Stalingrad Stalingrad

  • Von Hans Mroczinski
  • Lesedauer: ca. 9.0 Min.

Vor sechzig Jahren, im Oktober 1942, nahm die Katastrophe von Stalingrad ihren Anfang. Unter wachsenden Verlusten hatte die 6. Armee Stalingrad erreicht. Hitler hatte am 10. Oktober erklärt, der Kommunismus müsse »seines Heiligtums beraubt« werden. Sein mörderischer Wahnwitz stellte der Heeresgruppe B das Ziel, über Stalingrad nach Astrachan zum Kaspischen Meer vorzustoßen. Drei Monate später, am 2. Februar 1943, kapitulierten in Stalingrad die kläglichen Reste der demoralisierten, von Kälte und Hunger zermürbten 6. Armee. Einer der wenigen Überlebenden war ein junger Soldat aus Schwenningen am Neckar. Hans Mroczinski war 1940 Soldat und 1942 in die Blutmühle des Russlandfeldzuges und des Angriffs auf Stalingrad geworfen worden. Den Kampf um die Stadt durchlebte er bis in die Gefangenschaft. 60 Jahre nach Stalingrad und heute ein 80er, Hans Mroczinski wurde am 13. Oktober 1922 geboren, hat er seine Erlebnisse auf 170 Seiten aufgeschrieben und ihnen die Briefe beigegeben, die er seiner Familie zwischen März und Dezember 1942 schrieb. Wir haben einige Seiten ausgewählt. Es ist ein seltenes Dokument. Es ist selten, dass uns nach solchem Zeitabstand noch Nachrichten, wie die des jungen alten Mannes, erreichen, der sagt, »Obwohl ich das "Abenteuer meines Lebens" nie und nimmer in Russland suchte, durchlebte ich es gerade dort, und das auf die unrühmlichste, gefährlichste, aber auch überraschendste Weise«. Mroczinski wurde 1946 aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Er ging nicht zurück in das heimatliche Schwaben, sondern nach Dresden, wo er nach einem halben Jahr als »Baustudent« an der Dresdner Akademie bis 1950 studierte und dann bis 1987 auch als Lehrender, zuletzt als Professor, tätig war. Mroczinski trat auch als beachteter Maler hervor. Mroczinski wählte für sein deutsches Leben nach 1945 die Alternative, die das kleine Land im Osten für seine Erfahrungen bot. Sein letzter Brief aus Stalingrad an die Familie trägt das Datum des 28.12.1942: »Für Euch ist es gewiß eine große Sorge, wenn der Briefverkehr für einige Zeit gestoppt wird. Aber es wird ja alles nichts so schlimm sein. Es kann nur besser werden. Seit sechs Wochen habe ich von Euch keinen einzigen Brief bekommen. Nur ein paar Zeitungen. Aber dennoch waren sie für mich ein Weihnachtsgeschenk, da sie am Heiligabend ankamen. In den Schwenninger Tageblättchen lassen sich viele Neuigkeiten für mich herauslesen. Mancher gute Kamerad, der mit mir zur Schule ging, ist vor dem Feind gefallen. Es ist sehr traurig, so etwas lesen zu müssen. Wie viele Tote werden es in Schwenningen schon sein? .... Es wird sich wohl viel verändert haben, wenn ich mal auf Urlaub komme.« Werner Liersch

Der Morgen dämmerte. Vom Fluß trieb schneeiger Dunst über die tote Stadt. Der Himmel wurde klar, einige Sterne funkelten zwischen abziehenden Wolkenfetzen. Fast 30 Grad minus, ein scharfer Nordost aus der Steppe. Ein kristallklarer Tag brach an. Ich ging einer breit ausgefahrenen Reifenspur nach, die von schweren Lastwagen stammte und ins Stadtinnere führen mußte. In aller Eile schloß ich mich einem Rudel feldgrauer Gestalten an, die nichts Soldatisches mehr an sich hatten. Eingehüllt in schmutzige Decken und zerschlissene Mäntel schleppten sie sich vorwärts - manche von ihnen ohne Handschuhe - nur notdürftig verbunden, die Gesichter weiß und starr, die Augenbrauen und Bärte von Eiskristallen überfroren. Auch ich sah nicht viel besser aus, nur hing mir - im Gegensatz zu ihnen - noch ein Gewehr über den Rücken, und ich fühlte die Verpflichtung, mich bei meinen Vorgesetzen zu melden. Quer zur Straße saß ein schiefhängender Laster fest, seine Ladung war herausgerutscht. »Hierher!« schrie eine gellende Stimme. »Zigaretten!