Strindbergs Sohn rettete nicht nur Rabbi Strauss das Leben

Wiederentdeckung eines schwedischen Buches über den jüdischen Widerstand in Berlin

  • Von Jochen Reinert
  • Lesedauer: ca. 7.0 Min.

Über 50 Jahre waren der Dokumentarroman »Under jorden i Berlin« (Im Untergrund in Berlin) und sein deutsch-schwedischer Autor Friedrich Strindberg, Sohn des großen August Strindberg, völlig vergessen. Jan Myrdal hat die authentische Geschichte jüdischen Leids und Widerstands in Berlin 1942/43 wieder ans Licht geholt.

Das ist ein sehr wichtiges Buch, lese es schnellstens«, mailte Jan Myrdal aus seinem schwedischen Domizil Skinnskatteberg. »Es ist eine der sehr wenigen, noch während des Krieges veröffentlichten Innenansichten des Dritten Reiches und seiner Judenverfolgung - 1944 auf Deutsch geschrieben und noch im März 1945 in Stockholm erschienen«, warb Myrdal. Doch dann kam der Irakkrieg und einiges andere dazwischen - die Neuausgabe des sensationellen Buches, dem Friedrich Strindberg ursprünglich den Titel »Die Juden in Berlin. Wie sie leben, lieben und sterben« gegeben hatte, blieb zunächst liegen...
»Under jorden i Berlin« ist ein in vieler Hinsicht erstaunliches, spannendes, aufwühlendes Buch. Es ist die weitgehend authentische Geschichte des Paares Herbert und Lotte Strauss, die sich im Berliner Untergrund kennen lernten, in die Schweiz und dann in die USA flüchten konnten. 1983 kehrten sie für einige Jahre nach Berlin zurück - Herbert A. Strauss als Gründungsdirektor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin.

»Schattierungen innerhalb
des Herrenvolkes«

Der Originalausgabe vorangestellt ist dieser Spruch im Stil der alten isländischen Sagas: »Einige tausend Juden, die sich vor der Gestapo retten konnten, hielten sich in Berlins Ruinen verborgen. Wie sie flohen, liebten und litten und wie Berlin zur gleichen Zeit seinem Untergang entgegenging, berichtet dieses Buch.« Der Roman entbehrt nicht der Dramatik jener Sagas, doch seine Erzählweise erinnert eher an Erich Maria Remarque oder Ernest Hemingway. Schon mit den ersten Zeilen sieht sich der Leser mitten in die bedrückende Situation der untergetauchten Berliner Juden des Jahres 1943 hineinversetzt. Lotti (so der kaum camouflierte Name der geretteten Lotte) hört im Hinterzimmer, wie ihre alte Wirtin von der Gestapo zum »Transport« abgeholt wird. Lotti wird wie tausende Schicksalsgefährten in Berliner Großbetrieben ausgepowert - in einem kalten Neubau bei Siemens in Spandau, Fabriksaal 33, 5. Stock. Beklemmend die Schilderung jener Tage nach der Goebbelsschen Hetzrede im Februar 1943, nach der sämtliche jüdische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter aus den Berliner Betrieben gezerrt und abtransportiert werden.
Herbert Strauss, der angehende Rabbi, und seine den Nazi-Häschern knapp entronnene Gefährtin treten als wichtige Figuren des jüdischen Untergrunds in Berlin hervor, die auf oft verschlungenen Wegen unzählige Leidensgefährten vor dem sicheren Tod bewahren. Herbert muss sich bei einer seiner Aktionen den Fluchtweg freischießen - eine filmreife Thriller-Episode. Ausführlich porträtiert Strindberg die unterschiedlichsten Berliner, die unter Lebensgefahr den Todgeweihten beistehen - den katholischen Priester, den Bankier, den Polizisten, den ehemaligen kommunistischen Reichstagsabgeordneten und den Offizier aus dem Oberkommando der Wehrmacht - »Schattierungen innerhalb des Herrenvolkes«.
Der Autor Friedrich Strindberg selbst, der damals in Berlin-Kladow lebt, »verkleidet« sich in dem Buch als hilfreicher schwedischer Fotograf, den er am anderen Rande Berlins, in Altlandsberg, ansiedelt. Strindberg riskiert in jenen Tagen offenbar selbst Kopf und Kragen. Aber zunächst schützt ihn sein schwedischer Pass, den er dank der Großzügigkeit August Strindbergs vorweisen kann. Denn Friedrich ist kein leiblicher Sohn des Schweden - Augusts zweite Frau Frida Uhl hatte ihn während der noch nicht aufgelösten Ehe mit dem Dramatiker Frank Wedekind gezeugt und der Schwede hatte ihn nach der Geburt 1897 quasi als seinen eigenen anerkannt.
Friedrich gehört nach dem Ersten Weltkrieg, in den er als österreichischer Freiwilliger gezogen war, zur jungen roten Intelligenz Wiens und heiratet die Helene-Weigel-Freundin Maria Lazar, die später unter dem Namen Esther Grenen eine der markanten antifaschistischen Autorinnen in Schweden werden sollte. Friedrich bleibt zunächst in Deutschland, arbeitet als Journalist und Schriftsteller für den Ullstein-Verlag. 1934 reist er ans Horn von Afrika und veröffentlicht 1936 den Reportageband »Abessinien im Sturm. Kleines Tagebuch aus dem ostafrikanischen Krieg«. Für Ullstein berichtet er als Fotograf aus dem spanischen Bürgerkrieg, schreibt auch für schwedische Zeitungen.

