Die Geburt als Aussetzung

Klaus Maria Brandauer inszenierte »Hamlet« am Wiener Burgtheater

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: ca. 4.5 Min.
Hamlet«, Stück der Stücke. Hamlet, Mensch der Menschen? Hochfahrende Interpretation kann einem die ganze Kunst versauen: Denn die Bibliotheken bersten vor Klugheit, was gerade diesen Shakespeare betrifft, die Bühnen indes läppern bemüht hinterher. Das Trauerspiel, längst ein Schlauenspiel: Die Köpfe im Publikum sind bei diesem Stück tiefgründiger als die Körper auf der Bühne - ehe ein Schauspieler die Brauen hebt, ist die Auslegung schon da. Das Märchen von Hamlet und dem Igel. Und weil das so ist, sinnt die Bühne unbedingt nach Rache: Sie ersinnt immer wieder Neues, und weil das Neue nicht wirklich immer wieder neu sein kann, ist es irgendwann nur noch das Andere, hält sich aber weiterhin für das Neue. Das ist der innere Motor vieler Formen des Regietheaters, und so hat man Hamlet schon als Rambo gesehen oder, sagen wir mal, in der spillrig-dürren, hinterhältigen Grashüpfer-Intelligenz eines Otto Waalkes - kein Extrem ist extrem genug. Schlingensief hat in ihm sogar ein porentiefes Waschmittel entdeckt: Hamlet rein, Nazis raus. Wenn es heißt, irgendwo inszeniere wieder jemand diesen Shakespeare, packt der eingeweihte Tiefsinn die Reisetasche. Deshalb möchte man »Hamlet« gar nicht mehr sehen. Ausgewrungen. Etwas lieben, darf auch heißen: es endlich mal in Ruhe lassen. Nun das Burgtheater Wien! Und als Regisseur auch noch Klaus Maria Brandauer, der den Dänenprinzen selber über hundertmal auf dieser Bühne spielte. Neben Schwarzenegger Österreichs einziger Weltstar, das kann kaum gut gehen. Wo sich auf der einen Seite künstlerischer Eigensinn unberechenbar, willkürlich, unausgeglichen auswächst, auf der anderen Seite Verehrung sich nicht auf mehrere Größen verteilen kann, findet das seltsamste Spiel der Spiele statt: Die öffentliche Meinung lebt vom Star, wie er ist; aber wo sie kann, haut sie drauf - weil der so ist, wie er ist. So auch jetzt: Man heizte schon im Vorfeld an, wie es sich für ein Event gehört - und kritisiert nun Brandauer, denn da habe nur ein Event stattgefunden. Brandauer berichtet eine Story, er interpretiert nicht; er stellt hin, er legt nichts hinein. Die gesamte Anlage der Inszenierung ist gehoben ritterlich. Hinten ein malerischer Ausblick auf Mond und Meer, ganz vorn eine Wasserfläche mit Felsbrocken-Einlage. Dazwischen Dänemark, hohe dunkle und verschiebbare Metallwände (Bühne: Peter Pabst). Als der Geist des ermordeten Vaters auftritt - eine lächerliche, geheimnislose Kettenhemd-Trägerin, gesprochen von einer Frau -, greift sich Horatio an die Stirn: alles Hirn-Gespinst. Die Schlüsselgeste. Und beim ersten Blick auf die Hofgesellschaft des Vater-Vergifters, jenes neuen Throninhabers, der Hamlets noch trauernde Mutter heiratete - beim ersten Blick also auf dieses charakterlose Panorama wird klar: Da stehen lauter einander fremdartige Wesen, niemand ist von niemandes Liebe überzeugt - welche Gründe gibt es, ein Unrecht zu rächen? Und für wen etwas gutzumachen? Die Inszenierung malt großflächige Genrebilder und hat den Ehrgeiz einer unterhaltsamen Märchenstunde, aus der im Handumdrehen fast vier (keineswegs langweilige!) Stunden