« Eine Pyramide kostbarer Glimmstengel lag mannshoch vor uns aufgeschichtet. Es verschlug uns den Atem: »Attika« in 12er Packungen, zu Tausenden lagen sie da, diese teuersten, besten und seltenen Zigaretten. Während meine Leidensgenossen sich um die roten Schachteln rissen, entdeckte ich einen Anhänger, der mit gebrochenen Achsen vornüber hing. Bis oben war er mit reinem Bohnenkaffee beladen. Blitzschnell überlegte ich: Wenn es schon nichts mehr zu Beißen gibt, könnte doch der Bohnenkaffee einigermaßen satt machen, zumindest wäre mein schreckliches Hungergefühl auf Tage betäubt. Rasch füllte ich alle verfügbaren Taschen und den leeren Brotbeutel damit, schütte einige Hände voll dieser mir glücklich zugefallenen »Gottesgabe« in die Hosenbeine. Ich stieg über zerbrochene Kisten parfümierter Luxusseife und über Stapel neuer Offiziersuniformen. Wie ausgehungerte Wölfe fielen wir über den Plunder her, suchten nach etwas Eßbarem, fanden zwischen Toten einige Büchsen »Schoka-Cola«, um die wir uns stritten. Der eine und andere schleppte Uniformstücke weg. Ich versorgte mich mit mehreren Unterhosen und Socken. Nicht weit davon bäumte sich wie ein Urtier das Wrack einer Zugmaschine auf, deren seitwärts gekippter Anhänger mit Trompeten, Posaunen und Pauken beladen war. Ein mit farbigen Troddeln geschmückter Schellenbaum lag dazwischen, und silbern glitzerten Saxophone auf dem Messinghaufen. Die Fuhre war wohl für bevorstehende Siegesfeiern und heitere Klubabende in Stalingrad bestimmt, nur bliesen die Russen uns jetzt den Marsch. Ein heftiges Artilleriegewitter setzte von allen Seiten ein, offenbar war der russische Angriffskeil vom Tatarenwall bis zur Stadtmitte vorgedrungen. Aus meiner verlorenen Schar blieben Verwundete zurück, sie konnten nicht mehr mithalten. In einer schiefhängenden Häuserschlucht bewegten sich weißgekleidete Gestalten. Sie verschwanden in Kellerlöchern und trieben Soldaten heraus. Feldgendarmen in Schneemänteln. Mit Maschinenpistolen in den Fäusten durchkämmten sie jeden Winkel nach sogenannten Drückebergern und Plünderern. Einer von ihnen entdeckte uns und verlangte die Soldbücher. Unbewegten Gesichts, die frostbeschlagene Motorradbrille hochgeschoben, sonderte er die armen Teufel aus, die ihre Dokumente nicht vorweisen konnten. Sie mußten ihre »Beute« liegenlassen und wurden abgeführt. »Soldbuch!« herrschte mich der schildbewehrte, über Tod und Leben gebietende Feldwebel an. Er blätterte darin. »Wo steht Ihre Einheit?« Mißtrauisch betrachtete er mich von oben bis unten. Schließlich überzeugten ihn mein mitgeschleppter Karabiner, das verdreckte Soldbuch und die Pionierkaserne, die ich als Ziel angab. Es konnte doch noch nicht mein Ende sein, der ich gerade zwanzig war, das durfte einfach nicht sein. Ich rannte einfach drauf los, nur weg, weiter, weiter... Wie ich die Reste meines Haufens fand, weiß ich nicht mehr. Durch puren Zufall stieß ich auf Kameraden meiner Stabskompanie, die sich verkrochen hatten und angstvoll in die Richtung starrten, aus der ich heranstolperte. Wildes Durcheinander herrschte auf dem Schuttgelände der Pionierkaserne. Offiziere schrien herum und gaben die widersprüchlichsten Befehle. Keiner befolgte sie. Granatwerfereinschläge richteten ihr Blutbad unter den hinter Gerümpel und Steinhaufen hockenden Landsern an. Einige feuerten in panischer Furcht und ohne zu zielen ihre Magazine leer, andere hatten ihre Waffen längst weggeworfen und saßen stumpfsinnig im Schnee. Es kam nicht mehr darauf an, welcher Einheit man angehörte. Goldene Sterne auf silbernen Schulterstücken galten nichts mehr, auch Orden nicht, die an blutig-verlausten Uniformen hingen. Hauptsache war, die Männer konnten sich noch bewegen und eine Knarre in den steifen Händen halten. Wer irgendwie gefechtstauglich schien, wurde hinausgejagt und mit einer Waffe versehen. Viele verweigerten den Befehl und blieben einfach liegen. Ich fand meinen württembergischen Landsmann Hans in dem unbeschreiblichen Wirrwarr wieder. »Die sollen den Kopf jetzt selber hinhalten, wir hauen ab!