Was zählt ist Mitmenschlichkeit

Friedrich Schorlemmer über Hubertus Halbfas: »Warum sich das Christentum neu erfinden muss«

  • Von Friedrich Schorlemmer
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Friedrich Schorlemmer
Friedrich Schorlemmer

Ein katholischer Theologe begründet in einer Flugschrift, warum das Christentum sich neu erfinden muss. Die Kirchen befänden sich in einer fundamentalen Glaubenskrise, sagt Hubertus Halbfas, überall würde die Substanz der Tradition dahinschmelzen. Dem Verdunsten des christlichen Glaubens ist nicht mehr durch Kirchenreform beizukommen. Mut zu einem substanziellen, einem ehrlichen Nachdenken darüber, welche Tradition noch mit gutem Gewissen festgehalten und welche man hinter sich lassen muss, ist gefordert. Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass er ausgerechnet den reformresistenten Josef Ratzinger an ein Diktum von 1972 erinnert: »Selbstgemachter und so schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird.«

Wer heutzutage einen Radiogottesdienst hört, reibt sich immer wieder die Augen, was da im Gebet alles dem lieben Gott zugeschrieben wird, was er denn tun müsste, was doch unsere ureigenste Aufgabe ist.

Halbfas polemisiert gegen einen passivmachenden Glauben und gegen ein Beten, das immer noch magischen Charakter trägt und sozusagen als ein Versteck vor der eigenen Verantwortung missbraucht wird. Er wagt sich an die als unumstößlich geltenden Traditionssätze heran, indem er das sogenannte Apostolische Glaubensbekenntnis schlichtweg zu einem Vergangenheitsdokument erklärt. Keinen der Glaubenswächter scheint es zu stören, dass der historische Jesus mit seinem Reich-Gottes-Programm in diesem Bekenntnis gänzlich übergangen wird. Die Sprache des überlieferten Glaubens nennt er verkalkt, abgestanden und verschlissen. Mit dem Wort »Gott« verbindet sich kaum noch prophetische Kraft, das Christentum welkt dahin. Eine Weitergabe der Glaubenstradition in den Familien entfällt weithin. Die Reaktion darauf ist ängstliches Schutzsuchen im Formelbestand der Tradition - ohne Nachfrage.

Die Bindekraft der Kirchen nimmt im selben Maße ab wie etwa bei Parteien oder Gewerkschaften.

Das Unwissen - oder Ignoranz - des Völkerapostels Paulus über das Reden und Wirken des Jesus aus Nazareth hatte fatale Folgen. Paulus geht in seinen Briefen nur am Rande auf die Reich-Gottes-Botschaft Jesu mit deren sozial-politischen Implikationen ein. Gäbe es nur Paulus - wir würden keine Gleichnisse kennen, keine Bergpredigt, kein Vaterunser, kein Wissen über Jesu Leben und seine Vision der Geschwisterlichkeit aller Menschen in Gerechtigkeit. Die Tischgemeinschaft wurde zu einer religiösen Kulthandlung, abgetrennt vom Lebensalltag. Der provokante Ansatz Jesu wurde eingeebnet: die Gleichheit und die Gleichwürdigkeit aller, die in die offene Tischgemeinschaft als Teilungsgemeinschaft eingeladen werden. Priester und kirchliche Glaubenswächter verfügten über einen religiösen Ritus mit starken Anleihen an andere Religions- und Opfervorstellungen.

Bald machte die Wahrheit nicht mehr frei. Hierarchen wachten über die Reinheit der Lehre, bis es zu Lehrverurteilungen, Inquisition, Schnüffelei, Denunziation, zu Schreib- und Redeverboten, Misstrauen und Kontrolle gekommen sei. Und dieses Christentum sei zu keiner Zeit das Salz der Erde, die Stadt auf dem Berge und das Licht der Welt gewesen. Nur dort, wo die Liebe zum Nächsten gelebt wird, wird auch die freimachende und erlösende Wahrheit erfahren: in der Armenfürsorge, der Zuwendung zu den Verlassenen, der Pflege der Kranken, der Aufnahme der Ausgestoßenen.

Halbfas erinnert an die Waldenser, an Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen und Mutter Teresa, an Desmond Tutu und Arnulfo Romero. Sich auf die Glaubensbotschaft einzulassen, verlangt kein Verstandesopfer, sondern bleibt angewiesen auf Sensibilität, Mitmenschlichkeit und Mitgefühl für alles Leben.

