Planschen an der Platte

Das Performance-Festival Berlin del Mar spielt mit Urlaubs-Klischees

Die Palmen stehen auf Europaletten. Der Betonmischer rotiert noch. Der Turm der Strandwächter ist aus faserigem Holz, aber immerhin schön rosa angestrichen. Das Urlaubsresort Berlin del Mar macht einen provisorischen Eindruck, obwohl es schon eröffnet ist. Im Gegensatz zu anderen Bauprojekten ist das Provisorische hier aber Absicht. Denn Berlin del Mar ist ein in den Stadtraum ausgelagertes Performanceprojekt der Sophiensäle. Ein gutes Dutzend künstlerische Gruppierungen inszenieren acht Tage lang in einer temporär errichteten Infrastruktur aus Strand, Strandbar, Pool, Hotelzimmer und Verkaufsraum ein großes Urlaubsuniversum.

Es unterscheidet sich auf den ersten Blick wenig von diversen standardisierten Strandanlagen – außer, dass es links von einem kargen Plattenbau, der einst die Gauck-Behörde beherbergte, begrenzt ist und rechts vom Bürohaus der AOK. »Es ist inzwischen doch vorstellbar, dass so ein Projekt eines Tages allen Ernstes mitten im Stadtzentrum angesiedelt ist. Wir wollen den Blick auf solche Entwicklungen richten«, erklärt Franziska Werner von den Sophiensälen ein Anliegen des Festivals.

Sie machte auf der Pressekonferenz vor der Eröffnung auf einen besonderen Aspekt von Verdrängung aufmerksam. »Uns wurde immer wieder angeboten, in Wedding oder Neukölln zu spielen. Da gebe es Freiflächen. Wir denken aber, dass es für freie Kunst auch in Mitte noch Orte geben muss«, sagt sie ND.

Um den Parkplatz im Schatten des ehemaligen Amtes für Statistik zu erhalten, musste sie einen langen Behördenweg absolvieren. Das Objekt gehört dem Bund, der Parkplatz der Stadt, bewirtschaftet wird er vom Bezirk. Der will jetzt nicht nur eine Sondernutzungsgebühr, wie sie von manch kommerziellen Stadtraumnutzern nicht eingefordert wurde, er stellte sich anfangs gar gegen das Projekt. »Das Festival schränke den Gemeinnutzen ein, erklärte man uns im Bezirksamt«, erzählt Mark Thomann, der gemeinsam mit Werner das Festival aus der Taufe hob. Der Gemeinnutzen, der in den Köpfen manches Bezirksamtsmitarbeiters höher wog als diese künstlerische Invention, waren Parkmöglichkeiten für die wenigen, die von dem versteckten Plätzchen wussten.

Welche städtebaulichen und soziologischen Perspektiven die Stadtmitte besitzt, wird – bestärkt durch die Erfahrungen in der Vorbereitung des Projekts – auch in zwei Diskussionsrunden (donnerstags um 18 Uhr) thematisiert. Am 1. Juli sind etwa die Initiatoren des investorenkritischen Projekts »Media Spree Versenken« zu Gast in Berlins jüngster Strandbar.

Hauptakteure sind indes die Performer. Der aus Schau- und Volksbühne sowie Theaterdiscounter bekannte Patrick Wengenroth arbeitet sich im roten Badeanzug mit Rettungsboje in der Hand an Hollywood-Strandwächter David Hasselhoff ab. Er dröhnt nicht nur dessen zu Silvester 1989 an der Berliner Mauer aufgeführte Rockballade »Looking for Freedom« heraus, sondern inszeniert eine komplette Folge der Serie »Baywatch«: Rettungsschwimmer hechten über die Bühne, Pubertätsprobleme werden geklärt und auch das Problem des richtigen Sitzens von Brustimplantaten erörtert.

Dem Thema Revolutionen in den Urlaubsorten nimmt sich die Gruppe Turbo Pascal an. In einem engen Hotelzimmer werden drei Touristen von Demonstrationen gegen den lokalen Herrscher überrascht. Panik macht sich breit. »Sind wir hier auch sicher?«, geistert als Frage durch den streng genormten Kasten. In einem irren Ritt durch alle Kolportagethemen kommen eine Lieferung Kokain, ein Putsch des Generals zu Guttenberg, ermordete amerikanische Künstler und Massenorgien auf öffentlichen Plätzen ins Spiel – bis schließlich Außerirdische die Anlage übernehmen.

Berlin del Mar ist eine wilde Abenteuerreise durch alle Klischees des organisierten Urlaubs und dessen Kollisionen mit lokalen Realitäten. Zugleich regt diese Intervention zum Nachdenken an, was die Stadtmitte ausmacht, wem sie gehört und wie sie gestaltet sein sollte. Ein kluges und schräges Außerhaus-Projekt der Sophiensäle während der Bauphase ihres eigentlichen Domizils.

Bis 3. Juli, Otto-Braun-Str. 80-82 ab 16 Uhr, an den Wochenenden ab 14 Uhr, www.berlindelmar.de

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