Werbung

Geschichte(n) auf der Wäscheleine

Verschwunden und vergessen: Ausstellung über DDR-Flüchtlingslager im alten West-Berlin

Herzstück der Ausstellung: Begehbare Berlinkarte mit Infos über die Flüchtlingslager ND-
Herzstück der Ausstellung: Begehbare Berlinkarte mit Infos über die Flüchtlingslager ND-

Beim Blick auf die großformatigen Fotos an den Wäscheleinen hält Wolf Rothe einen Moment inne. »Ja, das bin ich«, bestätigt der 88-Jährige. Eine Aufnahme, datiert vom 15. April 1955, zeigt Rothe neben dem US-Hochkommissar Walter J. Donnelly, der das Flüchtlingslager Volkmarstraße im Berliner Bezirk Tempelhof besuchte. Rothe war stellvertretender Leiter dieses Lagers für Flüchtlinge aus der DDR. Nun war er als Zeitzeuge zur Eröffnung einer Ausstellung zu diesem Thema in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde gekommen, um seine persönlichen Eindrücke von damals zu schildern.

»Verschwunden und vergessen. Flüchtlingslager in West-Berlin« ist diese Sonderausstellung überschrieben. »Aus den 1950er und 1960er Jahren sind in den amerikanischen, britischen und französischen Sektoren mehr als 90 solcher Lager nachweisbar«, berichtet Kurator Enrico Heitzer über die Geschichte(n) auf der Wäscheleine. »Die DDR-Flüchtlinge waren in Baracken, ehemaligen Fabrikgebäuden und auch Bunkern untergebracht, bevor sie in die Länder der damaligen Bundesrepublik weitergeleitet wurden. Zeitweise reisten pro Tag bis zu 1000 Menschen an«, sagt Heitzer. Die Lager seien Seismografen der jeweiligen politischen Situation gewesen.

»Das Lager in der Volkmarstraße war das größte«, erinnert sich der 88-jährige Wolf Rothe. »Durchschnittlich lebten hier 2500 Menschen. Die Flüchtlinge wurden zuerst in Marienfelde aufgenommen und dann verteilt.« Für viele Flüchtlinge sei der erste Kontakt mit West-Berlin ein Schock gewesen, erzählt Rothe. Bevor sie ein bisschen Privatleben haben konnten, kamen erst einmal die Geheimdienste der Amerikaner, Briten und Franzosen und wollten alles wissen. »Auch die Fluchtgründe wurden nachgefragt«, erzählt Wolf Rothe. »Wer nicht überzeugend nachweisen konnte, dass er die DDR aus politischen Gründen verlassen hatte, bekam keine Arbeitserlaubnis und wurde auch bei der Verteilung der Lebensmittelkarten schlechter behandelt.« Viele seien auch geschockt gewesen, weil sich die Vorstellung vom »goldenen Westen« nicht bewahrheitete. Die Lager seien zudem Austragungsorte des Kalten Krieges gewesen. »Der Westen wollte hier Überlegenheit demonstrieren«, steht in einem der Ausstellungstexte. Und Rothe erinnert sich auch daran, dass vor manchem Lager auch Franzosen standen, um junge Männer aus den Flüchtlingslagern für die Fremdenlegion anzuwerben.

»Krisen in der DDR bildeten sich direkt in den Fluchtzahlen ab«, heißt es auf einer der Stoffbahnen, auf die Texte und Bilder gedruckt sind. »Das Ausstellungskonzept wurde gewählt, weil es die damalige provisorische Aufenthaltssituation der Menschen wiedergibt«, erläutert Bettina Effner, die Leiterin der Erinnerungsstätte. »Überall in den Lagern waren Leinen gezogen – nicht nur, um Wäsche zu trocknen. Die Flüchtlinge wollten mittels daran aufgehängter Decken und Bettzeug wenigstens ein bisschen Privatsphäre schaffen. In den Lagern hatten sie das Gefühl der Schutzlosigkeit.«

Heute ist die Mehrzahl der Flüchtlingslager verschwunden und vergessen. »Uns ist es deshalb wichtig, dieses Kapitel deutsch-deutscher Geschichte auf die Agenda zu setzen«, betont Bettina Effner. Neben Fotos und Texten gibt es historische Filmaufnahmen und Tondokumente.

Sonderausstellung vom 5. 8. bis 30. 12. 2011, Di bis So 10 – 18 Uhr, Eintritt frei; Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde, Marienfelder Allee 66/80

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung