Der schwarze Major

Jakow Drabkin kämpfte mit Lew Kopelew im Großen Vaterländischen Krieg

  • Lesedauer: 5 Min.
Der emeritierte Geschichtsprofessor Jakow Drabkin, Mitarbeiter der russischen Akademie der Wissenschaften, Jg. 1918, hat jüngst eine mehrbändige, vielbeachtete Dokumentenedition über die Kommunistische Internationale herausgegeben.
Der emeritierte Geschichtsprofessor Jakow Drabkin, Mitarbeiter der russischen Akademie der Wissenschaften, Jg. 1918, hat jüngst eine mehrbändige, vielbeachtete Dokumentenedition über die Kommunistische Internationale herausgegeben.

ND: Sie bereiten schon den 100. Geburtstag von Lew Kopelew im nächsten Jahr vor?
Drabkin: Ja, und ich hoffe, dass Lew Kopelews 100. Russen und Deutsche gemeinsam feiern werden. Er war im Kulturleben beider Völker des 20. Säkulums eine bedeutende, sie gewissermaßen verbindende Figur. Als Dichter und Denker seiner Zeit, als Freiheits- und Friedenskämpfer von Weltformat hat er tiefe Spuren hinterlassen. Sein literarischer Nachlass verdient weiterhin erfasst, erläutert und studiert zu werden. Wir möchten in mehreren Städten, in Moskau, Petersburg, Köln, Bremen, Lipetzk und andernorts Konferenzen, Bücherschauen, Filmvorführungen und Diskussionen veranstalten, um neues Interesse, insbesondere unter der Jugend zu wecken.

Kopelew war Ihr Kampfgefährte im Krieg. Warum wurde er »der schwarze Major« genannt?
Er wurde so von den deutschen Kriegsgefangenen wohl wegen seines schwarzen Schnurrbarts genannt, der damals eine Seltenheit war. Er hat an Antifa-Schulen gewirkt, die gemeinsam mit dem Nationalkomitee »Freies Deutschland« und dem Bund deutscher Offiziere Aufklärung betrieben. Jahrzehnte später wurde er wegen seines nun weißen Barts mit Leo Tolstoi verglichen, ja sogar verwechselt.

Sie haben, nebenbei bemerkt, auch einen Tolstoi-Bart. Wie haben Sie Kopelew kennengelernt?
Etwa zwei Monate nach dem Überfall Hitlers trafen wir uns in Nowgorod im Stab der Nord-Westfront der Roten Armee, wo eine russisch-deutsche »7. Abteilung« formiert wurde, die über die Frontlinie hinweg mittels der Zeitung »Soldatenfreund« sowie Flugblättern und Lautsprechern bei den Wehrmachtsangehörigen darum warb, sich in Gefangenschaft zu begeben. Dieses Werben hatte erst nach der Moskauer Winterschlacht und insbesondere nach Stalingrad numerischen Erfolg. Aber die tagtägliche Kleinarbeit war eine wichtige Vorbereitung, Voraussetzung.

Lew Kopelew war mit seinem feurigen Temperament, seiner Kampfeslust und Kameradschaftlichkeit sowie seinen hervorragenden Sprach- und Literaturkenntnissen die Seele aller Aktivitäten. Seine später veröffentlichte Flugblätter-Sammlung, die im Anhang zum Dialog mit Heinrich Böll »Warum haben wir aufeinander geschossen?« erschienen ist, bleibt ein großes Zeugnis seiner Meisterhand.

Was war für Sie das schlimmste Kriegserlebnis?
Schlimme Kriegserlebnisse gab es viele. Zu ihnen gehören auch die Kämpfe beim Einmarsch sowjetischer Truppen in Ostpreußen, von unseren Propagandisten als die »Hölle des Faschismus« gebrandmarkt. Ich war damals in der 49. Armee und nicht mehr mit Kopelew zusammen. Für mich waren dieser eine Tag und diese zwei Nächte vor und in Danzig besonders schwer. Die Wehrmacht war ans Meer gedrückt, ohne jegliche Chance zu entkommen. Die Stadt lag völlig in Ruinen und brannte lichterloh, pausenlos getroffen von Bomben und Artillerie. Brände wurden aber auch von Marodeuren angezettelt, die nach Wein und was weiß ich nicht alles suchten. Beschwipste Sieger schlenderten durch die Straßen. Wehe demjenigen oder derjenigen, die ihnen über den Weg liefen. Bedrückend war für mich das Gefühl der Ohnmacht, Ordnung zu schaffen. Erlösend wirkte dann der Oberbefehl, alle sowjetischen Truppen aus der Stadt in die Wälder zu verlegen.

Wo war da Kopelew?
Erst nach Kriegsende habe ich erfahren, was ihm um diese Zeit passiert ist. Er ist im Frontstab geblieben. In Graudenz bemühte er sich um die Kapitulation der deutschen Garnison, um Leben zu retten. Neidische »Kameraden« haben ihn schmählich verraten: Sie beschuldigten ihn der Sympathie mit den Deutschen. Der verdiente Frontkämpfer wurde im Lazarett vom NKWD verhaftet, misshandelt und für acht Jahre im GULAG vergraben. Darüber berichtete er später in seinen Bänden »Aufbewahren für alle Zeit!« und »Tröste meine Trauer!«. Seine Jugenderinnerungen »Und schuf mir einen Götzen« wurden jetzt in Russisch in der Ukraine herausgegeben, in Kiew und im Moskauer »Memorial« feierlich präsentiert.

Sie beide haben zu Kriegsende also ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
Wir sind mit ähnlichen und doch auch konträren Erfahrungen aus diesem Krieg gekommen. Er hat wesentlich Schwereres durchlitten als ich. Sein Umdenken griff deshalb tiefer und entschiedener. Ich schwamm eher im Strom der Ereignisse. Ich arbeitete bei der SMAD und war nach meiner Heimkehr als Hochschullehrer an der Militärakademie in Twer tätig. Später forschte ich zur Geschichte der deutschen Novemberrevolution und der Weimarer Republik. Ich traf Kopelew nach Stalins Tod wieder. Wir wischten uns die Tränen der Vergangenheit gegenseitig weg, in Unkenntnis, was noch auf uns zukommen würde.

Kopelew wurde ausgebürgert.
Weil er Anfang der 80er mit seiner Frau die Einladung deutscher Freunde angenommen hatte, ein Jahr Vorlesungen in der Bundesrepublik Deutschland zu halten. In den 17 Jahren seines deutschen Lebens hat er ein einmaliges, wunderbares zehnbändiges Werk über tausendjährige west-östliche Spiegelungen im Leben der Russen und Deutschen geschaffen. Leider ist nur der letzte Band russischen Lesern zugänglich.

Was erhoffen Sie sich von den deutsch-russischen Beziehungen heute und in Zukunft?
Dass sie im Sinne und nach dem Vorbild von Lew Kopelew gestaltet werden. Dieser Weltbürger sollte Beispiel für die Politiker und Kulturträger unserer beiden Völker werden, die bereits Jahrhunderte in »Wahlverwandtschaft« stehen, um hier mal ein Goethe-Wort zu zitieren.

Nur wenn die Völker sich respektieren und verstehen lernen, kann die Menschheit existenziellen Gefahren vorbeugen. Jede Zuspitzung nationalistischer Gegensätze, alle hegemonialen Bestrebungen, wo und wie sie sich auch äußern mögen, säen Samen neuer Konflikte. Allein Toleranz und gegenseitige Achtung kann allen Menschen, global, eine freie und friedliche Zukunft sichern.

Fragen: Karlen Vesper

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