« Ich schmiß den Karabiner in den Schnee, schnappte mir einen herumliegenden Tornister, und wir suchten das Weite. Landser rannten auf einen Schwerlaster zu, stießen die Wache beiseite, kletterten hinauf, schlugen sich. Ich kämpfte mich durch, schwang mich auf die Pritsche, spürte einen Stiefel im Gesicht, zerrte meinen Widersacher zur Seite. Im Handgemenge erwischte ich ein Komißbrot und mehrere Büchsen mit Rindfleisch. Hans und ich teilten den »Raub«, schlugen das hartgefrorene Brot in Stücke, schnitten mit dem Bajonett die Büchsen auf und versuchten, die eisigen Brocken herunterzuschlingen. »Panzer! T 34 !!« Unmittelbar vor den Plünderern stoppte eines der gefürchteten Ungetüme. Die auf dem Lkw wie Raubtiere um Konserven und Brot kämpfenden Männer achteten nicht auf die Schreie. Aus der geöffneten Einstiegsluke schob sich der Kopf des Panzerkommandanten. Russische Scharfschützen umringten die entfesselte Meute. Unweit lagen im Schrottgewirr eines zerborstenen Pak- Geschützes zuckende Menschenleiber. Noch vor wenigen Minuten hatte die Geschützbesatzung versucht, den T 34 außer Gefecht zu setzen. Ein junger Bursche lag blutüberströmt ohne Beine im Schnee. Noch immer höre ich ihn schreien: »Erschießt mich. Erschießt mich doch!« Kauend und teilnahmslos starrten wir auf das blutige Knäuel, vor uns der todbringende Koloß, den Geschützturm auf uns gewandt, die Kanone drohend auf und ab richtend. »Jetzt ist es aus!«, war mein einziger Gedanke. »Entweder sie bringen uns gleich um, oder wir wandern für fünf Jahre nach Sibirien«, schrie ich schockiert meinem Leidensgefährten zu. Ungewohnte unheimliche Stille. Keine Schüsse mehr, keine krepierenden Granaten. In warmen Wattejacken und groben Filzstiefeln, die schussbereiten Gewehre im Arm, bildeten die Russen eine Gasse. Ein Major bedeute mit gesenkter Pistole - und dabei lachte er -, wir könnten die Arme herunternehmen. Der russische Offizier hatte gelacht. Wir wurden nicht erschossen. Bei aller Ungewißheit über mein Schicksal fühlte ich einen endlosen Alptraum weichen. Der Krieg war vorbei für mich. Ich lebte. Ich hatte noch heile Knochen! Ein fast gläubiges Gefühl durchströmte mich: »Ich komme durch!« Bilder aus Kindheit und Heimat steigen in mir auf, meine geliebte Malbude, die bangende Mutter und die Geschwister, mein Vater, meine Düsseldorfer Freundin, der Vögelehof im Kinzingtal ... Windstille und anhaltender Frost bei minus achtundzwanzig Grad. Wolkenloser Himmel, fahle Wintersonne. Diese Sonne, dachte ich in dumpfer Wehmut, diese Sonne scheint ungerührt auf die blutigen Schlachtfelder Stalingrads und sie steht zur selben Stunden über den schneeigen Abhängen des heimatlichen Schwarzwaldes. Warum gerade ich? Aus höchster Anspannung, aufgepeitscht noch durch die Wirkung ständigen Kaffeekauens, verfiel ich jäh in einen Zustand tiefster Gleichgültigkeit und Erschlaffung. Fast jede Empfindung ging mir verloren, was um mich geschah. Kein Kältegefühl, keine Erschöpfung, keinen Schmerz spürte ich. Ich sah nur dahintrottende Gestalten, denen ich mechanisch auf dem blutzerstampften Weg nachschlurfte. An zermalmtem Kriegsgerät vorbei, über vom Wind leergefegte Eisflächen rutschend, stiegen wir ungerührt über zugewehte, bis an den Rand mit Erfrorenen gefüllte Schützengräben, tappten achtlos über von Panzern plattgewalzte Soldatenleichen, deren geborstene Hirnschalen und die zu Fleischbrocken gefrorenen Gliedmaßen den Schnee dunkelrot verfärbten. Im chaotisch gegen den eisigen Wind ankämpfenden Gefangenenheer bewegten sich nicht wenige ranghohe Militärs und Offiziere niedrigerer Chargen. Beim Anblick toter Rotarmisten, die vor Stunden noch mit äußerster Härte gegen uns gekämpft hatten und verstreut in der Ebene lagen, zog ich den Kopf noch tiefer in die Schulter ein. Ständig befürchtete ich Racheakte aufgeregter Russen, die uns streckenweise schimpfend nachliefen und gefährlich mit ihren Gewehren herumfuchtelten. Ein