Die DDR im ausgedienten Pferdestall
Der Däne Gunnar Thomsen verkauft in Malchow den Rest der Republik
Eine Wand voller Schubfächer. Jedes hat eine Nummer, jedes einen besonderen Inhalt. Ungewöhnliche Dinge, die normalerweise auf dem Müll gelandet wären. Doch Gunnar Thomsen hat das verhindert. Denn der Däne ist verrückt nach altem Kram. Er sammelt alles, was an die DDR erinnert. Thomsen verkauft in einem ausgedienten Pferdestall den Rest der Republik. Auf 300 Quadratmetern entstand dort eine Fundgrube für (N)ostalgiker.
Es ist ein unscheinbares, gelbes Schild, das an der Dorfstraße in Malchow auf die MHO hinweist. Das Kürzel steht für Militär Handelsorganisation, jene staatliche Versorgungskette, in der Angehörige der Nationalen Volksarmee (NVA) einkaufen konnten. Der Name, den Thomsen für seine Firma wählte, passt zu dem, was er anbietet. Bei dem 58-Jährigen gibt es Uniformen, Gasmasken, Stiefel, Feldflaschen, Helme, Fahnen, Pionierhalstücher und sozialistische Literatur. In den Regalen stapeln sich Abzeichen, Schallplatten und Elektro-Utensilien. Gleich neben der Tür hängt ein Kronleuchter, der schon im Schloss Niederschönhausen für Licht sorgte. Direkt darüber blicken ehemalige Parteifunktionäre im schwarz-weißen Outfit aus holzfarbenen Fotorahmen. Doch Erich Honecker fehlt.
Thomsen sind kürzlich die Bilder des einstigen Staatsoberhauptes ausgegangen. »Honecker ist momentan der Renner«, sagt der Däne. Aber er hat bereits für Nachschub gesorgt. Im Internet ersteigerte er neue, alte Fotokopien.
Vor fast drei Jahren hat der gemütliche Däne seinen Arbeitsmittelpunkt in den Ortsteil Malchow, Hohenschönhausen, verlegt. Damals musste er das Gelände an der Ahrensfelder Chaussee verlassen, nachdem er dort das Lager des DDR-Innenministeriums beräumte und einen Teil der Sachen vor Ort verkaufte. Das war sein bislang größter Auftrag.
Begonnen hat seine Leidenschaft schon vorher: mit dem Fall der Mauer. In seiner Heimatstadt Osby verfolgte er 1989 vor dem Fernseher das weltbewegende Ereignis. Er war beeindruckt und wollte unbedingt dabei sein, wenn der »antifaschistische Schutzwall« eingerissen wird. Und so wettete Thomsen mit seinen Stammgästen - er besaß damals noch eine kleine Kneipe in Dänemark -, dass er mit einem Bagger nach Berlin fährt und gegen die Mauer fährt. Drei Tage und drei Nächte bewegte er sich mit 20 Stundenkilometern Richtung Berlin. »Als ich dann den Betonklotz berührte, wurde mir ganz kalt, und ich bekam Angst«, erinnert sich der Sammler. Das dänische Fernsehen filmte die Aktion.
Auf der Rückfahrt nach Dänemark nahm sich Gunnar Thomsen noch mehr Zeit für Land und Leute. Er lernte viele Menschen kennen, über deren Leben er bislang nur aus den Medien erfahren hatte. Er sagt, ihm seien die Ostdeutschen sofort sympathisch gewesen. »Ich mag ihre offene und unkomplizierte Art«, beschreibt der Däne seine Eindrücke.
Zu Hause erzählte er von den Erlebnissen - und weckte bei seinen Landsleuten Neugier auf die »andere, unbekannte Welt«. Er organisierte Busreisen, zunächst nach Schwerin, dann bis Berlin. »Irgendwann fragten mich Dänen, ob ich ihnen NVA-Mützen als Souvenir besorgen könnte«, sagt Gunnar Thomsen. So klopfte er an die Tür einer Kaserne, trug sein Anliegen vor und erhielt zunächst eine Abfuhr. »Stattdessen verkauften die mir ein ganzes Bekleidungs- und Ausrüstungslager - 18 Tonnen Militaria«, berichtet Thomsen schmunzelt. Die Sachen brachte er nach Dänemark und stellte sogar vor seinem Haus original Mauerteile und Grenzpfähle auf. Und es wurde immer mehr: Thomsen kaufte Kasernen und Behörden leer. Über den Altstoffhandel Sero bezog er ganze Bibliotheken-Bestände. »Kein Ostdeutscher wollte den alten Plunder«, sagt er.
In seiner Heimat war das ganz anders. Die DDR-Utensilien avancierten in Dänemark bereits damals zum Kult. Nicht nur Jugendliche kauften bei ihm ein, auch Theater- und Filmproduktionen.
Thomsen hat inzwischen seine Kneipe verkauft und pendelt zwischen Deutschland und Dänemark. Seine Frau und seine zwei Kinder bereiten in seiner Heimat den ganzen Kleinkram zum Verkaufen vor. Sie sortieren Schulterklappen, Orden, Abzeichen und Aufnäher. Jeden Montag nimmt Gunnar Thomsen dann den Nachschub mit nach Berlin. Weil seine Militärbestände nach und nach abnehmen, kauft er mittlerweile auch zivile Konkursbetriebe auf oder geht zu Haushaltsauflösungen.
Er selbst sieht seinen Laden an der Dorfstraße als lebendiges Museum. »Hierher kommen Großeltern mit ihren Enkeln und berichten über ihr untergegangenes Land«, erzählt Thomsen. Ihm ist aufgefallen, dass die meisten angenehme Erinnerungen haben, denn oft hört er den Satz: »Es war gar nicht so schlecht.«
Bei Thomsen im winzigen Büro, gleich neben dem Pferdestall, steht ausschließlich DDR-Literatur im Regal. »Zu Hause habe ich noch viel mehr davon«, sagt er. Als Rentner will er die alle lesen. Und dann möchte er sich endlich die vielen...
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