Von der Gefangeneninsel Buru zurück ins Leben

Eine Begegnung mit dem indonesischen Autor Pramoedya Ananta Toer

  • Von Rainer Werning, Jakarta
  • Lesedauer: ca. 6.0 Min.

Kein anderer berühmter Schriftsteller dieser Welt war so lange Opfer staatlicher Repression wie Pramoedya Ananta Toer. Das von den USA wie auch von der Bundesrepublik gestützte Suharto-Regime hielt ihn 33 Jahre lang im Kerker oder im Hausarrest. Doch das konnte ihn nicht brechen - beißend seine heutige Kritik nicht zuletzt auch am »Antiterrorkrieg« der USA.

Freundlich lächelnd kommt mir der 77-Jährige entgegen, die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Er zündet sich eine Kretek an, eine Nelkenzigarette, deren Duftschwaden jeden Winkel seiner Heimat durchwehen und wie ein unsichtbarer Schleier über den Inseln schwebt. Pramoedya Ananta Toer, Indonesiens berühmtester und meistgelesener zeitgenössischer Schriftsteller, ist bester Laune.
Welch Zierde für sein Land - sollte man meinen. Immerhin taucht der Name Pramoedya Ananta Toer - von seinen Freunden kurz »Pram« genannt - seit zwei Jahrzehnten auf der Liste der Anwärter für den Literaturnobelpreis auf. Doch die Mächtigen seines Landes scherten sich nicht um diesen großen alten Mann der indonesischen Literatur. Mehr noch: Generalspräsident Suharto und seine Schergen empfanden nach ihrem blutigen Putsch im Oktober 1965 Pramoedyas Schriften und Ansichten als Gift für das, was sie fortan »Neue Ordnung« nannten. Schon der Besitz von Prams Büchern konnte zu Verhaftung und Gefängnis führen.

Bis vor zwei Jahren galt Verbot seiner Werke
Erst vor zwei Jahren, nachdem Pram von 1965 bis 1979 inhaftiert war und sodann bis 1999 - seiner Bürgerrechte beraubt - unter Hausarrest gestanden hatte, wurde offiziell das Verbot der Verbreitung seiner Werke aufgehoben. »Natürlich ließen sich die Menschen auch vorher nicht abschrecken, meine Bücher zu lesen«, sagt Pramoedya heute. Das Hauptwerk des Schriftstellers stellt zweifellos die auf der Gefangeneninsel Buru entstandene Tetralogie »Bücher der Insel Buru« dar. Zu ihrer Entstehung sagt Pramoedya: »In den ersten Jahren habe ich in Gedanken geschrieben. Indem ich die Geschichten meinen Freunden erzählte, behielt ich sie in Erinnerung«. Später brachte er sie dann zu Papier.
Das war schwierig genug: Erst nach Interventionen von Amnesty International und Schriftstellern wie Günter Grass gelangte Pram endlich in den Besitz einer Schreibmaschine. »Mit diesen Romanen wollte ich zuallererst Mut machen. Ohne Mut entsteht überhaupt nichts. Mut muss man sich erarbeiten. Menschen ohne Mut sind dumpf, wie Vieh, das sich nur vermehrt.« Nur wenige Intellektuelle, beklagt Pram, haben sich während der Suharto-Diktatur mit aufrechtem Gang bewegt. Er nennt nicht einmal eine Handvoll von Kollegen, die in der gegenwärtigen Literaturlandschaft Indonesiens von Belang sind. »Die meisten Schriftsteller schreiben für das Unterhaltungsbusiness. Mut und Moral finden da keinen Platz.«
An einer Stelle heißt es in »Kind aller Völker«, dem zweiten Band der Buru-Tetralogie: »Das ist Menschenwerk. Das haben Menschen in ihrem Gehirn, in ihrem kaltblütigen Herzen ausgebrütet. Und Menschen müssen wir unsere Worte entgegenhalten. Gott ist nie auf der Seite der Verlierer.« Trifft das auch heute noch zu, frage ich. »Ja«, ist die kategorische Antwort, »Gott ist stets auf der Seite der Mächtigen und Gewinner.«
Wenngleich die Mächtigen Indonesiens ihn jahrelang peinigten und demütigten, empfindet Pram keinen Groll gegen sie. Nirgends in seinem Werk ist von Hass die Rede. Stattdessen die subtile, minutiöse Beschreibung seiner Umgebung - eine Handreichung für die LeserInnen, das Bestehende zu erkennen, es zu verstehen, um Niederträchtiges zu überwinden: »Ich habe geschrieben, um zu bilden und nicht, um die Massen aufzuwiegeln. Ich sah, wie apathisch die Masse der Indonesier damals war, dass es der Massenaktion bedurfte, um Bewusstsein zu schaffen. Im wesentlichen geht es darum, indonesische Geschichte literarisch zu schreiben. Es geht mir um die Veränderung unserer Gesellschaft. Und dazu gehört die Veränderung des Geschichtsbildes."
Prägend für sein politisches Engagement waren die Jugendjahre in Blora. »Ich wuchs in einem politisierten Umfeld auf. Mein Vater leitete eine Bildungseinrichtung, die bereits 1908 entstanden war, um einen javanischen Nationalismus zu befördern.« Das grausame Intermezzo der japanischen Besatzung in den 40er Jahren raffte Hunderttausende seiner Landsleute dahin. »In jedem küstennahen Dorf wurde die Zivilbevölkerung gezwungen, Schutzwälle aufzuschütten. Romusha hießen die Zwangsarbeiter, die von den Japanern systematisch ausgepresst wurden. Ihr Schicksal ist vollständig vergessen. Keine Regierungsstelle in Jakarta kümmert sich um sie beziehungsweise ihre Hinterbliebenen.«

