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  • Nazis verschleppten Mädchen aus ganz Europa in das KZ „Uckermark“ / In der Alt-BRD keiner der Täter bestraft

Jeweils am Samstag wurde das Lager „beliefert

Mädchen und junge Frauen im KZ

Als ich vor etlichen Wochen in der Mahn-und Gedenkstätte Ravensbrück hörte, daß es in der Nähe einst auch ein Ju r gend-KZ gab, wunderte ich mich, nie davon gehört zu haben. Es waren ihrer zwei in Nazi-Deutschland, eines für Jungen im westdeutschen Moringen, das andere für Mädchen, wenige Meter vom Frauen-KZ Ravensbrück entfernt, inmitten des seenreichen Gebiets zwischen der Havel und der unteren Oder gelegen. Daß wenigstens etwas über diese bislang verschwiegenen bzw. vergessenen Lager zu erfahren ist, verdanken wir zwei jungen Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte Ravensbrück, Cordula Hoffmann und Viola Märkisch, die sich mit dem Leidensweg der Mädchen des-KZ „Uckermark“ beschäftigten, sowie Martin Guse und Andreas Kohrs, die schon vor geraumer Zeit in Westdeutschland eine bemerkenswerte „ Gedenkstätten-Initiative “ gegründet und Protokolle, Statistiken und vor allem Aussagen einiger weniger Überlebender zusammengetragen haben.

Das KZ „Uckermark“ wurde im Juni 1942 „eröffnet“. Laut Befehl Himmlers sollten hier Mädchen ab 16 Jahre, die rassisch, religiös oder politisch „auffallen“, interniert werden. Sinti- und Roma-Mädchen waren die ersten, die in das KZ kamen. Es folgten Kinder polnischer oder jüdischer Eltern und Töchter verhafteter Antifaschisten. Schließlich wurden Mädchen eingeliefert, die nicht in die HJ oder in den BDM eintreten wollten oder „beim Juden gearbeitet“, ein Hitlerbild zerrissen bzw. einen Flugzettel „gegen die Tyrannei“ entworfen hatten. Eine hatte in einem Rüstungsbetrieb die Arbeit

sabotiert, war geflüchtet, doch dann von der Gestapo wieder eingefangen worden. Eine andere galt als Prostituierte, weil sie ein Kind von einem polnischen Zwangsarbeiter hatte. Auch junge Mädchen,

die einer Jazz- oder Swinggruppe angehörten, wurden als „Degenerierte“, „Entartete“ in dieses Mädchen-KZ verschleppt. Ein besonders hartes Los erwartete die Partisanenkinder. Sie wurden in

einem separierten Block gefangen gehalten und bekamen noch stärker als ihre Lagergefährtinnen die Brutalität und den Sadismus der SS-Bewacher zu spüren.

Jeweils am Samstag wurde das KZ in der Uckermark „beliefert“: Die deutsche Reichsbahn hatte dafür eigens ein „Kursbuch für Gefangenenwagen“ erarbeitet. Aus ganz Europa wurden die Mädchen in die „Uckermark“ getrieben. Nach tagelanger strapaziöser Fahrt am Bahnhof Fürstenberg angekommen, mußten sie die restlichen Kilometer zum KZ zu Fuß marschieren. Im Lager eingetroffen, wurden sie sogleich „inspiziert“. „Man hat uns die Haare geschoren“, erinnert sich eine Überlebende, „wir wurden von Ärzten wie Tiere begutachtet, unser Mund wurde aufgerissen. Wir erhielten sackartige Kleider und Holzpantinen.“

Tagaus, tagein, sommers wie winters mußten die Mädchen Steine schleppen, Erdarbeiten im Sumpfgebiet verrichten, Bäume fällen oder in der Siemens-Arbeitsbaracke Überlandtelefone und Kehlkopfmikrophone in 10- bis 12stündiger Akkordarbeit zusammenlöten und -schrauben. Waren ihre Kräfte erschöpft, wurden sie mit Peitschenhieben angetrieben oder mit Essenentzug und Bunkerarrest bestraft.

Die Mädchen waren zugleich Experimentierobjekte für eine „kriminalbiologische Beobachtungsstation“ (Au-ßenstelle eines Forschungsbereiches in Berlin-Dahlem). In „Querulanten, Triebhafte, Üneinsichtige, Volksschädlinge und erblich Minderwertige“ eingeteilt, wurden sie SS-Arzten vorgeführt, beurteilt, für medizinische Versuche

„ausgewählt . Die Transporte mit jungen Mädchen nach Auschwitz, Treblinka und später Bergen-Belsen rissen nicht ab.

Die Kommandantin des Jugend-KZ, „Kriminalrätin“ Toberenz, habe zwar ein hartes Regime geführt, aber eben als Erzieherin, konstatierte später ein bundesdeutsches Gericht. Ich lese die Liste der im KZ „Uckermark“ internierten, Geschundenen, Diskriminierten und Ermordeten: Polinnen, Deutsche, Russinnen und Holländerinnen, Mädchen aus Slowenien, der Tschechoslowakei, Belgien, Italien, Luxemburg, Griechenland und Frankreich sowie Sinti und Roma und jüdische Mädchen aus verschiedenen Ländern (sie wurden separat aufgelistet).

Als im April 1945 die Rote Armee immer näher rückte, begann die „Evakuierung“ des Lagers. Frau Toberenz persönlich leitete den Marsch der Mädchen ins Ungewisse. Einige konnten fliehen. Was aus all den anderen wurde, ist nicht bekannt, aber zu ahnen...

Für das Leid und den Tod unzähliger Mädchen im KZ „Uckermark“ waren verantwortlich: die Schreibtischmörder in Berlin, SS-Schläger und Schlägerinnen vor Ort, Reichsbahner, KZ-Ärzte und die Herren von Siemens. Keiner der Täter wurde jemals bestraft: Die „Staatsnähe“ der sogenannten Erzieher wurde gar mit angemessenen Renten bpHacVit

Wäre es nicht angebracht, daß die Landesregierung Brandenburg ein Denkmal ausschreibt: „Für die Mädchen des Jugend-KZ .Uckermark'“? Vielleicht spendet hierfür der Siemens-Konzern?

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