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Was würde Marx sagen?

Freiheit durch das bedingungslose Grundeinkommen

Karl Reitter ist Redakteur bei »grund- risse - Zeitschrift für linke theorie & debatte« und Dozent für Philosophie an den Unis Wien und Klagenfurt.
Karl Reitter ist Redakteur bei »grund- risse - Zeitschrift für linke theorie & debatte« und Dozent für Philosophie an den Unis Wien und Klagenfurt.

nd: Sie veröffentlichten ein Buch zu »Marx, Spinoza und die Bedingungen eines freien Gemeinwesens«. Was sind die Bedingungen für eine freie Gesellschaft?
Reitter: Es müssen institutionelle Voraussetzungen dafür geschaffen sein, dass die Menschen in Freiheit tätig sein können. Das bedingungslose Grundeinkommen wäre eine dieser Institutionen, ebenso der freie Zugang zu anderen Ressourcen.

In Freiheit tätig sein können?
Freiheit ist nicht einfach Willkür, grundlose Wahl. Freiheit hat, wie Spinoza zeigt, sehr viel mit Notwendigkeit zu tun. Es ist für unser Dasein notwendig, dass wir uns selbst bestimmen können. Solange wir für die Vermehrung von Profit und Kapital arbeiten müssen, ist diese Selbstbestimmung nicht möglich. Wohl werden von uns Kompetenzen und Entscheidungsfähigkeit verlangt, aber alle diese Fähigkeiten sind nur einem Zweck untergeordnet, der Vermehrung des Profits.

Wie steht der Arbeitsbegriff von Marx im Zusammenhang mit dem freien Gemeinwesen?
Der Mensch ist ein tätiges, handelndes, agierendes Wesen. Nichts gegen Kontemplation, aber sie alleine trägt unser Dasein nicht. Die höchste Form des sozialen Zusammenhangs ist es, durch Tätigsein verbunden zu sein. Dass im Kapitalismus der Mensch seine selbstbestimmte tätige Beziehung zu den anderen nur gegen die herrschende Ordnung durchsetzen kann, ist dramatisch.

Was würde Karl Marx zum Grundeinkommen sagen?
Gute Frage, ich weiß es nicht. Sicher ist, dass für Marx die frei selbstbestimmte Aktivität auch die Basis für die institutionelle und politische Ordnung des freien Gemeinwesens darstellte. Die Frage ist heute: Wie kommen wir zur Selbstbestimmung in unserem Dasein, einer Selbstbestimmung, die selbstredend die materielle Produktion und Reproduktion einschließt? Auf dem Gebiete der sexuellen Emanzipation, der freien Wahl des Lebensstiles wurde einiges erkämpft oder ist dabei, erkämpft zu werden. Wie sieht es aber mit der Selbstbestimmung bei unserem materiellen Tun aus? Darauf kann doch die Vollbeschäftigung keine Antwort sein! Das Grundeinkommen ist ein ernsthafter Schritt in diese Richtung, weil es zumindest teilweise Selbstbestimmung ermöglicht. Nach all den historischen Erfahrungen wäre Marx wohl dafür. Er hat immer in Prozessen gedacht. Das Grundeinkommen eröffnet den Prozess der Überwindung des Kapitalismus und der erste Schritt ist immer der entscheidende.

nd: Wäre das Grundeinkommen nicht auch eine Antwort auf die Produktivkraftentwicklung?
Die volle Entwicklung des Individuums ist selbst die größte Produktivkraft, schrieb Marx. Das sollten wir sehr ernst nehmen. Das Grundeinkommen ist nun ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit! Denn dazu sind nicht nur Maschinen und die Entwicklung der Technik relevant, sondern ebenso die sozialen Verhältnisse, der Stand der Kommunikation und der Informationsflusses. Wenn Marx davon spricht, dass die gegenwärtigen Produktionsverhältnisse, sprich der Kapitalismus, die Produktivkräfte hemmt, so meint er auch und nicht zuletzt uns: Wir werden durch den Kapitalismus gehemmt.

Interview: Ronald Blaschke

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