Dieser katholische Theologe wagt sich kritisch an das sensible Thema schlechthin: das Abendmahl. Eine Eucharistietheologie, die den Priester zu einer Art Magier macht, die von Sühnetod, Opfer und Transsubstantiation (Verwandlung der Elemente Brot und Wein) geprägt ist, hat kaum noch etwas mit der - so kärglichen wie festlichen - Mahlpraxis Jesu zu tun, wo gemeinsames Essen ein Symbol für Frieden und Versöhnung auf allen denkbaren Ebenen war. Dieses Mahl verpflichte zur Zuwendung zu Schwachen, Fremden und Verfemten, zum Einstehen gegen Ungerechtigkeit.

Hubertus Halbfas' Reformbüchlein (Konzentrat seines 600-Seiten-Bandes »Der Glaube« von 2010) gipfelt im zustimmend aufgenommenen Nietzsche-Satz: »Dieser ›frohe Botschafter‹ starb wie er lebte, wie er lehrte - nicht um die Menschen zu erlösen, sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat.« Was sich Menschen in der Liebe schuldig bleiben verlangt nach gegenseitiger Vergebung. Da bleibt selbst Feindesliebe nicht ausgenommen. Was man einander an Mitmenschlichkeit schuldet, lässt sich nicht durch ein Sühneopfer löschen, schon gar nicht durch die Vorstellung, man würde beim Abendmahl das Blut Christi trinken. Viel mehr wirkt die schlichte, aus den eigenen Untiefen kommende Bitte -, ausgesprochen im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner -: »Gott, sei mir Sünder gnädig«.

Ähnlich wie Hans Küng mit seinem Projekt »Weltethos« geht Halbfas davon aus, dass die Goldene Regel eine Welten verbindende Grundmaxime ist. »Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun, das tut ihnen auch; denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.« (Matthäus 7, 12)

Alle Menschen als gleich anzunehmen, einem natürlichen Sittengesetz unterstellt, scheint ethisches Gemeingut aller großen Religionen zu sein. In allen Gleichnissen Jesu handeln Menschen, nicht Juden, Griechen oder Anhänger irgendwelcher anderer Glaubensüberzeugungen, sondern »ein Mensch sät Samen auf seinen Acker, ein Mann lädt zum Gastmahl …« Um solche Universalisierung des Glaubens ins Allgemein-Menschliche ginge es heute.

Halbfas stellt zudem die gängige christliche Anthropozentrik infrage. Für die überlieferte Theologie ist Adam als Homo sapiens der erste Mensch. Wir wissen inzwischen, dass es viele Jahrhunderte früher schon den Homo erectus und den Neandertaler gab und dass der Schöpfergott inzwischen als ein universaler, das gesamte Weltall umfassender Gott gedacht werden muss - oder müsse man gar auf die Chiffre Schöpfer-Gott zur Erklärung der Weltentstehung einfach verzichten? Schließlich ist die ganz auf den Menschen ausgerichtete christliche Schöpfungslehre durch die Evolutionswissenschaften widerlegt, basiert die Christozentrik immer noch auf dem geozentrischen Weltbild. Die Fokussierung der kosmischen Evolution auf den Menschen hin wird fragwürdig. Auch die Behauptung, dass die Schöpfung in all ihren Teilen gut sei, widerspricht der Erfahrung. Wenn Gott nicht mehr zur Erklärung bestimmter Vorgänge in der Welt herangezogen werden würde, stünden wir nicht wieder und wieder vor der sogenannten Theodizeefrage; ER hat mit Erdbeben, Überschwemmungen, Seuchen, Krankheiten, Unfällen und dem Wettergeschehen nichts zu tun. »Das Wort Gott steht vielmehr für eine bestimmte Art, die Welt zu verstehen« - in der Symbolsprache des Mythos. Alles Reden von Gott deutet menschliches Leben. So ist Theologie Anthropologie. Religion ist Auslegung des menschlichen Daseins. Sie ist der vielförmige Versuch, sich als Mensch zu verstehen und sich vor dem Absoluten selbst zu bestimmen. Gott können wir nur insofern verstehen, als wir uns selbst in der von uns begriffenen Welt verstehen lernen.

Und Kirche müsse sich im Übrigen den Infragestellungen nicht nur von Karl Marx, Charles Darwin oder von Friedrich Nietzsche stellen, sondern auch ihrer hochproblematischen Geschichte, wo Kirche weltliche Macht mit Adaptionen kaiserlicher Insignien ausübte, sie »christlich« assimilierte, wo sie Gemeinschaft der Armen zur Kirche der Pracht wurde, wo Christus vom armen Wanderprediger aus Nazareth zum Pantokrator der Welt erhoben wurde.

