Ortswechsel. Zeitenwechsel. Weltenwechsel.

Berlinale - Amerika, Afrika, Deutschland

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: ca. 5.5 Min.
Ihr Präsident ist ihnen hier auf den Pressekonferenzen sichtlich peinlich, von diesem Kriegsminister gar nicht zu reden. Da geht es dem aufgeklärten Amerikaner heute nicht anders als dem nicht minder aufgeklärten DDR-Bewohner in den achtziger Jahren, dem die zur Schau gestellte Infantilität seiner Regierung auch nur noch peinlich war. Die amerikanischen Filme stehen auf der Berlinale also unter besonderer Beobachtung. Wie ist ihr politisches und kulturelles Selbstverständnis? Propagieren sie, die ganze Welt solle so aussehen wie Texas heute schon, also »nur Kirchen und Gefängnisse«, wie es in Alan Parkers »Das Leben des David Gale« heißt? Gefängnisse, in denen hunderte Todeskandidaten sitzen. Parker ist ein Feind der Todesstrafe. Seinen Beitrag durften wir - Kosslick sei Dank! - im Wettbewerb sehen. Ein gut gemeinter Film, der vielleicht nicht ganz geglückt ist. Jedenfalls ist es unglücklich, wenn ein Film eine erklärte Absicht als Fahne vor sich herträgt und dann auch noch versucht, einen Thriller aus dem Ganzen zu machen. Das funktioniert nicht, weil man nach zehn Minuten weiß, wie die Sache ausgehen wird - in Texas immer mit Hinrichtung. Also über Anlage und Aufbau des Films darf man Kritisches anmerken, obwohl Kevin Spacey als Todeskandidat David Gale ebenso überzeugt wie Kate Winslet als die den Fall recherchierende Reporterin. Dass dann aber viele Kritiken so vernichtend ausfielen, hat mich irritiert. Da gibt es wohl eine »Hollywood-Allergie« bei einigen Beobachtern, die wie jede Krankheit auch zu Bewusstseinstrübungen führen kann. Bei Parker kreist alles um jene Frage, bei der der Universitätsprofessor Gale in einem Streitgespräch mit dem Gouverneur am Anfang des Films passen muss. Dieser fordert Beweise, dass jemals ein Unschuldiger hingerichtet wurde. Kurze Zeit später sitzt Gale selber in der Todeszelle; er soll eine Kollegin vergewaltigt und ermordet haben. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Ein Racheakt der Politik, die einen Kritiker loswerden will? Nein, das moralisch provozierende Selbstopfer eines, der beweisen will: Es passiert. Wer den Fall des vor fünfzehn Jahren auf Grund der (inzwischen eingestandenen) Falschaussage eines Mithäftlings zum Tode verurteilten Deutschen Walter Riechmann kennt, weiß, so absurd ist das nicht. Der Mann wartet in Texas immer noch darauf, ob nun sein Verfahren wieder aufgenommen oder ob er hingerichtet wird. Vielleicht ist er bald frei - oder tot. Noch einmal Amerika, aber ganz anders. Jörg Siepmann begleitet in »Golden Lemons« (Forum-Beitrag) eine Hamburger Punk-Band auf ihrer Tournee durch die US-Provinz. Selbst die hartgesottenen Punker sind fassungslos über die Tristesse von Industrievororten und Neonschuppen, in denen sie auftreten. Der Star der Tournee ist ein dicker schwarzer Sänger, der Tabletten gegen seine Schizophrenie nehmen muss. »Solange ich singe, komme ich nicht ins Gefängnis«, sagt er. Ihn liebt das Publikum, denn er schreibt Lieder wie »Osama bin Laden, wir kriegen dich...« - und das Publikum johlt. Was die linke Hamburger Punk-Band singt, versteht hier zum Glück keiner. Afrika. Der Krieg gehört zum Alltag, ganz unpathetisch - und niemand spricht darüber. Gewalt, Armut, Krankheiten, Korruption, Demoralisierung zerstören einen Kontinent. »Madame Brouette«, eine kanadisch-senegalesisch-französische Koproduktion im Wettbewerb, versucht dies anhand eines Frauenschicksals im Senegal zu zeigen. Leider ein völlig missglückter Film. Auch ein symptomatischer. Hierhat die amerikanische Serien-Pseudo-Ästhetik ihr Vernichtungswerk ganz getan. »Mit jedem Greis, der in Afrika stirbt, geht eine ungeschriebene Bibliothek unter«, sagte jemand, der auch schon lange tot ist. Die afrikanische Kultur ist zugeschüttet worden mit Coca-Cola-Dosen und billiger Fernsehunterhaltung. Was wir zu sehen bekommen, ist folglich Auflösung, Verfall, Hoffnungslosigkeit. Das macht traurig. Und wie wir es gezeigt bekommen, so ganz ohne eigene Film-Sprache, das auch. Deutschland. Der erste deutsche Film im Wettbewerb war »Good Bye, Lenin!