kleiner energischer Sowjetoffizier - offenbar lettischer Herkunft - teilte den zum Stillstand gekommenen Gefangenenstrom in Gruppen. An die Seiten kommandierte er junge Soldaten, die uns als Wachtposten begleiten sollten. Dann stapfte er an die Spitze des Zuges. Aber sein forsches Marschtempo lichtete zusehends die Reihen der geschwächten, vor sich hin schlurfenden Kolonne. Immer wieder mußte er kurze Verschnaufpausen einlegen, bis sich genügend »Wojna Pleni's« eingefunden hatten, immer wieder trieb er uns mit lautem »Dawai, dawai« voran, um erneut seine Gangart zu beschleunigen. Hinter uns, neben uns, schattenhaft, streunten wie hungrige Wölfe Rudel von ausgemergelten und nun frei gewordenen russischen Kriegsgefangenen. Mit ihnen zogen zahlreiche ukrainische Hilfswillige. Wie Kletten hingen sie an unseren Fersen. Schnell hatte ich erkannt, ich müsse unbedingt und unter allen Umständen immer in der Mitte des Pulks laufen, denn die uns Belauernden fielen den nächsten besten an und raubten ihn total aus. Verloren waren die Humpelnden, Geschwächten, unter Erfrierungen Leidenden und Verwundeten, die dem mühselig dahinschleichenden Elendszug nicht mehr folgen konnten. Unerbittlich versuchte der Lette die jähen Überfälle der uns verfolgenden Meute abzuwehren. Mitten in dem sich auflösenden Zug tauchte er auf, trieb die Nachzügler schreiend an, feuerte in die Luft und drängte die dreistesten Angreifer zurück. Er meinte es durchaus ernst, und ich bin gewiß, nicht immer schoß er daneben ... Es war tiefe Nacht geworden. Über uns gnadenlos flimmernde Sterne. Einige hundert Mann mögen es gewesen sein, die jetzt in dichten, reglosen Gruppen im karstigen Schnee herumstanden. Niemand ahnte, wie es weitergehen sollte. Das qualvolle Ausharren in der nächtlichen Schneewüste wollte kein Ende nehmen. Wir stützen uns gegenseitig, und aneinandergelehnt dämmerten wir vor uns hin. Wenn einer erschöpft zu Boden glitt, wurde er wieder hochgezogen. Jeder von uns fühlte: Wer sich gehen läßt, wer sich fallen läßt, schläft für immer ein. Kaum schimmerten hellgraue Streifen am Horizont, näherte sich die lose Kette der Wachsoldaten unter lautem Rufen und »Dawai«-Geschrei. Wir lösten uns aus der Erstarrung und tappten einer schon wartenden Gruppe zu. Aber nicht jeder stand wieder auf, der sich völlig verausgabt und, allen Warnungen zum Trotz, in den Schnee geworfen hatte. Kauernd, kniend, in bizarren Verkrümmungen, schliefen sie still hinüber in den schleichenden Tod. Bilder aus Kindheitstagen steigen in mir auf: Ich sehe bewegungslose Maikäfer in meinen Händen, die ich neugierig anhauche und die sich - warm geworden - mit trägem Krabbeln aus ihrer nächtlichen Starre befreien. Doch hier hilft kein Rütteln mehr, und auch kein aufmunternder Stoß mit den Stiefeln. Der Gefangenenzug kroch wiederum in kümmerlichen Kilometerstunden gen Westen. Nicht das zuweilen salopp hingeworfene »Friß Vogel oder stirb!« galt für uns, es konnte nur heißen: »Laufe, krieche, marschiere - oder krepiere!« Tierische Selbsterhaltung trieb uns weiter - immer dem lettischen Leitwolf nach, der sich kaum nach uns umsah und der allein nur wußte, wo und wann unser Leidensweg ein Ende fand. Der Tag war kurz und die Dunkelheit brach schnell herein. Ich kauerte mich in eine schützende Schneekuhle. Nicht viel hätte gefehlt, und ich wäre, alle Schrecknisse hinter mir lassend, schmerzlos hinübergedämmert. Stumpf irrte mein Blick in die schwarze Nacht. Sterne, Sterne, viele Sterne ... wie weit mögen sie sein und wie groß? Wie sie flackern, wie sie ..., das müßte doch der »Jäger« sein, der »Orion« ..., vor ihm das Siebengestirn ... Das Nachdenken darüber hielt mich wach. Ich döste bis zum Morgen ... Die Hälfte etwa der demoralisierten, ausgezehrten, kranken Landser, die wie ich diesem unsäglichen Stalingrad entkommen waren, erreichte die rettende Bahnstation n...

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