Das Sündenregister der Kirche muss von der Kirche selbst benannt und bekannt werden: der Religionszwang, die Schwertmission, die Inquisition, die bestialische Missionierung bei der Eroberung Amerikas, die Kreuzzüge, die Judenfeindschaft und die Sexualfeindlichkeit. Zurück zu Jesus! Das bedeutet, dass auch Christologie Anthropologie ist und dass Jesus ein Mensch von einmaliger Individualität und einmaliger Geschichte gewesen ist, der für seinen Lebensentwurf bezahlt hat und in der Liebe »aufgehoben« bleibt. Theologie wird zum Spezialfall der Frage des Menschen nach sich selbst und seiner Versuche, mit dem Rätsel, das er selber ist, und das die letztlich unbegreifliche Welt den Menschen aufgibt, fertig zu werden. Es gilt, mutig Abschied zu nehmen von mythischen Vorstellungen, dass Jesus vom Himmel gekommen und wieder im Himmel aufgefahren sei, um nun zur Rechten Gottes zu sitzen. Die Vorstellung, dass der Gottvater mit der Jungfrau Maria ein Kind gezeugt hat, das dann sein Sohn wird, ist eine symbolische Aussage, die nicht als Tatsache glaubhaft wird. Wie kann Jesus mit Gott wesenseins sein, wo er doch ganz und gar ein Mensch ist?

Jedenfalls stehen die Christenheit und insbesondere ihre Religionsdiener und Verkünder des Glaubens vor der Herausforderung, mit dem Wort Gott sehr viel vorsichtiger umzugehen. »In Jesus Christus« zu sein heißt, ganz von seinem Geist erfüllt, orientiert und getragen zu werden ... Solange Jesus nur angebetet wird, wird man ihm nicht folgen, sondern alles bei ihm abzuladen versuchen. Dem gegenüber aber muss »das Göttliche, das ihn erfüllte, … in uns zum Durchbruch kommen - als Licht der Welt.«

Was da geschrieben ist, wird man bei der Glaubenskongregation (früher: die Heilige Inquisition) in Rom nicht gerne lesen. Hubertus Halbfas: ein mutiger Theologe, der eben katholisch & allumfassend, nicht römisch denkt? Die Tür zu anderen Denkweisen ist weit geöffnet, Umdenken geht an die Wurzel, ohne das Eigene aufzugeben. Der Glaube wird heutig.

Jesus wird wieder geerdet. Der Himmel ist nicht »da oben« - der Friede ist für die »da unten.« Die Horizontale braucht die Vertikale und umgekehrt.

Hubertus Halbfas: Glaubensverlust. Warum sich das Christentum neu erfinden muss. Patmos-Verlag. 128 S., brosch., 9,90 €.

Friedrich Schorlemmer: evangelischer Theologe und Bürgerrechtler, geboren 1944, war von 1971 bis 1978 Studentenpfarrer in Merseburg, lehrte von 1978 bis 1992 am Evangelischen Predigerseminar und war Prediger an der Schlosskirche in Lutherstadt Wittenberg und danach bis 2007 Studienleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. 1993 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Von seinen zahlreichen Veröffentlichungen seien hier nur einige wenige genannt: »Worte öffnen Fäuste« (1992), »Einschärfungen zum Menschsein heute« (1996), »Nicht vom Brot allein. Leben in einer verletzbaren Welt« (2002), »Lass es gut sein. Ermutigung zu einem gelingenden Leben« (2007) und auch »Zorn und Zuwendung«, der Gesprächsband mit Hans-Dieter Schütt aus der Buchreihe von »neues deutschland« und »Das Neue Berlin« (2011).

Hubertus Halbfas: katholischer Theologe, geboren 1932, wurde 1957 zum Priester geweiht, war bis 1967 Dozent an der Katholischen Hochschule in Paderborn, danach bis 1987 Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen. Mit seinen Veröffentlichungen hat er maßgebliche Veränderungen in der Religionspädagogik in die Wege geleitet, aber auch die Kritik kirchlicher Dogmatiker auf sich gezogen. Die Deutsche Bischofskonferenz entzog Halbfas die kirchliche Lehrerlaubnis. Infolge dessen stellte Halbfas einen Antrag auf Laisierung, der sofort vom Papst akzeptiert wurde.

Zu seinen im Patmos-Verlag erschienenen Büchern gehören die reich illustrierten Bände »Die Bibel« (2001), »Das Christentum« (2004) und »Der Glaube« (2010), jeweils von ihm erschlossen und kommentiert.

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