Dem Kalten Krieg auf der Spur

Auf dem Teufelsberg sind die ehemaligen Abhöranlagen der Alliierten zu besichtigen

  • Von Angelo Conte, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

Wer in Berlin nach den Spuren des Kalten Krieges sucht, hat es nicht leicht. Von der Mauer sind nur Reste erhalten. Doch auf dem Teufelsberg in Charlottenburg, mit 114 Metern eine der höchsten Erhebungen der Hauptstadt, ist ein Relikt zu finden, das Kulisse für einen Spionagefilm sein könnte. Mit der Abhöranlage mit der markanten weißen Kuppel belauschten die Briten und Amerikaner die sozialistischen Staaten bis in 700 Kilometer Entfernung. Seit kurzem gibt es Touren durch die Ruine, die einmal »top secret« war.

Die Besucher, die sich auf einem Parkplatz treffen, sind neugierig. Führer Andreas Jüttemann erinnert daran, dass es für den Westen wichtig war, zu wissen, was im Osten und besonders in der DDR-Führung vorging. Noch wichtiger wurde dies nach den Ereignissen rund um den 17. Juni 1953 in Ostberlin.

Die Besuchergruppe steigt an Weinbergen vorbei den Hügel hoch, der aus rund 25 Millionen Tonnen Kriegs-Trümmern besteht. Der zur NS-Zeit gebaute Bunker ist nicht mehr zugänglich. Oben passt ein Sicherheitsmann auf, dass keine ungebetenen Besucher kommen. Das Gebäude leidet unter Vandalismus: Die Fenster sind kaputt, die Einrichtung liegt in Trümmern. Selbst die Rohre wurden gestohlen.

In der ab 1955 errichteten Abhöranlage arbeiteten 1500 Leute in drei Schichten. Es muss ein bisschen wie im Gefängnis gewesen sein. Nur die Kantine hatte Fenster, wie Jüttemann erklärt. Die Abhörarbeit ohne Tageslicht und bei stickiger Luft war belastend. Oft sollen sich die Spione mit Alkohol getröstet haben. »Am Ende der Schicht haben sie dem Busfahrer einfach gesagt, fahr uns zum Pub«, erzählt Jüttemann.

Und von wegen Alliierte: Briten und Amerikaner misstrauten sich. »Zeitzeugen vermuten, dass sich die beiden gegenseitig abgehört haben.« Gewiss ist, dass sie die Arbeit doppelt gemacht haben: »Das Komische war, sie haben dasselbe abgehört, aber parallel. Also wurde nie ausgetauscht, was sie abgehört haben. Briten und Amerikaner waren komplett getrennt.« Perfekte Fremdsprachenkenntnisse waren die Waffe gegen den Feind. Fast der ganze Osten wurde abgehört: vom Zentralkomitee der SED bis zu sowjetischen Militär-Einrichtungen. Gespräche auf Deutsch, Tschechisch, Polnisch und Russisch wurden akribisch belauscht, aufgeschrieben und übersetzt. In einem dreistufigen Auswertungssystem wurden nur die wichtigsten Informationen weitergeleitet. Die Archive in den USA sollen erst ab dem Jahr 2022 zugänglich sein.

Nach dem Fall der Mauer änderte sich alles. 1992 gaben die Amerikaner die Station auf und nahmen die elektronischen Gerätschaften mit. Die Radaranlagen konnten noch eine Zeit lang für die zivile Luftüberwachung genutzt werden. Vier private Investoren kauften das Gelände – aber ihre Pläne scheiterten.

Das Haus verfiel. Die Räume, in denen die Abhörtruppen saßen, sind heute kaum zu betreten. Auch die markanten Radarkuppeln sind baufällig. Die Aussicht aber ist schön: Vom Fernsehturm bis zum Olympiastadion lässt sich die Hauptstadt im 360-Grad-Panorama genießen.

Der Blick von oben allein aber bringt kein Geld. Die Investoren wollten Luxuswohnungen und ein Hotel auf einem Teil des 48 000 Quadratmeter großen Geländes errichten, ist bei der Führung zu erfahren. Sie mussten aber wegen der Proteste von Anwohnern und Naturschutzverbänden und der immer höher werdenden Baukosten alle Aktivitäten einstellen. Eine Musterwohnung gibt es noch. Seit 2006 ist das Gelände offiziell kein Baugebiet mehr, sondern Waldgebiet. Weitere Baumaßnahmen sind damit verboten.

Die Eigentümer um den Kölner Architekten Hartmut Gruhl wollen das Gelände nun unter Denkmalschutz stellen lassen. Dafür wollen sie einen entsprechenden Antrag bis Sommer einreichen. Ziel ist es, alle Gebäude der Abhöranlage zu behalten, aber zu entkernen. Geplant sind ein Ausflugslokal und ein Spionagemuseum. In den restlichen Gebäuden soll die ursprüngliche Idee von Loftwohnungen verwirklicht werden. Derzeit lebt auf dem Teufelsberg in den Sommermonaten eine Künstlerkolonie.

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