Sehr stolz unzeitgemäß

Der Schauspielerin Edith Clever zum 70.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 2.5 Min.

Das Foto zeigt Edith Clever am Berliner Ensemble. Sie inszenierte und spielte vor Jahren »Gertrud. Ein Totenfest«. Eine Monologfassung von Einar Schleefs Roman über seine Mutter in Sangerhausen. Das Bild einer existenziellen Verwitterung. Das ewige archaisch Grausame in derb-schmutziger Gestalt. Der klare, einsame, schöne Wortkopf dieser Spielerin Clever – nun plötzlich ganz anders: in einem Theater der brustschlagenden, luftkratzenden, schenkelkrallenden, weichblättrigen Hände. Wie eine Tschechow-Dame sitzt sie im Stuhl und spricht vom Scheißhaus. Eine Haarsträhne beginnt gleichsam so etwas wie eine eigene Biografie in dieser Gesichtslandschaft zu zeichnen. Ein Gesicht, das pergamenten den Tod grüßt oder den Ekel über den eigenen Verfall in den stummen Schrei einer Munch-Gestalt kleidet. Es ist ein quälend fordernder, großer Monolog-Abend geworden, ein Exerzitium der Überstehens-Rituale fern jeglicher naturalistischer Verlockung...


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