Radikale Revue

Die Kult-Punkband Slime spielte im SO36

Die angekündigte Vorband »Razor« musste absagen, ihr Gitarrist Andreas Schwabe ist bei einem Unfall Anfang Dezember auf tragische Weise ums Leben gekommen. Mit ihm starb ein Musiker, der seit 35 Jahren die Hamburger Punkszene maßgeblich geprägt habe, heißt es auf der Website der Band. Dafür spielte T.V. Smith, Punklegende aus London, solo mit Akustikgitarre und brachte das Publikum im ausverkauften SO36 in Berlin-Kreuzberg mit eigenen Songs und Klassikern in Stimmung.

Nach der Umbaupause: Das Licht geht aus, ein paar Minuten läuft Elektromusik. Dann stehen sie auf der Bühne, beginnen das Konzert mit »A.C.A.B.« (All Cops Are Bastards). Es ist, als sei ein Schalter umgelegt worden. In Sekundenbruchteilen ist das, was eben noch abwartend und sich unterhaltend herumstand, eine Pogo tanzende Menge. Jeder und Jede hier kennt »A.C.A.B« von der Hamburger Punkband Slime, die Mittwochabend im Rahmen ihrer 30-Jahres-Tour im SO36 gespielt haben. Nahezu alle im Publikum, das altersmäßig von 20 bis 50 reicht, kennen die Texte, singen jede Zeile mit.

Die Band ist noch immer so kraftvoll wie vor 30 Jahren. Dieser Satz stimmt sicherlich, die Musik war von Anfang bis Ende Volldampf. Doch wird er den eigenen Gefühlen zu dieser Musik gerecht? Kaum eine andere Band hat mit ihrer Musik in den letzten 30 Jahren die Punkszene aber auch die radikale Linke insgesamt so geprägt wie Slime. Viele der Lieder erinnern an eigene Erfahrungen mit der Staatsgewalt, auf Demonstrationen beispielsweise, sie waren der Soundtrack zu den Straßenschlachten in den 80er Jahren. In »Albtraum« geht es um die atomare Bedrohung, die Hochrüstung Anfang der 80er und um »die da oben in ihren Palästen«, die Poker um die Welt spielen – das Lied ist von 1982, der Text ist zeitlos. Das Konzert ist eine Zeitmaschine, aber Slime sind kein Museum ihrer eigenen Geschichte. Vor dem Castortransport im November hätten sie in Hamburg ein Konzert für die Schottern-Kampgagne gespielt, erzählt Dirk, der seit 1979 Sänger von Slime ist. In vielen Ansagen bettet er die Songs in aktuelle politische Bezüge ein.

Neben dem Sänger sind noch die beiden Gitarristen Elf und Christian aus der Originalbesetzung mit auf der Tour, die bis Ende Januar kreuz und quer durch Deutschland und in die Schweiz führt.

Nach etwas über einer Stunde ist es vorbei, Leute sehen abgekämpft und glücklich verschwitzt aus, der größte Teil hat durchgetanzt. Statt »Zu-Ga-Be« skandiert das Publikum politische Parolen. Die Band kommt wieder auf die Bühne. »Soll das heißen, Ihr wollt noch was hören«, fragt der Sänger grinsend. Danach spielt die Band eines ihrer bekanntesten Lieder und alles singt: »Deutschland muss sterben, damit wir leben können« – die Verdrehung eines kriegsverherrlichenden Gedichts von 1914. Nach gut eineinhalb Stunden ist das Konzert vorbei. In einem Bericht der dpa am nächsten Tag heißt es, mehrere Fans der Band Slime seien nach dem Konzert durch den Kreuzberger Kiez gezogen. Unter anderem seien Fahrzeuge, ein Autohaus und ein Geldautomat beschädigt worden. Die Polizei patrouilliert in Mannschaftsstärke bis tief in die Nacht. Das ist Kreuzberg im gestern und heute, Slime hat gespielt.

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