Der Partner fürs Leben

Heiratsschwindler wegen mehrfachen Betrugs angeklagt

Peter Kirschey berichtet aus Berliner Gerichtssälen
Peter Kirschey berichtet aus Berliner Gerichtssälen

Dass man über eine Partnervermittlung einen Partner kennenlernen will, ist so ungewöhnlich nicht. Doch was dann kommt, scheint von einem anderen Stern zu sein. Denn zappelt erst mal einer am Haken, dann hat frau es selbst in der Hand zu entscheiden, was weiter geschehen soll.

Doch beim Anblick von Rudi, einem 43-jährigen normal gebauten männlichen Wesen, müssen alle internen Kontrollmechanismen versagt haben. Der tolle Hecht entpuppte sich schon bei den ersten Treffs als stinkender Hering. Da sollte man nicht so sehr auf das Verfallsdatum schauen, sondern ihn sofort entsorgen.

Nichts von alledem taten Marina, Sabine, Christine und fünf weitere Frauen. Sie blieben bis zum bitteren Ende an Rudi kleben, das heißt, bis zu jenem Tag, als sie erkannten, dass sie ausgenommen worden waren wie Weihnachtsgänse und Anzeige erstatteten. Obwohl eigentlich von der ersten Sekunde ihres Zusammenseins klar war, dass der charmante, redegewandte Herr mit seiner sanften pastoralen Stimme überhaupt nicht an einer Partnerschaft interessiert war.

Rudi wird aus dem Gefängnis in den Gerichtssaal gebracht. Er sitzt bereits eine Strafe wegen mehrfachen Betrugs ab, weil er mehrere Damen mit Wunsch nach Partnerschaft kräftig abkassiert hat. Da aber zwischen einer Verurteilung und Haftbeginn mitunter eine gewisse Zeitspanne liegt, nutzte Rudi diese Phase schöpferisch für weitere Kontaktanbahnungen.

Abend für Abend saß der freie Mann auf Abruf in einem Internetcafé in Wedding, durchforstete die Internetseite »Partnership« nach frischer Beute und fand sie besonders im süddeutschen Raum. Marina aus Nürnberg, die 36-jährige, nicht unattraktive Sekretärin einer Anwaltskanzlei, die als erste am Haken zappelte, traf sich mit ihm an einem lauen Sommerabend 2009 in einem Restaurant am Ku’damm.

Nicht er war zu ihr, sie war zu ihm gereist. Doch statt Blumen oder Konfekt brachte Rudi, der sich Frank nannte, die Offenbarung zum ersten Rendezvous mit, dass er als Großhändler für Elektronik eigentlich pleite sei. Doch Rettung sei in Sicht, wenn die frisch bekannte Partnerin mit 7000 Euro kurzfristig aushelfen würde. Marina machte nicht auf dem Absatz kehrt, sondern überreichte 2000 Euro, alles Geld, was sie bei sich hatte. 5000 Euro lieferte sie Tage später nach. Und sie mietete gleich noch auf eigene Kosten eine Zweitwohnung für den Angebeteten. Eine so genannte »Investitionsvereinbarung« wurde geschlossen mit 13 Prozent »Garantiezins«.

Auch Zahnärztin Sabine aus Frankfurt am Main kam nach Berlin, um Rudi, alias Frank, zu treffen. Sie sei von Anfang an misstrauisch gewesen, erzählte sie als Geschädigte und Zeugin vor Gericht. Doch auch sie reichte nach der dritten Begegnung 6500 Euro rüber. Nach einer Woche forderte sie ihr Geld zurück, schob dann noch einmal 3000 Euro nach, obwohl sie »genau wusste«, dass sie das Geld nie wiedersehen würde.

Auch die Berlinerin Christine, 47-jährige Verkäuferin einer Modekette, zahlte brav. Auch nicht sofort und mit einigem Zögern, aber sie zahlte. Als bei Christine die Geduld schwand und sie ihr Geld zurück haben wollte, weil sie sich 10 000 Euro bei Freunden geborgt hatte, wurde einfach umverteilt. Der einen genommen, der anderen gegeben. Immer wieder hielt er die Frauen hin, vertröstete sie und spielte den Zerknirschten, wenn er wieder einmal beichten musste, dass er pleite sei und frisches Kapital bräuchte. Vor Gericht plaudert Rudi ganz locker über seine Gaunereien. »Ich habe den Frauen immer klaren Wein eingeschenkt«, sagt Rudi zu seiner Verteidigung.

Insgesamt 95 000 Euro blieben an dem Mann mit seiner Unwiderstehlichkeit 2009 kleben, ohne dass er jemals die Absicht und die Fähigkeit gehabt hätte, die Beute zurückzuzahlen. Es ist den Opfern sichtlich peinlich, über ihre bodenlose Blauäugigkeit zu reden. Eine Dame hofft immer noch, dass es mit Rudi nach dem Knast doch irgendwie klappen wird. Das Urteil wird Ende April erwartet. Rudi jedenfalls zeigte sich bisher relativ unbeeindruckt vom Gerichtsgeschehen. Vielleicht plant er schon seine nächsten Coups, denn es gibt noch viele Partnersuchende, die nur darauf warten, kräftig abgezockt zu werden.

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