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Die Idylle täuscht

Eine Retrospektive neuseeländischer Filme im Arsenal

Elfen, Hobbits und andere Geschöpfe aus Mittelerde fallen einem zu den Stichwörtern Neuseeland und Film deshalb spontan ein, weil das Monumental-Epos »Der Herr der Ringe« von Neuseelands berühmtestem Regisseur Peter Jackson dort gedreht wurde. Die atemberaubenden Berg-, Wiesen und Seenlandschaften eignen sich ja auch tatsächlich trefflich für das Fantasy-Genre. Beginnt ein neuseeländischer Film wie »Once Were Warriors« (1994) also mit einer Einstellung inmitten prächtiger Natur, fühlt man sich in seinem positiven Vorurteil bestätigt.

Doch die Idylle täuscht: Bei besagtem Film entpuppt sich die Landschaft als Attrappe, als Tourismus-Werbetafel, die ein Kameraschwenk bald neben einer Autobahn verortet. Danach erörtert der Film Probleme einer Familie von Maori, den Ureinwohnern des Landes, denen die mehrheitlich weiße Gesellschaft mehr oder weniger bewusst das Leben erschwert. Auch universelle Themen wie Liebe, Eifersucht oder Missgunst beinhalten die acht Filme der nun gezeigten Retrospektive neuseeländischer Filme im Kino Arsenal.

Dabei ist »Once Were Warriors« (leider nur in OF) von Lee Tamahori der wohl stärkste und verstörendste Film der Reihe. Der Vater einer Maori-Familie, ein gut aussehender, kräftiger Mann, versäuft das Haushaltsgeld mit seinen Kumpels und lässt seinen Frust an Frau und Kindern aus - bis es zur Katastrophe kommt. Häusliche Gewalt, Wegschauen, Missbrauch und die Besinnung auf alte Traditionen, seien es Kampfzeremonien oder Tätowierungen, schildert der Film so intensiv wie modern - etwa durch seinen aufrüttelnden Soundtrack.

Eher locker-humoristisch zeichnet die Maori dagegen der Regisseur Taika Waititi in »Boy« (2010). Ein elfjähriger Maori-Junge, der seinen im Knast sitzenden Vater immer idealisiert hat, muss nach dessen Entlassung erkennen, dass sein Erzeuger lediglich ein großspuriger, kindischer Loser ist. Der Film, der durch Ellipsen und schnell geschnittene Traumsequenzen anfänglich zu sehr den schnellen Lach-Effekt anpeilt, entwickelt aber schließlich echte Tiefe. Denn dass die Maori sich in dem Film-Provinzkaff jenseits von Kleinganoventum und Langeweile neu erfinden müssen, kristallisiert sich trotz des beschwingten Tons heraus.

Schlimmstenfalls gerät die abgeschiedene pazifische Insel auch zu einem Seelengefängnis: Das erzählt der packende Psycho-Thriller »Als das Meer verschwand« (2004). Zum Begräbnis seines Vaters kehrt ein mittlerweile berühmter Kriegsreporter an den äußersten Zipfel der Welt zurück. Dort deckt er wider Willen verdrängte Familiengeheimnisse auf, die auch für die Gegenwart tragische Folgen haben. Von Matthew McFadyen eindringlich gespielt, empfindet der Held äußeres wie inneres Fremdsein.

Man mag bemängeln, dass die Retrospektive sich - außer dem relativ neuen »Boy« - auf eine begrenzte Anzahl neuerer neuseeländischer Klassiker beschränkt. Doch die Reihe ist ein Wanderfestival: Nach Berlin tourt es durch weitere fünf Städte und wurde nicht explizit für das Arsenal kuratiert.

Außerdem haben Klassiker wie Jane Campions eindringliche Filmbiografie »Ein Engel an meiner Tafel« (1990) keinerlei Staub angesetzt. Das hier nachgezeichnete Leben der neuseeländischen Autorin Janet Frame, vom Kind bis hin zur jungen Frau, die ihre extreme Schüchternheit mit brutaler Elektroschock-Behandlung büßen musste, ist ein großartiges Porträt einer berührenden Persönlichkeit inmitten einer bornierten Gesellschaft.

Und, um auf Peter Jackson zurück zu kommen: Bevor er sich auf das Bebildern mittelirdischer Fantasy-Welten kaprizierte, hatte Jackson mit »Heavenly Creatures« (1994) bereits ein fesselndes Psychogramm zweier junger Verbrecherinnen entworfen. Kate Winslet in einer ihrer ersten Rollen und Melanie Lynskey spielen darin zwei mordende Mädchen in Schuluniform. Gegen die Konsequenzen ihres Handelns wären wohl auch Elfen und Hobbits machtlos gewesen.

25.-31.8. Arsenal am Potsdamer Platz, Tel: (030)26 95 51 00; www.arsenal-berlin.de

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