Wedeln in der Unterschicht

»High School Wedding«

Milieus knallen aufeinander. Eine Cheerleaderin aus Kleinmachnow und der Einheimische in der Weddinger Dönerbude sind nahe daran, einen Übersetzer bemühen zu müssen. Autorin Constanze Behrends karikiert zudem das sprachbremsende »Ahhhhm« vor fast jedem Wort, das von den im Problembezirk auftauchenden gutbürgerlichen Teenies als Statussymbol benutzt wird. »Ahhhhm« ist schick. Es untermalt so schön die gedankliche Leere.

Von Bildungshunger sind die jungen Mädchen aus der Provinz jedoch weit entfernt, wenn es sie an die neue »High School Wedding« in der 75. Folge von »Gutes Wedding, schlechtes Wedding« (GWSW) im prime time theater treibt. Vielmehr gibt es in Kleinmachnow nichts mehr zu wedeln. Der dortige Fußballclub hat sich in Luft aufgelöst. In Wedding hingegen soll der Ball noch rollen. Wohl oder übel tauchen die Zicklein in die »Unterschicht«. Nach amerikanischem Vorbild, so erfand die Autorin, wird in Wedding die hoch subventionierte Bildungseinrichtung als sozialpädagogisches Projekt mit bayerischem Direktor eröffnet. Der Unterricht beginnt am Ende des Stücks. Vorher kommen die unterschiedlichen Charaktere ins Spiel. Lebenswege bekannter Figuren setzen sich fort, neue Rollen kommen hinzu. Fantasiereich sind die Schicksale miteinander verknüpft. Doch wie immer bleibt einiges offen, wenn das Stück endet, denn die nächste Folge will mit Spannung erwartet werden.

Jetzt schon ist High-School-Hausmeisterin Ulla, die Ex des Postboten Kalle, der Superstar des sozialpädagogischen Experiments. Mit ihren Erfahrungen aus der Arbeit als Gefängniswärterin in Moabit und im Sonnenstudio bekommt sie nach Berliner Art wie »Nu werd' mal nich komisch, Männeken!« jeden Rüpel an der Schule in Griff. Überdies entpuppt sie sich als Genie, löst mal ganz nebenbei Formeln für die Mathe-Olympiade.

Typen und Tussen bringt die »Männerstillgruppe« mit der 76. Folge. Und mit ihr wieder einen neuen Schauspieler. Haben sich Anna Katharina Bertus und Cynthia Buchheim an der Seite von Constanze Behrends, Oliver Tautorat und Robert Speidel seit Ende vorigen Jahres gut eingearbeitet, kommt nun Daniel Zimmermann dazu. Er gibt ab der kommenden Folge den schwäbischen Männerexperten Uwe Gammerdinger aus Prenzlauer Berg und den Fußballtrainer Achim Löwe. In Theaterchannel »Wedding TV« ließ er sich schon mal sehen.

Das prime time theater hat viel vor in diesem Jahr. GWSW wird bis zur Folge 80 fortgeführt. April und Mai zeigen mit den Produktionen »Talkshow« und »Free Wedding« die Ergebnisse der Koproduktion des prime time theaters mit Schauspielern der Schaubühne am Lehniner Platz. Gehört zu den längerfristigen Vorhaben, »Der Widerspenstigen Zähmung« von Shakespeare und »Der Diener zweier Herren« von Goldoni für Weddinger Originale von GWSW zu adaptieren, gibt es im Juni die Neuauflage des Sommernachtstraums von Shakespeare. Man wird also weiterhin Theater für jedermann machen und sich damit bewusst vom Schauspiel abgrenzen, das aufs Bildungsbürgertum abzielt: eine »innovative Vision« zum ewig andauernden Immigrantenproblemgeheul. Hier lebt man mit seinem Hintergrund im Vordergrund zusammen und basta.

5.2., 16.30 Uhr, sonst bis 12.2., 20.15 Uhr, prime time theater

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