« von Wolfgang Becker. Ich habe mich davor gefürchtet. Zwar drehte Wolfgang Becker mit »Das Leben ist eine Baustelle« bereits einen schönen Berlin-Film; hier aber erzählt er uns das Schicksal einer Frau, die am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin nach einem Herzinfarkt ins Koma fällt und erst acht Monate später wieder aufwacht: nun im zur Vereinigung hetzenden Deutschland. Ihr Sohn Alex weiß, jede weitere Aufregung kann sie sofort töten - und die Zeiten sind aufregend. »Der Wind der Veränderung blies in die Ruinen unserer Republik.« Alex (Daniel Brühl aus »Das weiße Rauschen«) beginnt, die neue Außenwelt von ihr fern zu halten, was immer absurdere Formen annimmt. Er selbst ist plötzlich der verschrobene Sammler von Spreewaldgurkengläsern und von Mitschnitten alter »Aktuelle-Kamera«-Sendungen, die er seiner Mutter vorspielt. Vergangenheit, falsch beerdigt, haben wir bei Heiner Müller gelernt, gespenstert ewig untot herum. Nehmen wir uns also Zeit, sie richtig, mit Würde, zu begraben. Das Wunder gelingt: Wolfgang Becker, der Westler, macht einen vielschichtigen Film über die Psychologie des Ostens. Über unsere falschen Vorstellungen und echten Träume. Für diesen Film bin ich dankbar, denn er ist voller unsentimentaler Genauigkeit. So erst wird Poesie möglich. Endlich ein gesamtdeutscher Ost-Film, der frei atmet. Wie viel Lebenslüge ist human, wann wird die Lüge zum Selbstzweck? Diese Frage bedrängt Alex. Auch er hat nun schon eine Vergangenheit, die er beerdigen muss. Welch wunderbare Schauspieler (Michael Gwisdek, Chulpan Khamatova, Jürgen Holtz, Christine Schorn, Florian Lukas, Alexander Beyer, Burghart Klaussner). Und eine, die den Film trägt: Katrin Saß. Vor zweiundzwanzig Jahren bekam sie hier auf der Berlinale für ihre Rolle der Nina in Herrmann Zschoches »Bürgschaft für ein Jahr« den Silbernen Bären. Mit der Wende fiel sie in ein Loch. Keine Aufträge, Alkoholsucht - der Untergang stand ihr dicht vor Augen. 2001 die Wiederkehr mit »Heidi M.«. Und nun, mit 46 Jahren, die Rolle dieser Frau, die sie so gut versteht. In die sie nicht nur ihre ganze schauspielerische Erfahrung legt, sondern auch ihre Liebe. Alex mit seiner DDR-Maskerade wird glauben, er habe ihr das Wissen um den Zusammenbruch der DDR erspart. Sie weiß alles. Das sehen wir an dem Blick, mit dem sie Alex anschaut, als dieser ihr ein Sigmund-Jähn-Double in einer selbst gedrehten »Aktuellen Kamera« als neuen SED-Genalsekretär vorsetzt, der erklärt, tausende Westdeutsche seien in die DDR geflüchtet. Sie weiß längst, er lügt, um sie zu schonen. Da verschont sie ihn mit der Wahrheit, dass sie alles längst weiß. Vielleicht ist gegenseitige Schonung überhaupt die Wahrheit der Liebe. Als sie stirbt, ist Alex erwachsen geworden. Ein leise melancholischer Film. Komik und Verzweiflung liegen dicht beieinander. Von mir bekäme Katrin Saß für diese Rolle, die viel mehr ist als eine »Rolle« - ein Lebensbekenntnis! - sofort ihren zweiten Berlinale-Bären. Am Donnerstag bereits startet »Good Bye, Lenin!« in den Kinos. In den Arkaden am Potsdamer Platz sind am Sonntag alle Läden geschlossen. Heute gibt es hier nichts zu kaufen - nur etwas geschenkt: Musik! Eine zierliche junge Japanerin sitzt in einem schwarzen Kleid an einem Bechsteinflügel. Sie spielt eine Sonate von Chopin. Ich blicke in ihr Gesicht - es ist genauso beseelt wie das von Katrin Saß. Es zeigt eine glückliche Utopie. Oder wie es Christa Wolf einmal über Nuria Queved...

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