platznummer. Die Nummer des Fotos ordnet gleichsam den Sitz zu. So beginnt die Choreografie des Suchens noch vor der Choreografie, derentwegen man gekommen ist: »Yes. No. A bit. Not Really« heißt vage, unter Umgehung jeder klaren Aussage, die neue Arbeit von Christina Ciupke. Exakt 60 Stühle umstehen dazu eine honiggelbe Fläche, auf die der Besucher blickt, und auf dessen Suchgänge wiederum blicken wohlgefällig von hinten, dort, wo die eigentliche Publikumstribüne steht, die drei Akteure. Sphärische Musik begleitet den Anfang, setzt gelegentlich zugunsten langer Stille aus; Gesangsfetzen tauchen bisweilen leise auf. Von der Zuschauerbank aus brechen Ciupke, die bildende Künstlerin Lucy Cash, der Musiker Boris Hauf auf, das Betrachterkarree in gemächlichem Tempo zu umrunden.

Wie Planeten kreisen sie damit zugleich um die Szene, die man als Schauplatz des Gezeigten erwartet. Sanft dominante Figur ist Christina Ciupke barfuß in ärmellosem Schwarz: Immer wieder schert sie aus dem Kreisgang aus, legt sich aufs Gelb, räkelt sich wie im Traum, wird wieder Satellit. Wichtiges Requisit ist ein Flickenteppich aus bunten Quadraten, den Cash mehrfach an anderem Ort platziert. Tierhaft kriecht Ciupke dorthin, sucht ihn zu belegen. Der darunter geschobene Schuh wird zum Kopfkissen, einen zweiten ignoriert sie, lagert abseits. Wesentliches Bewegungsrepertoire bleibt der planetare Außengang ums gelbe Karree, aus ihm heraus, ob nun gleich- oder gegensinnig, ergeben sich all die unentschlossenen Begegnungen, die vielen Blickkontakte, die nie zu Körperkontakten werden.

Maximum an Nähe sind gemeinsame Wendekonstellationen und dichte Raumpositionen. Rechtwinklig oder T-förmig stehen die Spieler dann kurzzeitig zueinander, beobachten den Anderen, heben den Blick synchron nach oben. Mit sich selbst beschäftigt ist meist die Tänzerin; in Torsion von Kopf und Oberkörper, Abwinkeln von Unterarm, Berühren der Schulter mit der Hand gipfelt ihr Tanz, vermisst sie den Körper, sein Verhältnis zum Raum, artikuliert ihr Nachdenken. Die beiden Mitspieler bleiben dabei 60 Minuten lang eher Stichwortgeber und Raumkomplizen.

Als sich Ciupke mit dem Tuch bedeckt, wird sie, beobachtet von den Anderen, vorübergehend zur Patchwork-Plastik. Gemeinsam mit Cash schüttelt sie das Tuch, faltet es, trägt es ab. Dann setzt als Finale wieder das triple Wendemanöver ein, mit intensiver Blicknahme. Dem kann man eine berührunglose Zärtlichkeit nicht absprechen. Christina Ciupkes Suche nach dem Gemeinsamen bei gleichzeitiger Behauptung des Eigenen lebt von ihrer häufig wohltuendend kontemplativen Stille, verzichtet auf Steigerungen und verharrt deshalb allzu sehr in derselben Dynamik. Konsequent verweigert sie Tanz im herkömmlichen Sinn als Recherche neuer Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers, verkehrt durch permanenten Wechsel des Spielorts Außen und Innen, macht den umgangenen Zuschauer zum Teil ihrer fein durchdachten Inszenierung. Ein gewisser Ermüdungseffekt ist dennoch nicht zu leugnen.

Nochmals 16., 17.10., 20 Uhr, Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Kartentelefon 28352 66, Infos unter www.sophiensaele.com

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal