Der Kriegsverbrecher und seine Freunde

  • Von Uwe Ruprecht
  • Lesedauer: ca. 5.0 Min.

Die biologische Uhr tickt. Doch auch fast 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes leben NS-Verbrecher geduldet in Deutschland - wie zum Beispiel in Stade.

Gustav Cäsar Wolters gehört dazu. Er ist gut Freund mit den Mächtigen von Stade an der Unterelbe bei Hamburg, und das seit mehr als einem halben Jahrhundert. Von Feinkost-Wolters haben die Herren im Rathaus ihre Buffets bezogen. Bei großen Feierlichkeiten war auch immer der Feinkosthändler zugegen, dessen Laden sich seit 1931 in einem stadteigenen Gebäude direkt rechts neben dem Rathaus befand. So kam es, dass er jedes Mal dem niedersächsischen Ministerpräsidenten begegnete, wenn dieser in der Stadt weilte. Als Wolters, inzwischen 94 Jahre alt, im Juni 2002 sein Geschäft aufgab, hielt sein Freundeskreis es für angebracht, ihm ein persönliches Schreiben des Politikers zu beschaffen, der inzwischen zum Bundeskanzler aufgestiegen war. Auf ein privates Gesuch hin fragte das Kanzleramt offiziell im Rathaus zurück, ob etwas gegen die Ausfertigung des Schreibens spräche. Nein, tut es nicht, hieß es von dort. Warum auch hätte man den Berlinern auf die Nase binden sollen, was seit Jahrzehnten ein offenes Geheimnis in Stade ist: Dass Wolters ein Massenmörder war. Wolters war seit 1933 in der SS. 1941 wurde er für die Einsatzgruppen rekrutiert. Mit den Massenerschießungen der Einsatzgruppen hinter der Front gegen die Sowjetunion begann die »Endlösung der Judenfrage«. Das Einsatzkommando 9, dem Wolters angehörte, brachte eigenen Angaben zufolge allein zwischen Juni und Oktober 1941 11449 Menschen um. Nach Schätzungen des Richters in einem Prozess vor dem Berliner Landgericht 1962, in dem Wolters als Zeuge aussagte, waren es vermutlich sogar 15000. Ein Verfahren gegen Wolters wegen seiner Beteiligung an drei Massakern in Witebsk wurde von der Stader Staatsanwaltschaft wegen angeblichen Befehlsnotstandes 1966 eingestellt. Unter Historikern ist unumstritten, dass der Befehlsnotstand nie bestanden hat. Kein NS-Täter musste um sein Leben fürchten, wenn er nicht mitmorden wollte. Verurteilt wurde Wolters bereits 1947 für seine letzte Tat als SS-Mann. Am 6. April 1945, vier Tage, bevor die US-Armee die Stadt einnahm, war er in Hannover an der Erschießung von 154 sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern aus dem Gestapo-Gefängnis in Ahlem auf dem Seelhorster Friedhof beteiligt. Wolters' Vorgesetztem war klar, dass diese Morde in letzter Minute den Zorn der Sieger erregen würden. Er stellte seine Untergebenen vor die Wahl: Wer »nicht die Kraft zur Ausführung dieses Befehls« habe, müsse nicht mitmachen. Nur einer stellte sich abseits. Die anderen erhielten eine Schachtel Zigaretten. Von den 13 Jahren Haft, die ein britisches Militärgericht als Strafe für angemessen hielt, saß Wolters nur drei ab. 1950 kehrte er nach Stade zurück. Sechs Jahre später nahm ihn die ehrenwerte Gesellschaft der Brüderschaft St. Pankratii auf, der die Honoratioren der Stadt angehören. Aufsehen in Stade erregte Wolters über einen Umweg. Für die »Israel-Kulturwochen«, die im Mai 2003 in ganz Niedersachsen stattfanden, war ein Vortrag über die Israelitische Gartenbauschule in Ahlem geplant. Das sei keine gute Idee, fand der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Dr. Peter Meves, denn vom Gelände der Gartenbauschule aus wurden Juden deportiert und dort befand sich die Gestapo-Dienststelle, in der SS-Scharführer Wolters Dienst tat. Wenn Ahlem in Stade Thema werde, dann müsse man auch vom Feinkosthändler reden. Dieser intern vorgebrachte Einwand wurde von interessierten Kreisen aus dem Rathaus genutzt, um Meves zu diffamieren. Er habe mit Skandal gedroht, ließ man im November 2002 wahrheitswidrig über die Lokalzeitung verlautbaren - ohne indes genauer zu erklären, worin der Skandal bestanden hätte, denn dann hätte man eben über die Vergangenheit des Feinkosthändlers sprechen müssen. Man zog es vor, im Trüben zu fischen und Vorurteile über Meves zu bedienen, der es sich mit den Stadtoberen verdorben hatte, nachdem er fünf Jahre lang für zwei Stelen zum Gedenken an die Juden und Sinti aus der Region, die im Holocaust ermordet worden waren, gestritten hatte. Seit einem Jahr ist die Geschichte in der Welt und schlägt immer neue Kapriolen. So wurde durch eine Indiskretion des Bürgermeisters bekannt, dass Wolters schon 1994 »Ehrengast« bei der Tausendjahrfeier der Stadt war. Zwei Mal, im März und Juni, stand der Fall auf der Tagesordnung des Rats und wurde von der CDU-Mehrheit dazu genutzt, die Kritiker der Ehrung zu diskreditieren. Zuletzt gab es einen Eklat am 6. Oktober im Rathaus bei der Eröffnung der Ausstellung »Aus Niedersachsen nach Auschwitz« über die Deportation von Sinti und Roma. Einer der Orte, über die »Zigeuner« in die Konzentrations- und Vernichtungslager verbracht wurden, war Wolters' Dienststelle; in einem Video in der Ausstellung berichtet ein Zeitzeuge von seiner Inhaftierung in Ahlem. Dass »ein bekannter Bürger der Stadt, ein erwiesener NS-Täter, mit aller Unterstützung der Stadtoberen, gewissermaßen die Ehrenbürgerwürde verliehen wird«, fand Manfred Böhmer vom Verband der Sinti in seiner Rede bedenklich. »Es geht uns nicht darum, einen hoch betagten Mann für seine NS-Vergangenheit zu verurteilen. Wir halten es aber für einen Skandal, wenn er quasi zu Ehrenbürgerwürden kommt, während die Opfer jahrzehntelang vergessen wurden.« Bürgermeister Hans-Hermann Ott (CDU) erwiderte darauf mit einer Lüge: »In keiner Weise« sei Wolters »geehrt oder geadelt worden«. Er selbst hatte, in Begleitung eines Zeitungsreporters, den Kanzlerbrief übergeben. Empört brach Ott die Ausstellungseröffnung ab und verließ den Saal. Im Hinauslaufen warf er Böhmer noch vor, er habe sich von Dr. Meves »instrumentalisieren« lassen. Inzwischen fordert er von Böhmer eine »öffentliche Richtigstellung«. Die Taktik des Totschweigens ist in Stade bislang aufgegangen. Zwar berichtete ND bereits im Dezember 2002, andere Zeitungen und Zeitschriften folgten, aber die Lokalpresse, die die Übergabe des Kanzlerbriefs an Wolters bejubelte, will seine NS-Geschichte nicht erzählen. Stattdessen wurden Tatsachenbehauptungen über die Verbrechen des Feinkosthändlers der »üblen Nachrede« verdächtigt. Solange das »Stader Tageblatt« schweigt, fühlt man sich im Rathaus sicher davor, unliebsame Fragen zu beantworten. Typisch für die Stader Kumpanei mit dem NS-Verbrecher ist Horst Eylmann, der als Wolters' ehemaliger Rechtsanwalt genauestens über diesen im Bilde war. Der einstige Bürgermeister und rechtspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion fand nichts dabei, 1981 der Brüderschaft des Massenmörders beizutreten und erhob auch keinen Einspruch gegen die Ehrungen. Während in Hannover gleich zwei Gedenksteine, einer am Maschsee und einer auf dem Seelhorster Friedhof, an das Gestapo-Massaker erinnern, besteht man in seiner Heimatstadt darauf, dass der Feinkosthändler ein ehrenwerter Mann ist. Das Kanzleramt hat die Vorgänge »mit Ernst zur Kenntnis genommen«, den Ehrenbrief aber nicht zurückgezogen. Übrigens: Eylmann ist am Montag zum Ehrenbürger e...

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