Im Keller das Tagebuch der Luftangriffe

Die Geschichte der Baracke 13 im ehemaligen Zwangsarbeiterlager Niederschöneweide

Der Keller der Baracke 13 im früheren Zwangsarbeiterlager Niederschöneweide wird von Neonleuchten nur bruchstückweise erhellt. Wer nahe genug an die Wände herantritt, kann eingekratzte Inschriften entziffern: Non si fuma, die Namen Luigi Delpont und Pancetta oder Pancetto. Dann Stanza Nr. 016 und Riservato. Dazu Daten: 15-4-45, 18-4-45, 8-4-45, 23-3-45, 21-3-45 mit dem Zusatz Pasato. Hinter dem Datum 3-4-45 ist vermerkt: 2 Volte.

»In diesen Keller mussten die Zwangsarbeiter bei Fliegerangriffen«, erläutert Daniela Geppert, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Niederschöneweide. Gemeinsam mit ND sucht das Zentrum Zeitzeugen, die etwas über Zwangsarbeiterlager im Großraum Berlin sagen können oder Erinnerungsstücke wie Postkarten, Briefe oder auch Zeichnungen besitzen. Auf dem ehemaligen Lagergelände ist das Dokumentationszentrum entstanden, das zur Stiftung Topographie des Terrors gehört.

»Die Inschriften im Keller der Baracke 13 lassen vermuten, dass sich hier vorwiegend Italiener aufhielten«, erzählt Daniela Geppert weiter. »Tagebuch der Luftangriffe« werden die Eintragungen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Dokuzentrums genannt. Sie wollen noch mehr über diesen historischen Ort erfahren. »Vielleicht gibt es ja noch jemanden, dessen Verwandte hier leben mussten oder auch Bekannte, die etwas zu berichten haben. Wer kennt jemanden, der hier war? Bitte melden Sie sich, wir suchen verzweifelt Informationen«, so Geppert. »Die Inschriften sind Zeugnisse der Lagerinsassen.«

Dann deutet Daniela Geppert auf ein kleines, fast verwischtes Zeichen auf der Ziegelwand: »Sehen Sie diesen Anker? Das ist das Symbol der polnischen Freiheitsarmee. Wie kommt der unter die italienischen Inschriften?« Die aus Schlackestein gebauten Baracken sind eine Besonderheit. »Normalerweise wurden Holzbaracken errichtet. Da dieses Lager aber erst 1943 entstand, wurde wegen der vermehrten Luftangriffe Stein verwendet«, so Geppert.

Bis 1943 blickten die Anwohner aus der Britzer, Köllnischen und Rudower Straße im Treptower Ortsteil Niederschöneweide auf ein Kiefernwäldchen, dass Friedlichkeit ausstrahlte. Die Kinder konnten spielen, auf dem leicht hügeligen Gelände herumtollen, während die Mütter am Rand des Wäldchens auf Bänken saßen. Ab 1943 änderte sich der Anblick. Die Bäume wurden gefällt, das Areal eingezäunt und Baracken darauf gestellt. Auf Befehl Albert Speers in seiner Funktion als Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt entstand ein Zwangsarbeiterlager.

Nun schauten die Anwohner aus ihren Fenstern direkt auf das Lagergelände, sahen täglich grau gekleidete Frauen und Männer. Und trotzdem wollten und wollen viele nicht gewusst haben, welchem Zweck dieses Lager diente – Menschen, die aus ihren Heimatländern entführt worden waren und als billige Arbeitskräfte für die Fabriken in Nazideutschland ausgebeutet wurden. »Einige meinten später sogar, dass es sich um ein DDR-Ferienlager handelte«, berichtet Geppert.

»Wir hatten Glück, dass gleich nach Kriegsende etliche Firmen hier einzogen«, berichtet Daniela Geppert. »Dadurch ist der Lagercharakter noch sehr gut erhalten. Auch die Symmetrie eines Lagers mitten in einem Wohngebiet kann so noch nachvollzogen werden.« In eine der aus Schlackesteinen errichteten Baracken zog zum Beispiel das zentrale Impfstoffinstitut der DDR ein. Auch eine Kindertagesstätte, eine Sauna, ein Autohaus und das Keglerheim »Völkerfreundschaft« fanden hier ihre Domizile. In der Baracke 13 an der Ecke Köllnische/Rudower Straße war die Lehrwerkstatt des VEB Kühlautomat untergebracht.

Die Baracke 13 gibt laut Dokumentationszentrum ein exaktes Bild der damaligen Situation wieder: Ein langer Flur, links und rechts die Stuben. Jede Baracke war für 150 bis 190 Zwangsarbeiter gedacht. »Fast alles ist hier noch im Original vorhanden«, erläutert Daniela Geppert.

Im Waschraum standen einmal drei Waschbrunnen, einer ist noch vorhanden. Im Nachbarraum waren die Toiletten untergebracht. »Ganze Unternehmen lebten von der Einrichtung von Zwangsarbeiterlagern«, erzählt Geppert. »Auf Baumessen und mit Prospekten warben Firmen, die sich auf Lagerausstattung spezialisiert hatten.«

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