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Mehr als Fleisch im Brot

Vor 50 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet

Die Türken, die als »Gastarbeiter« in die BRD kamen, mussten lang um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen.

Die Türken waren nicht die ersten, die kamen. Es waren die im Westen Deutschlands lange als »Spaghettifresser« geschmähten Italiener. Das deutsch-italienische Anwerbeabkommen wurde bereits 1955 unterzeichnet. Weitere Verträge zur Anwerbung ausländischer Arbeiter wurden 1960 mit Griechenland und Spanien geschlossen. Die Bundesrepublik Deutschland benötigte in den sogenannten Wirtschaftswunderjahren dringend Arbeitskräfte.

Als am 30. Oktober 1961 im Bonner Stadtteil Bad Godesberg das sogenannte Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik und der Türkei unterzeichnet wurde, lautete der offizielle Begriff für die ausländischen Arbeitskräfte, die man nach Deutschland zu holen gedachte, noch »Gastarbeiter«. Diese sollten nach Ansicht derer, die sie anwarben, zweierlei leisten: Arbeiten erledigen, die vielen Deutschen zu unangenehm waren, und sich im übrigen als Gast begreifen. Erwünscht war der Ausländer vor allem als billige Arbeitskraft, die es zu vernutzen galt und die man nach Gebrauch wieder in ihr Herkunftsland zurückschicken konnte. Ein Familiennachzug wurde im deutsch-türkischen Anwerbeabkommen ausgeschlossen.

Die Bundesrepublik eröffnete damals in Istanbul sogar »eine Außenstelle des deutschen Arbeitsamtes«, um die Bewerbungen junger Türken, die in Deutschland Geld verdienen wollten, »entgegenzunehmen und zu prüfen«, wie es auf der Webseite der Bundesregierung im Rückblick heißt. »Die Bewerber sollten möglichst Deutsch, Englisch oder Französisch sprechen sowie gesund und unverheiratet sein. Ursprünglich war eine Rotation im Zwei-Jahres-Takt vorgesehen, um eine Einwanderung zu vermeiden.« Kräftige, gesunde Arbeitslegionäre wollte man also, die möglichst keine störenden Familienmitglieder im Schlepptau hatten und die - wenn sie sich zwei Jahre auf Baustellen, in der Stahlindustrie oder im deutschen Bergbau kaputtgeschuftet hatten - jederzeit gegen neues Material ausgetauscht werden konnten, so die Vorstellung.

In den Jahren von 1961 bis 1973 kamen 750 000 Türken und Türkinnen in die Bundesrepublik. Beworben hatten sich weit über zwei Millionen. Dass sich unter den Arbeitsmigranten auch 30 Prozent qualifizierte Fachkräfte befanden, ist heute nur wenigen bekannt. Unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Rezession und der Ölkrise erließ die Bundesregierung 1973 einen »Anwerbestopp«.

In der Regel wurden die damals ankommenden Arbeitsmigranten in der deutschen Bevölkerung, in der viele noch die Ideologie des Nationalsozialismus verinnerlicht hatten, als Fremdkörper wahrgenommen. An ein »Einwanderungsland« Deutschland war zu jener Zeit nicht zu denken. Ein Austausch zwischen den Deutschen und ihren »Gästen« fand anfangs nur vereinzelt statt. Für gewöhnlich zeigten die Deutschen Ignoranz gegenüber den neuen Bürgern aus der Türkei. Auch eine gesellschaftliche Anerkennung der von diesen Menschen erbrachten Leistungen blieb lange aus. Noch bis weit in die achtziger Jahre war das Verhalten vieler Deutscher gegenüber eingewanderten Ausländern von Vorurteilen und Skepsis gekennzeichnet.

Zumindest in den Großstädten und in Teilen der Bevölkerung hat sich in den vergangenen 15 Jahren, was die Sicht auf die deutschen Türken und türkischen Deutschen angeht, ein Wandel vollzogen. »Gastarbeiter« gibt es nicht mehr. Heute spricht man von ihnen als den »Migranten der ersten Generation«. Die rassistische Rede vom »Kümmeltürken« oder »Knoblauchfresser«, die vor 30 Jahren unter der westdeutschen Bevölkerung die Runde machte, ist seltener geworden. Die volle Partizipation vieler türkischstämmiger Deutscher an der hiesigen Gesellschaft spiegele sich, so heißt es derzeit, auch darin wieder, dass es heute nicht nur Staatssekretäre und Bundestagsabgeordnete mit türkischen Wurzeln gebe, sondern auch Künstler wie Fatih Akin oder Sportler wie Mesut Özil. Doch ganz zutreffend ist diese Interpretation nicht. Nicht wenigen ist diese »Partizipation« nur gelungen, indem sie sich selbst zu Vorzeigedeutschen machten. Man denke an den »Spätzletürken« Cem Özdemir, Vorsitzender der Grünen, oder den Fußballprofi Mesut Özil und dessen überschwengliche Bekenntnisse zur deutschen Nation. Doch gibt es auch nach wie vor Deutschtürken, die sich ausschließlich in den eigenen Migrantencommunities bewegen. Den Einwanderern und ihren Nachkommen wird heute das Verdienst zugesprochen, die deutsche Gesellschaft modernisiert zu haben. Diejenigen jedoch, die während der Feierlichkeiten »auf der Bühne sind, die man zeigt, die erfolgreich sind«, seien »genauso ein Teil dieser Geschichte wie der Umstand, dass unglaublich viele Menschen sozial benachteiligt sind, nicht Zugang zur Bildung haben«, sagte der Schriftsteller und DJ Imran Ayata im Deutschlandfunk.

Heute geht es nicht mehr - wie bei den neokolonialen Anwerbeabkommen - um billige Industriearbeiter, sondern um den Zuzug qualifizierter Arbeitnehmer, um einem erwarteten Fachkräftemangel zu begegnen. Tatsächlich gibt es heute eine Abwanderung aus Deutschland. Bei vielen türkischstämmigen Deutschen, die heute das Land verlassen, handelt es sich keineswegs um »Rückkehrer«. So meint etwa auch Kenan Kolat, der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, es sei Unsinn, von »Rückkehrern« zu sprechen. »Tatsächlich handelt es sich hierbei um gut ausgebildete, in Deutschland geborene Menschen.«

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