Damit alle Englischlehrer englisch sprechen

Bildungsministerium finanziert Ferienkurse mit Muttersprachlern für die unzureichend qualifizierten Pädagogen

Die deutsche Rechtschreibung der brandenburgischen Schüler ist miserabel, die Fremdsprache Englisch beherrschen sie extrem schlecht. Besonders englische Texte, die sie hören, können die Schüler nicht verstehen. Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) hatte im Sommer versprochen, auf die alarmierenden Ergebnisse bei einem Ländervergleich zu reagieren. Gestern stellte er sein Maßnahmepaket vor.

Der vielleicht wichtigste Punkt sind Intensivkurse für Englischlehrer. Muttersprachler sollen sich dabei je zehn Tage lang um Gruppen von jeweils 15 Pädagogen kümmern. Die Kurse starten in den Sommerferien für zunächst 160 Englischlehrer. Das Land gibt 120 000 bis 150 000 Euro dafür aus. Für die Unterkunft und die Verpflegung müssen die Lehrer selbst aufkommen. Diese Kosten werden überschaubar bleiben, versicherte Rupprecht. Viele Englischlehrer in Brandenburg genossen keine ordentliche Ausbildung für dieses Fach. Sie haben sich 1990 quasi geopfert. Damals gab es einen riesigen Bedarf, weil Englisch das Russische als erste Fremdsprache ersetzte. Statt ab Klasse 7 wurde Englisch nun viel früher unterrichtet – inzwischen ab Klasse 3. Die zusätzlich und sofort benötigten Lehrkräfte qualifizierten sich innerhalb von zwei Jahren für das Fach Englisch als ihr drittes Fach. Dabei unterrichteten sie es ab dem ersten Tag.

Die Weiterbildung konnte ein fünfjähriges Studium natürlich nicht ersetzen. »Es war unser Fehler. Die Qualifizierung hätte nach den zwei Jahren weitergehen müssen«, räumte Staatssekretär Burkhard Jungkamp die Verantwortung des Bildungsministeriums ein. Sein Chef Rupprecht stellte sich vor die umgeschulten Lehrer, die mit hohem persönlichen Einsatz bei der Sache waren, aber nun wegen der schlechten Ergebnisse der Schüler den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen.

In Brandenburg unterrichten 2659 Lehrer Englisch. Wie viele von ihnen im Schnellverfahren besohlt wurden, darüber gibt es keine Statistik. Ein Anhaltspunkt ist das Geburtsjahr. Rund 1000 Englischlehrer sind 50 Jahre und älter. Darunter befinden sich allerdings auch jene Englischlehrer, die dieses Fach in der DDR studiert haben. Ihnen fehlte zwar die Möglichkeit von Auslandssemestern in einem englischsprachigen Staat. Ansonsten seien sie jedoch »sehr gut ausgebildet« und deswegen nicht Teil des Problems, betonte der Bildungsminister. Das kleine Manko machten sie ab 1990 bei Urlaubsreisen wett, zeigte er sich überzeugt.

Nur unzureichend qualifizierte Englischlehrer scheuen sich, den Stoff in der Fremdsprache zu vermitteln, berichten Experten. Sie erklären manchmal allein deshalb lieber auf Deutsch, weil sie fürchten, ein Zögling, der ein halbes Jahr als Austauschschüler in Großbritannien oder Irland weilte, würde sie korrigieren. Diese Angst sei oft unbegründet. Der Intensivkurs bei einem Muttersprachler könnte schon genügen, das nötige Selbstvertrauen zu erlangen.

Was die deutsche Rechtschreibung betrifft, so soll ein Grundwortschatz von 700 Wörtern definiert werden. Das Ziel: Diese 700 Wörter muss jeder Schüler spätestens in der vierten Klasse korrekt schreiben können.

Zudem sollen für die Klassen 3 bis 8 künftig je vier bis sechs Bücher empfohlen werden. Eins muss unbedingt gelesen werden. »Libelle« könne ein Kind richtig schreiben, wenn es das Wort einmal gelesen habe, nicht, wenn es das Dehnungs-h vermittelt bekam, erläuterte Olaf Köller von der Universität Kiel. Der Professor leitete die Ländervergleichsstudie 2010 mit den ernüchternden Ergebnissen für Brandenburg. Als Köller noch in Berlin arbeitete, schickte er zwei Kinder in Brandenburg zur Schule. Nun gab er dem Bildungsministerium Ratschläge für Verbesserungen.

Die Intensivkurse für 160 Englischlehrer seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein, rügte der CDU-Landtagsabgeordnete Gordon Hoffmann. Er machte deutlich, dass für ihn nicht nur die in Schnellkursen zu Englischlehrern gemachten Pädagogen das Problem sind. Er verwies auch auf die Englischlehrer mit »DDR-Ausbildung«. Hoffmann warf Rupprecht vor, Wahlversprechen nicht zu halten. Statt wie angekündigt mehr Geld in die Bildung zu investieren, werde nur umgeschichtet.

Die Abgeordnete Marie Luise von Halem (Grüne) meinte, Dreh- und Angelpunkt einer Bildungsoffensive wäre eine bessere Ausstattung der Schulen mit Personal. Doch da könne Rupprecht keine Erfolge melden. Die Fortbildung der Englischlehrer komme spät und sei knapp bemessen.

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