Selbstzeugnisse der beiden Hauptgestalten

Bereits Ende 1942 gehört Strindberg offenbar zu den ersten Journalisten überhaupt, die über das ganze Ausmaß des Holocaust sehr weitgehend informiert sind - ein Unternehmer berichtet von »Leichen-Fabriken« im Osten. Jene Passagen seines Buches, in denen er ein reales Treffen mit Lotte und Herbert Strauss im Januar 1943 in Kladow schildert, auf dem er ihnen sein Wissen über den Holocaust mitteilt, werden so zu einem dramatischen Angelpunkt - die beiden Strauss, völlig entsetzt, verdoppeln ihre Fluchtbemühungen.
Friedrich Strindberg gerät in jenen Tagen offenbar immer mehr in das Visier der Gestapo, beantragt die Einreise nach Schweden und beendet in Södertälje in der Wohnung eines schwedischen Antifaschisten seinen Dokumentarroman. Der erscheint dann im März 1945 im Stockholmer Albert Bonniers Förlag unter dem Pseudonym Fredrik Uhlson, weil Strindberg der Gestapo keinerlei Fingerzeige geben wollte - die beiden realen Hauptfiguren waren längst in der Schweiz in Sicherheit. Das Buch wird alsbald ebenso vergessen wie sein Autor, der 1949 in die Bundesrepublik geht, bei der Illustrierten »Quick« arbeitet, später in Italien lebt und 1977, ein Jahr vor seinem Tod, den Roman »Wenn die Birnen reifen« veröffentlicht.
Die Wiederentdeckung von »Under jorden i Berlin« ist Jan Myrdal zu danken, der bei den Arbeiten zu seiner August-Strindberg-Biografie auf den nicht ganz legitimen Sohn des Meisters und sein einzigartiges Berlin-Buch stieß. Myrdal gewann die Verlegerin Eva Bonnier und die in London lebenden Nachkommen Friedrichs für eine Neuauflage, die in Schweden lebhaftes Interesse fand - auch wenn unterdessen zahlreiche, meist Jahrzehnte später entstandene Schilderungen jener finsteren Tage in Berlin zugänglich sind.
Dazu zählen nicht zuletzt die Ende der 90er Jahre erschienenen Autobiografien der beiden Hauptfiguren des Strindberg-Buches - Herbert A. Strauss (»Über dem Abgrund. Eine jüdische Jugend in Deutschland 1918-1943«) und Lotte Strauss (»Über den grünen Hügel«). Das »Nebeneinanderhalten« der drei Bücher ist nicht minder spannend als die Lektüre von Strindbergs Dokumentarroman.
Für die beiden Geretteten, die in New York heirateten und später wieder nach Berlin kamen, ist Strindberg »ein entschiedener politischer Gegner der Nazis«, der den realen Herbert Strauss versteckte und auch bei den Fluchtvorbereitungen half. Lotte Strauss - sie feiert heute in New York ihren 90. Geburtstag - erinnert sich jenes Januartages 1943 in Kladow: »Er hatte uns eine Wahrheit gesagt, die uns von nun an begleiten und niemals wieder verlassen würde... Den Namen der größten Todesfabrik Auschwitz, hatten wir noch nie gehört«.
Doch da ist neben Anerkennung auch eine gewisse Verstimmung zu spüren. Bei einem Wiedersehen in München 1958 zögert Strindberg, den beiden Strauss das deutsche Manuskript zu überlassen. Nachdem sie eine grobe Übersetzung aus dem Schwedischen lesen konnten, glaubten sie den Grund zu verstehen: Strindberg hatte die reale Geschichte zum Schluss hin dichterisch frei gestaltet: Herbert findet eine andere Frau, was die reale Lotti offenbar gar nicht gern sah. Und - hatte der wirkliche Herbert schon in den Debatten während des Krieges Schwierigkeiten mit Strindbergs deutlich linker Weltsicht, so treten nun die politischen Differenzen noch stärker hervor. Dennoch notiert Strauss: »Ich habe Strindberg und seine Frau Utje als gute Freunde in Erinnerung behalten...« Friedrich Strindberg gehört im Übrigen mit seiner zweiten Frau Utje zu den zehn schwedischen Bürgern, die in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem als »Gerechte unter den Völkern« geehrt werden, weil sie für die Rettung von Juden ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben.