werden. Aber: Brandauer macht dabei kurzerhand Mutter Gertrud (Maria Happel) zur Matrone, den Königsmörder und Mörderkönig Claudius (Robert Meyer) zum Mutti-grapschenden Bibberbacken. Ja, und Polonius? Den sehen wir sozusagen in die Rolle des Schauspielers Branko Samarovski schlüpfen, dort verschwindet er. Walter Schmidinger war als Erster Schauspieler in der Vorstellung, die ich sah, ein Schatten seiner selbst - und nicht der umjubelte Wien-Heimkehrer, als der er angekündigt war (ach Berlin, wie unverzeihlich hast du in den letzten Jahren die Schwierigkeiten mit diesem Künstler gemieden!). Birgit Minichmayr als Ophelia deutet an, dass Brandauers Arbeit mit den Schauspielern offenbar in der Kraft des großen, genauen Ansatzes lag: eine so stark geerdete, verhaltenskräftige Hamlet-Geliebte lässt aufhorchen, bis sie im Wasser der Vorbühne im üblichen Wahnsinns-Repertoire versinkt. Brandauers Regie kapituliert vor der Großaufnahme, er sucht lieber die Totale und findet da seine Arrangements. Hamlet - der Film. Eastmancolor. Die Titelgestalt. Michael Maertens ist ein Schauspieler, der boomt. Wien, Berlin, Bochum. Auch Dieter Dorns Münchner Theaterruhm ist ohne ihn nicht denkbar. Seine Stärke ist die aasige Arroganz, das höhnische Staunen; mit einer Federleichtigkeit, die aus dem Kindlichen hervorschnellt, kann er halb schwermütig, halb lächerlich zur kalten Erscheinung werden. Oder behend auf die hohe Ebene des Pathos springen. Für seinen Hamlet scheint das Geschenk des Lebens in eine diffuse Katastrophe eingewickelt. Geburt als gewaltsame Aussetzung? Einmal kauert er in seiner Mutter Schoß, sie schreit den Schrei des Gebärens, er den Quieker der Ankunft. Dieser Hamlet ist ein zutiefst migränisches Subjekt. Ein Athlet der Übellaunigkeit, der Ophelia anspuckt und ansonsten in sein verstimmtes Leben wie in ein unaufhörliches unentschiedenes Gefecht verstrickt ist. Auf Menschwerdung reimt sich Aggressivität, aber bei diesem Hamlet ist allem die Scham vor der Existenz vorgelagert. Der würde nie nackt über die Bühne gehen, sondern viel Wert aufs Feigenblatt legen: um sich die Erinnerung an jene Werkzeuge zu ersparen, durch die man ungefragt und mit unadligem Keuchen fabriziert wurde. Der Hamlet von Maertens ist am heitersten im Ekel (der wohl auch ein Überdruss des Darstellers an der theatralischen Berühmtheit der Figur ist); am charaktervollsten ist er im szenischen Umherirren; am witzigsten, wenn er grimassierend den gekreuzigten Jesus mimt, am freiesten im (minutenlangen!) Fechten, am lockersten im Markieren seines Wahnsinns (nur eine andere Art der Lüge, die alle praktizieren), am schrillsten beim unwirksamen Versuch, Schmerz in Geist zu verwandeln. Denn er ahnt seine Überforderung: Ausgerechnet er ist dazu verurteilt, die Sinnfrage zu stellen - aber erwartet wirklich jemand eine Antwort? Alles undurchsichtig und zugleich banal, alles trügerisch und zugleich gewöhnlich. Ein Platz fürs Leben ist nirgends zu finden, das ist das Grundelement moderner Erfahrungen. In der Totengräberszene ist die Welt dann wirklich nur noch ein Sandkasten-Spiel. Wie das Theater Brandauers. Das seine Beseelung darin sucht, mit großem Aufwand bloß Erzählung zu sein. Das...

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