Choreographierte Karibik

Kubas »Ballet Revolución« im Admiralspalast

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Vielleicht ist auch das Ballet Revolución Nutznießer einer gewissen neuen Freiheit in der Inselrepublik Kuba. Viele Angestellte werden aus Staatsdiensten entlassen und sollen zukünftig als Kleinunternehmer jene Produkte herstellen, an denen es auf Kuba weithin fehlt. Ob die Rechnung der Regierung um Raúl Castro aufgeht, ob sie die potenziellen Gewerbetreibenden finanziell genügend unterstützt, bleibt abzuwarten. Der Weg indes scheint richtig und setzt auch im Tanz Kreativität frei. Zahlreiche neue Compagnien entstehen derzeit, entwickeln weiter, was die Wurzeln des kubanischen Tanzes ausmacht, erhalten staatliche Zuschüsse.

Um die 50 Gruppen soll es auf der Karibikinsel geben, vom weltberühmten Nationalballett der Alicia Alonso bis zu kleinen Experimentalensembles. Auf einen reichen Fundus an Tradition können sie zurückgreifen, denn was die indianischen Ureinwohner tanzten, mischte sich mit dem Erbe der eingeführten Sklaven aus Afrika und dem Import der spanischen Eroberer. All dies zusammen macht jenen einzigartig explosiven Mix aus, der afrokubanischen Tanz auszeichnet. Besonders die dunkelhäutigen Tänzer beherrschen ihn, doch auch die spanischstämmigen Weißen können mithalten.

Basis gibt ihnen in staatlichen Schulen eine exzellente Ausbildung, mit klassischem Tanz als Grundierung. Bedeutendste ist die Escuela Nacional de Ballet in Havanna, die nicht nur den nationalen Compagnien frische Talente zuführt, sondern an deren Tropf gewissermaßen die halbe Welt hängt. Um Karriere zu machen und, nebenbei, gutes Geld zu verdienen, gehen beinah alle großen Begabungen recht bald ins Ausland, vornehmlich die USA, doch auch nach Europa. Kuba bildet aus und verliert nicht nur das Ergebnis jahrelangen pädagogischen Mühens, sondern ebenso die Einnahmen, die gelenkte Gastspiele dem klammen Staatssäckel einbringen.

Möglicherweise ist auch dies ein Grund für das Projekt Ballet Revolución. Begründet wurde es in Kuba, jedoch als kubanisch-australische Gemeinschaftsproduktion. Kuba leiht seine Tänzer, aus dem fernen Kontinent der Kängurus kommt das Geld. Zwei Choreographen zeichnen auch für das Programm verantwortlich, der weltweit wirkende Australier Aaron Cash und der Kubaner Roclan Gonzales Chavez. Nach der australischen Weltpremiere der Show, die nur für das Ausland konzipiert ist, tourt sie durch Europa und macht nun im Admiralspalast Station.

Was die Zuschauer dort erwartet, ist schlichtweg atemberaubend. 17 junge Tänzer servieren eine Mixtur der Stile, wie man sie so nur dort erleben kann. Ballett steht dabei neben Hip-Hop und zeitgenössischen Techniken, live begleitet von einer brillanten Band. Musik internationaler Größen, von Bob Marley und Beyoncé über Ricky Martin, Enrique Iglesias und Shakira bis zu Prince und Sting, fächert jugendliches Lebensgefühl auf und lässt kubanisches Temperament überschäumen. Ballet Revolución ist eine männliche Show, in der die nicht minder qualitätvollen fünf Tänzerinnen eindeutig in der Minderzahl sind.

Die Mehrzahl der Mitglieder kommt aus dem kubanischen Fernsehballett, mit dem Chavez als Choreograph arbeitet, falls er nicht gerade in Südamerika engagiert ist. Energie, Leidenschaft, Lebensfreude zu präsentieren, sagt er, sei Ziel von Ballet Revolución, beste kommerzielle Unterhaltung eben, ohne höhere, gar politische Botschaft. Von den 45 erarbeiteten Stücken fanden 20 Einlass ins Programm. Das nennt Chavez eine Show der Tänzer, nicht der Choreographen, entwickelt seine Beiträge gern gemeinsam mit den Akteuren. Von sparsam eingesetztem Spitzentanz der Frauen über folkloristische Elemente bis zur Bodenakrobatik des Hip-Hop hat alles darin seinen Platz, zeugt von der vielseitigen Ausbildung und präsentiert das Gelernte mit dem persönlichen Tanzfeuer, der ganz eigenen Ausstrahlung.

Einer der jungen, langbeinigen Stars ist Juan Carlos Hernandez Osma. Ballett liebe er, fühle sich jedoch freier und mehr er selbst in dieser Mischform der Stile. Gerade 19 ist er, absolvierte erst letzten Mai die Schule, hat hier sein erstes Engagement, erzählt er und strahlt aus dunklen Augen. Bereits wie ein Vollprofi wirbelt er über die Szene, ist, wie die sieben Musiker und das Sängerpaar, Teil einer gigantischen Show, die keine anderen Requisiten braucht als die vibrierenden Körper der zumeist afrokubanischen Tänzer.

21.2.-4.3., Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Tel.: (030) 47 99 74 99, www.bb-promotion.com

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