In Schweden allerdings eine »Nicht-Person«

In Schweden ist Friedrich Strindberg indes »eine Nicht-Person«, kommentiert Jan Myrdal seine Nicht-Existenz in den diversen Schriftstellerlexika oder Verzeichnissen zur Emigrantenliteratur. Der wichtigste Grund dafür ist seiner Ansicht nach der anhaltende Boykott der »wahren« Strindberg-Erben, die offenbar von Anfang an einen Konkurrenten um Tantiemen fürchteten, obwohl Friedrich auf seinen Erbanspruch verzichtete.
Diese Haltung der Erben hätte Friedrich das Leben kosten können, denn die Strindberg-Tochter Kerstin beantragte im Sommer 1943, als er sich in Schweden in Sicherheit bringen wollte, die Aberkennung seiner schwedischen Staatsbürgerschaft. Doch das Außenministerium in Stockholm wies dieses Ansinnen zurück, im Gegenteil, es bereitete Friedrich Strindberg keinerlei Schwierigkeiten. Das könnte laut Myrdal auch einen anderen Grund haben. In den Papieren des Außenministeriums gibt es nur die normalen Angaben über ihn. In den Akten der Sicherheitspolizei ist indes nichts über ihn zu finden. »In dieser Zeit«, meint Myrdal, »hätte sich die Geheimpolizei gewiss mit einem Schweden deutscher Herkunft, der aus Berlin einreisen wollte, ausführlich befasst. Das alles deutet daraufhin, dass er gute Kontakte zur schwedischen Botschaft in Berlin hatte, und wenn er nicht direkter Informant war, so war er vielleicht Gewährsmann. Anders kann man das nicht erklären.«
Offenbar war Friedrich Strindberg einer der ersten, der die schwedische Regierung - und vielleicht nicht nur sie - über das tatsächliche Ausmaß des organisierten Nazi-Massenmordes an den europäischen Juden informierte. Wenn aber die Strindberg-Erben 1943 mit ihrem Antrag Erfolg gehabt hätten, wäre der Retter vieler Berliner Juden laut Myrdal »als Sohn des jüdischen Dichters Wedekind selbst in die Viehwagen gen Osten gestoßen worden, der Nazibarde Adolf Bartels hatte ja Wedekind als Judenmischling aus Hannover denunziert«. Und auch »Under jorden i Berlin« wäre nicht geschrieben worden - ein Buch, das nach bald 60 J...

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