Therapeut liest mit

Der Januskopf der SMS oder: Die Deutung zwischenmenschlicher Botschaften

  • Von Walter Schmidt
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.

Es ist ja so praktisch: Man zeigt seinem Psychotherapeuten mal eben die letzten Kurznachrichten des neuesten Schwarms oder der streitbaren Ehefrau auf dem Handy - vielleicht kann ja wenigstens er sich einen Reim darauf machen. Für psychologische Berater ist dieses Verhalten ihrer Patienten zwar verständlich, aber mitunter heikel.

»Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen«, schrieb Goethe in seiner Tragödie »Faust« vor gut 200 Jahren. Lebte der Dichter heute, würde er vielleicht statt dessen formulieren: »Was du als SMS besitzt, kannst du zu Psychologen tragen.« Denn in deren Praxen gehört das Vorzeigen von Kurznachrichten im Handy mittlerweile zum Alltag, vor allem wenn jüngere Kundschaft Beistand sucht.

»Es gibt eine Deutungskunst, die den modernen Therapeuten für junge Klienten unentbehrlich macht«, schreibt Wolfgang Paetzold in seinem neuen Buch »Teflonherz und Liebesgier«. Dabei handele es sich jedoch nicht um »die Fertigkeit der Traumdeutung oder der Vorhersage der Zukunft, sondern um die hohe Kunst der SMS-Deutung«, fügt der Hamburger Psychiater und tiefenpsychologisch arbeitende Therapeut hinzu. »Statt ihrer Träume tragen Klienten heute die SMS-Kommunikation der letzten Nacht zum Psychologen - wahlweise auch den ausgedruck...


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