Kein Platz für Rückläufer

Integrierte Sekundarschulen können Schüler nach Probejahr nicht aufnehmen

Mit dem Beginn des neuen Schuljahrs am 6. August müssen sich viele Berliner Schulen auf neue Bedingungen einstellen. Obwohl Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gestern vor Journalisten einen geruhsamen Kurs nach den Jahren der vielen Schulreformen ankündigte, kommt man um Veränderungen nicht herum.

Grundschulen erhalten im kommenden Schuljahr weniger bis gar keine Förderstunden, wenn die Klassen aus weniger als 24 Schülern bestehen, wurde erst Donnerstag bekannt. Sigrid Baumgardt, Vorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin, kritisiert die Senatsentscheidung: »Es ist eine eindeutige Verschlechterung der Lernbedingungen, vor allem in sozialen Brennpunkten. Während der Senat es sich auf die Fahne geschrieben hat, Schulen in sozialen Brennpunkten zu stärken, passiert jetzt genau das Gegenteil.« Ungefähr 50 Lehrerstellen würden dadurch gekürzt, bemängelt sie.

Scheeres widersprach der Behauptung der Lehrerkürzung: Durch die Entlastung von Konrektoren würden in diesem Jahr 60 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. »Man muss die Dinge ins Verhältnis setzen«, sagte Scheeres. Die Klassen mit 21 Schülern hätten von Lehrern auch ohne Förderstunden immer noch mehr als Klassen mit 24 Schülern und Förderstunden.

Als Schwerpunkte ihrer Arbeit nannte die Schulsenatorin außerdem die Stärkung der Grundschulen und die Ausweitung des Ganztagsbetriebs. Dieses Angebot von Lehre und Betreuung einschließlich Essen-Versorgung sei inzwischen vom Großteil aller Berliner Schulen organisiert. »Berlin belegt hier bundesweit einen Spitzenplatz«, sagte Scheeres. Dies gelte zum Beispiel für alle 362 Grundschulen, 118 integrierte Sekundarschulen und mehr als ein Dutzend Gymnasien.

Doch einige Maßnahmen haben auch ihre Schattenseiten, wie sich ab Montag in Tempelhof-Schöneberg zeigen wird. Dort sollen Schüler, die das Probejahr am Gymnasium nicht bestanden haben, ab Montag an einem gesonderten Standort in Alt-Tempelhof unterrichtet werden. Die elf integrierten Sekundarschulen (ISS) des Bezirks haben keine Kapazitäten, um die rund 85 Rückläufer aufzunehmen. »Die Höchstkapazität von 26 Schülern pro Klasse ist in allen ISS ausgeschöpft«, so die Bildungsstadträtin von Tempelhof-Schöneberg Jutta Kaddatz (CDU). Die neuen Rückläuferklassen werden im ehemaligen Gebäude der Werner-Stephan-Schule am Berlinickeplatz untergebracht. Diese Hauptschule fusionierte vor zwei Jahren mit einer Realschule zu einer Sekundarschule und verließ das Gebäude.

Der Auffangort für Rückläufer wird nun eine Filiale der Lichtenrader Theodor-Haubach-Sekundarschule sein. Lediglich 30 Schüler sind bis jetzt in der neuen Filiale angemeldet. Wegen der laufenden Nachprüfungen könne sich die Rückläuferzahl allerdings noch verändern, so Kaddatz. Die Entscheidung sei nach ausführlicher Prüfung aller Aufnahmemöglichkeiten getroffen worden. Die Höchstkapazität von 26 Schülern pro Klasse sei in allen ISS ausgeschöpft. Eine von Kaddatz vorgeschlagene Übergangslösung, »bei der die Klassenfrequenzen dieses Jahrgangs ausnahmsweise um ein, zwei Schüler aufgestockt worden wären, damit die Rückläufer in bestehende Lerngruppen eingegliedert werden können«, ist im Dezember 2011 zu ihrem Bedauern abgelehnt worden. Trotzdem bemühe man sich, die Situation der betroffenen Schüler und Lehrer zu verbessern. Es werden z.B. zusätzliche Sprechstunden des schulpsychologischen Dienstes angeboten.

Berlinweit gibt es in diesem Jahr etwa 740 Rückläufer. Auch in anderen Bezirken werden für sie gesonderte Klassen eingerichtet, weil es in den regulären Schulklassen keine Plätze gibt.

Dabei galt Berlin bis vor Kurzem noch als Vorbild für Integration ins Bildungssystem: Nach dem von der Bertelsmann-Stiftung dieses Jahr veröffentlichen »Chancenspiegel« werden hier 4,4 Prozent der Schüler von dem Regelschulsystem ausgeschlossen und lernen an Sonderschulen (bundesweit: fünf Prozent). Aussonderung von Schülern, die vom Gymnasium an eine andere Schulform wechseln, kam im Bericht indes nicht vor - vermutlich, weil eine solche Situation bis jetzt keinem Bundesland zugemutet wurde. Bei der Förderung der Schülerkompetenzen hat die Hauptstadt allerdings nicht so viel zu verlieren: Berlin befindet sich in dieser Kategorie bereits in der unteren Gruppe.


Schulen und Schüler

  • 317 830 Schüler an allgemein bildenden Schulen gibt es 2012/13.
  • 27 790 Schüler starten in ihr erstes Schuljahr.
  • An den Schulen unterrichten etwa 26 500 Pädagogen. 1172 Lehrer werden 2012 neu eingestellt, 1448 Lehrer sind dauerkrank.
  • Die Zahl der Referendare beträgt 2200.
  • Es gibt 704 Öffentliche Schulen, davon 362 Grundschulen, 118 Integrierte Sekundarschulen und 89 Gymnasien, 71 Schulen mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt, 46 Berufliche, 7 Zentral verwaltete Schulen und 11 für den Zweiten Bildungsweg.
  • In freier Trägerschaft sind 336 Schulen, mit 147 die meisten davon Ergänzungsschulen. Hinzu kommen auch 5 ausländische Schulen.

Quelle: Senatsverwaltung für Bildung

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