Jakarta verweigerte ihm Erziehung seiner Kinder
Nach 1945, als Indonesien unmittelbar nach Vietnam die Unabhängigkeit verkündete, wurde seine Heimat zum Lautsprecher vieler Bewegungen in der Dritten Welt, die ebenfalls für ein Ende des Kolonialjochs stritten. »Vietnam wurde kommunistisch, Indonesien aber nicht. Die Bandung-Konferenz 1955 zeigte Indonesien an der Spitze der Bewegung der Blockfreien«, erinnert Pramoedya, der sich damals in der linken Kulturorganisation LEKRA engagierte: »Ich habe auf deren 1. Kongress eine Rede gehalten. Danach teilte man mir mit, ich sei als Mitglied aufgenommen und ins Führungsgremium berufen worden.«
Welches Resümee zieht der Dichter aus der Suharto-Ära? »Da war eine Kriegerkaste an der Macht«, urteilt er, »die tief in die Poren der Gesellschaft eindrang und sie unterdrückte. Im Gegensatz dazu war der erste Staatspräsident Sukarno ein Brahmane und politischer Ideologe. Sukarno wurde von der Armee, den Landstreitkräften, gestürzt. Und als Aburrahman Wahid (Vorgänger der jetzigen Präsidentin Megawati Sukarnoputri) die Vorrechte der Armee zu Gunsten der Marine - beschneiden wollte, wurde er gestürzt.«
Persönlich musste Pram unter Suharto zwei große Verluste verkraften: »Als einen der größten und schmerzlichsten Verluste im Zusammenhang mit meiner Festnahme und Gefangenschaft betrachte ich die Zerstörung meiner Bibliothek. Da gingen unschätzbare Manuskripte verloren. Der andere große Verlust - vielleicht ist Schmerz das bessere Wort - aber ist der, dass ich meine acht Kinder nicht erziehen durfte. Da sie unter Indonesiens "Neuer Ordnung" aufwuchsen, also unter einem militaristischen Regime, in dem Einschüchterung und Lügen an der Tagesordnung waren, befand ich mich in ständiger Sorge darüber, welche Art von Ausbildung sie erhielten.«
Und was hält Pram von der jetzigen Präsidentin, Tochter des Gründungspräsidenten Sukarno? »Megawati ist eine hochbezahlte Touristin, die auf Staatskosten herumreist«, meint er. »Sagte ihr Vater noch zu den USA "To hell with you", hofiert sie heute die USA. Deren Militärpräsenz im nördlichen Nachbarland, den Philippinen, ist auch und gerade auf unser Land gerichtet. Die USA betrachten Indonesien als ein riesiges Dollarfeld, das sie beackern möchten.« Da der Einfluss des Militärs im Leben des Landes ungebrochen ist, möchten sich die USA, sobald die letzten Prozesse gegen Offiziere in Jakarta abgeschlossen sind, schnell wieder voll ihrer Dienste versichern, glaubt Pramoedya. »Dann bekommt die Meute von Schäferhunden wieder einige Knochen.«

»Nur anderes Wort für entfesselten Kapitalismus«
Dem von USA-Präsident George W. Bush inszenierten »Feldzug gegen den Terror« steht Pramoedya nicht minder kritisch gegenüber: »Die Vereinigten Staaten von Amerika sollten, was Terror betrifft, in sich kehren und die eigene Geschichte studieren: Der Ausrottung der ursprünglichen Bevölkerung folgte die sklavische Behandlung der Schwarzen. Im Übrigen befürchte ich, die USA zeigen sich eher schießwütig als bereit, Konflikte durch Politik und Verhandlungen zu lösen.« Globalisierung wiederum ist für den indonesischen Autor »nur ein anderes Wort für einen entfesselten, fortschreitenden Kapitalismus, der sämtliche Lebensbereiche durchdringen und sich einverleiben möchte«.
Als Vision für sein Land schwebt Pramoedya Ananta Toer vor, dass dessen Demokratisierungsprozess vorankommt, getragen von politisch breitem Engagement im Innern und unterstützt durch das Ausland. Mit festem Händedruck verabschieden wir uns. »Treiben Sie Sport?«, fragt er plötzlich. »Früher ja - Schwimmen, Tennis und Volleyball«, reagiere ich verdutzt. »Gut so; das haben meine Freunde und ich während der Haft auch getan, um uns nicht nur die Zeit zu vertreiben, sondern körperlich in Form zu bleiben.« Zumindest physische Fitness war notwendig, um die Gefangeneninsel Buru zu überleben.


Die Werke von Pramoedya Ananta Toer sind in fast 40 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch liegen vor: Aus der Buru-Tetralogie: Garten der Menschheit. Express Edition Berlin 1984 und Rowohlt 1987/90; Kind aller Völker, Strom Verlag Luzern 1990; Spur der Schritte, Horlemann Verlag Bad Honnef/Unkel 1998; Haus aus Glas erscheint voraussichtlich im Zürcher Unionsverlag. Horlemann veröffentlichte weiter folgende Titel: Mensch für Mensch, 1993; Stilles Lied eines Stummen. Aufzeichnungen aus Buru, 2000; Die Familie der Partisanen, 1997; Die Braut des Bendero, 2001. Bei Rowohl...

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