Zwerchfellerschütternde Melancholie

Vor 20 Jahren starb Rolf Herricht

  • Von Peter Hoff
  • Lesedauer: ca. 4.0 Min.
Es waren nicht viele Künstler in der DDR, die für sich beanspruchen konnten, »Stars« zu sein. Manfred Krug war zweifelsohne ein Star, Angelica Domröse nach ihrem Erfolg als »Paula«, ebenso Erwin Geschonneck, natürlich auch Ober-Indianer Gojko Mitic. Und dann noch ein Mann, der eigentlich selbst nicht an diesen Starruhm zu glauben schien: Rolf Herricht.
Ebenso wenig, wie er davon überzeugt war, dass er wirklich ein Komiker sei. Im Privatleben war Rolf Herricht schüchtern, zurückhaltend, ernsthaft und eher melancholisch. »Komisch« wurde er erst in seinen Rollen, in der Konfrontation mit seinen Partnern, in diffizilen Situationen, mit komplizierten Herausforderungen. Wo manche seiner Fachkollegen mit Extempores, mit komischen Improvisationen brillierten, hielt sich Rolf Herricht stets diszipliniert an den Text und an die Regieanweisungen. Er war »im Leben« wie auf der Bühne vorsichtig, fast ein wenig ängstlich, nicht ohne Humor, aber er provozierte als Privatperson keine Lacher.
Der gebürtige Magdeburger (vom Jahrgang 1927) hatte am Studio des Theaters seiner Heimatstadt 1945 die Grundlagen des schauspielerischen Handwerkes erlernt. Viele deutsche Bühnen unterhielten in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg solche Ausbildungsstätten. Der Hunger nach Theater war groß, aber viele gerade auch junge Schauspieler waren im Krieg umgekommen. Begabte junge Leute rückten nach. Den Beruf erlernten sie bei der praktischen Arbeit. Für Rolf Herricht begann danach die Tour durch die Provinz. Er spielte in Salzwedel, in Stendal, Staßfurt, Güstrow und in Frankfurt (Oder). Als sein dortiger Intendant Heinz Isterheil die Generalintendanz der Städtischen Bühnen Magdeburg übernahm, nahm er den jugendlichen Komiker Herricht mit zurück in dessen Geburtsstadt.
Der spielte hier zunächst die komischen Charakterchargen der traditionellen Bühnenliteratur wie den Schreiber Glasenapp im »Biberpelz« von Gerhart Hauptmann oder einen der Trinker in Auerbachs Keller in Goethes »Faust«. Adolf Dresen, der als Regieassistent in Magdeburg engagiert war und seine ersten eigenen Inszenierungen machte, besetzte den Anfangsdreißiger sogar noch als schüchternen Oberprimaner in dem rumänischen Gymnasiastenstück »Betragen ungenügend«. Diese Rolle kam vielleicht seinem Wesen am nächsten. Aber der junge Mann verstand sich auch auf ganz deftige Komik, er gab sogar im Weihnachtsmärchen von den »Bremer Stadtmusikanten« einen urkomischen Räuber, und obgleich er eigentlich keine Singstimme hatte, spielte und sang er doch Buffopartien in Operetten und Musicals. Seine schönste Rolle war hier der verklemmte Klosterorganist, der zum Operettenkomponisten wird, in der klassischen französischen Operette »Mamsell Nitouche«.
In diesem Genre war ein Mann sein Oberspielleiter, mit dem er sein ganzes weiteres Leben lang zusammenarbeitete: Hans-Joachim Preil. Am Theater verdiente man damals Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre nicht eben viel, aber man konnte dazuverdienen, »tingeln«. Und Preil, der selbst kleine musikalische Lustspiele schrieb, verfasste für sich und für Rolf Herricht komische Sketches, die ganz auf den Wortwitz abgestellt waren. Mit denen zogen die beiden über die Bühnen der umliegenden Betriebskulturhäuser - mit großem Erfolg. Und als der Deutsche Fernsehfunk für eine improvisierte Unterhaltungssendung mit dem Titel »Ob das was wird?« Mitwirkende suchte, zeigten sie nunmehr vor dem (damals noch nicht allzu zahlreichen) Fernsehpublikum, was sie vordem schon in Betriebs- und Dorfclubs vorgeführt hatten: ihre Dialoge, die sich zu immer absurderen verbalen Assoziationen steigerten. Preil ging bald nach Berlin, Herricht spielte noch für zwei Jahre in Magdeburg Theater, drehte aber schon für das Fernsehen und die DEFA, bis auch er in die Hauptstadt zog.
Im Film übernahm er viele Hauptrollen wie in »Geliebte weiße Maus« oder in »Der Reserveheld«, in »Der Mann, der nach der Oma kam« und in »Der Baulöwe«. Aber er stand auch in Nebenrollen vor der Kamera, so als Partner von Manfred Krug in »Hauptmann Florian von der Mühle«. Im Berliner Metropoltheater spielte und sang er Operette (beispielsweise einen Gangster in Cole Porters Musical »Kiss me, Kate« mit dem Lied »Schlag nach bei Shakespeare ...«), er übernahm Rollen in Fernsehserien, stand neben Helga Hahnemann im »Kessel Buntes« auf der Bühne des Friedrichstadtpalastes. In den Possen und Schwänken des DDR-Fernsehens gehörte er zum festen Personenbestand. Die meisten dieser Rollen hatten wenig Tiefgang, aber Herricht spielte sie mit Geschmack und dem Sinn für komische Wirkungen. Und immer wieder übte er sich mit Preil im wortwitzigen Blödeln. Die hintersinnigen Dialoge wurden sogar auf Schallplatten vertrieben.
Doch Rolf Herricht hatte keine allzu robuste Gesundheit, besonders das Herz machte ihm Probleme. Bei einer Aufführung des Metropoltheaters am 23. August 1981 erlitt er am Schluss der Vorstellung einen tödlichen Herzinfarkt.
Wie alle wirklich Großen hat auch Rolf Herricht keinen Nachfolger gefunden. Preil schrieb auch weiterhin Sketches, die er mit anderen Kollegen, mit Alfred Müller oder mit Dieter Mann zusammen spielte. Auch sie waren komisch, wurden belacht und beklatscht. Aber Herricht blieb doch einzigartig - und unvergessen, bei den Kollegen, mit denen er gearbeitet hat wie auch bei seinen zahlreichen Fans, von denen viele zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht einmal geboren waren.

Über den ND-Videoservice sind folgende DEFA-Filme mit Rolf Herricht zum Sonderpreis zu beziehen: »Geliebte weiße Maus« und »Mit mir nicht Madam« für jeweils 19,95 DM. Tel. (030) 293 90-654, Fax (030) 293 90-650 oder E-mail: videoservice@nd-online.de. Die Sonderpr...

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