Die Belgier mögen das Hotel »Mercure«

Ein intaktes und effizientes Haus soll in Potsdam der Abrissbirne zum Opfer fallen

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn preußische Traditionalisten sich mit ihren Plänen zum Abriss des Potsdamer »Mercure«-Hotels durchsetzen, dann wird zumindest eine Nation in Europa sehr traurig sein: die Belgier. »Belgische Gäste nutzen nahezu ausschließlich dieses Hotel, wenn sie in Potsdam übernachten«, erklärte gestern die Leiterin der Potsdamer Musikfestspiele, Andrea Palent. Ihr zufolge schätzen Besucher aus diesem Staat das »DDR-Flair«, das heutzutage »Retro« heißt. Das »Mercure« wurde Anfang der 1970er Jahre als Interhotel errichtet. Es handelt sich um ein für die Innenstadt prägendes Gebäude. Es überragt das daneben entstehende Landtagsschloss weit.

Trotz des Besucherinteresses ist die Festspielleiterin aber begeistert von der Vorstellung, dass dieses Hotel abgerissen und durch eine Kunsthalle ersetzt werden könnte. Für die dann fehlenden rund 250 Hotelzimmer »müsste sich eine Lösung finden lassen«, glaubt sie. Der Stadt Potsdam eine Kunsthalle an diesem Ort zu schenken, soll der mit Software reich gewordene Milliardär Hasso Plattner angeboten haben.

Das deckt sich mit beinahe vergessenen Beschlüssen, die Kommunalpolitiker zur Nachwendezeit hinsichtlich der Stadtentwicklung fassten, und es trifft sich mit den Zielen derjenigen, die ohnehin in der Innenstadt am liebsten sämtliche DDR-Relikte tilgen würden. Dem an sich völlig intakten Hotel würde es dann gehen wie dem Berliner Palast der Republik. Die damalige Abrisswut in der Hauptstadt ließ sich noch nicht einmal durch die geschichtlich schwerwiegende Tatsache zähmen, dass doch in diesem Gebäude von der Volkskammer die Einheit Deutschlands beschlossen worden war.

Mit dem Hotel am Havelufer steht auch die Zukunft der Potsdamer Weißen Flotte in Frage, denn deren Hafen und Empfangsanlage ist in den Hotelkomplex eingewoben. Alles ist erst vor kurzer Zeit neu gestaltet und saniert worden. Darüber hinaus wäre der Abriss unsinnig, weil das Hotel für den Fremdenverkehr gebraucht wird.

»In der ganzen Stadt ist kein Hotelbett mehr zu bekommen«, bestätigte Festspielleiterin Palent. Nirgends in Brandenburg sind die Hotelkapazitäten besser ausgelastet als in Potsdam. Darum ähnelt der Fall der Plattmachmentalität gegenüber dem DDR-Wohnblock am Staudenhof. Dieser steht unweit des Hotels, ebenfalls in der Nachbarschaft des Landtagsschlosses. Obwohl in Potsdam derzeit wieder Wohnungsnot herrscht, sollen am Staudenhof mehrere hundert preiswerte Quartiere einfach deswegen vernichtet werden, weil der Wohnblock angeblich nicht dorthin passt.

Keineswegs berauscht von dem Gedanken, das »Mercure« fallen zu sehen, zeigte sich der Geschäftsführer der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH, Dieter Hütte. Seine Institution rechne und plane »auch für das Jahr 2013 und fröhlich darüber hinaus« mit diesem Hotel, sagte er. Für Hütte ist das »Mercure« keineswegs so ästhetisch misslungen, wie es von interessierter Seite dargestellt wird. Sollte es verschwinden, dann wäre es »mengenmäßig und inhaltlich ein Verlust«. Es würden »Übernachtungsmöglichkeiten im fünfstelligen Bereich« ohne Not beseitigt. Gäste steigen gern dort ab und genießen die fantastische Aussicht auf die Havel und die Stadt, berichtete der Marketingexperte.

Interessant ist auch, mit welcher Leichtigkeit Planspiele mit dem Schicksal von 80 Beschäftigten auf dem Areal angestellt werden. Die LINKE widersetzt sich der Absicht, Geschichte mit der Abrissbirne »bewältigen« zu wollen. Die Stadt könnte das Angebot für eine Kunsthalle annehmen, sie aber am Blücherplatz errichten lassen, sagte die Stadtverordnete Karin Schröter (LINKE). Sie ist Vorsitzende des Kulturausschusses. Damit würde eine städtische Brache sinnvoll genutzt, der Alte Markt würde wieder Marktcharakter erhalten und das für die Wirtschaft der Stadt wichtige Hotel »Mercure« könnte stehen bleiben, meint Schröter. Sie bestätigte, dass demnächst die Betreibergenehmigung für das Hotel auslaufe und diesbezüglich eine unklare Lage entstehen könnte. Das bedeutet jedoch längst nicht das automatische Aus für das Hotel.

Die LINKE griff einen Vorschlag der Studenten der Universität Potsdam auf. Sollte das Gebäude wirklich nicht mehr als Hotel genutzt werden, könnte es ja ein Studentenwohnheim werden, findet Linksfraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg. Das würde die Innenstadt ungemein beleben.

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