Werbung

Dieser Text ist Teil des nd-Archivs seit 1946.

Um die Inhalte, die in den Jahrgängen bis 2001 als gedrucktes Papier vorliegen, in eine digitalisierte Fassung zu übertragen, wurde eine automatische Text- und Layouterkennung eingesetzt. Je älter das Original, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass der automatische Erkennvorgang bei einzelnen Wörtern oder Absätzen auf Probleme stößt.

Es kann also vereinzelt vorkommen, dass Texte fehlerhaft sind.

  • Vor 200 Jahren starb Jaques Roux, Anwalt der Armen und Ärmsten in der Großen Revolution der Franzosen

„Seine Erben werden. . die Verratenen sein

  • Von WINFRIED SCHRÖDER
  • Lesedauer: 5 Min.

1789: Bauern verbrennen feuda e Urkunden

Die Namen von Feldherren, Monarchen und anderen Potentaten pflegen geläufig zu sein. Bornierte und eitle „Ordnungsbewahrer“ sorgen dafür mit ihren spektakulären Ritualen auf Kosten steuerzahlender Bürger ebenso wie die ewig-gestrigen Tuis der Medien vom Ressort Erbepflege. Wir wissen es und erleben dieses pietätische Polit-Theater des elitären Helden- und Herrscherkults unserer „Gro-ßen und Größten“ alltäglich.

Wer aber war und wie aktuell ist Jacques Roux, dieser französische „rote Priester“, der sich einundvierzigj ährig, am 10. Februar 1794, im Gefängnis von Bicetre (Seine) das Leben nahm? Wie Walter Markov im Jahre 1967 mit seiner umfassenden historischkritischen Roux-Biographie erinnert, gehörte Jacques Roux zu den basis-demokratischen Linken der Großen Revolution der Franzosen, der nicht nur in einer flammenden Rede die „Verurteilung Ludwigs des Letzten“ gefordert hatte. Auch die Klassenbeschränktheit des Girondeliberalismus und der montagnardischen Demokratie war ihm bewußt. Dies zu einer Zeit, als in Frankreich, nach der Beseitigung der Klassenprivilegien des feudalen Adels, des Klerus und der absoluten Monarchie von „Gottes Gnaden“ versucht wurde, auf der Basis der sozialen Ungleichheit, der sich ungehemmt entfaltenden partikularen egoistischen Interessen des Bourgeois einen bürgerlichen Rechtsstaat zu institutionalisieren, der zwar die feudalen Klassenprivilegien, nicht aber die Klassenunterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Proletariat und Bourgeoisie aufhob und der daher die existentielle Forderung nach Gleichheit auf die politischen Rechte, das allgemeine Ordnungs- und Herschaftsinteresse des Bourgeois als Citoyen beschränkte.

Als Anwalt der Armen und Ärmsten, als konsequenter

Anhänger einer uneingeschränkten plebejischen Bewegung und als aufrechter Demokrat und Republikaner durchstieß Jacques Roux den jakobinischen Bannkreis kleinbürgerlicher Radikalität und fragte öffentlich: Wann endlich wird die Republik auch dem Armen, der alle ihre Schlachten geschlagen hatte, zu seinen Menschenrechten, zu seinem Anteil an Freiheit und Gleichheit verhelfen? Ihm und seinen Gesinnungsgenossen genügte es nicht, erklärt zu haben, daß wir französische Republikaner sind. Auch das Volk muß glücklich sein, es muß Brot haben; denn wo es kein Brot gibt, gibt es keine

Gesetze, keine Freiheit, keine Republik mehr.

Am 25. Juni 1793, einen Tag nach der Annahme der demokratischen „Jakobinerverfassung“, verlas Roux im Nationalkonvent eine Denkschrift, die später „Manifest der Ertrages“ oder „Manifest der Zornigen“ genannt wurde. Darin heißt es: „Abgeordnete des französischen Volkes!... Die Freiheit ist ein leerer Wahn, solange eine Menschenklasse die andere ungestraft aushungern kann. Die Gleichheit ist ein leerer Wahn, solange der Reiche mit dem Monopol das Recht über Leben und Tod seiner Mitmenschen ausübt. Die

Republik ist ein leerer Wahn, solange Tag für Tag die Konterrevolution am Werk ist, mit Warenpreisen, die drei Viertel der Bürger nur unter Tränen aufbringen können. ... Seit vier Jahren ziehen allein die Reichen Nutzen aus der Revolution. Die Handelsaristokratie, schlimmer als die adlige und geistliche Aristokratie, hat sich ein grausames Spiel daraus gemacht, die Privatvermögen und die Schätze der Republik an sich zu reißen... Bürger Volksvertreter, es ist an der Zeit, daß der Kampf auf Leben und Tod, den der Egoist der arbeitsamsten Klasse der Gesellschaft liefert, beendigt wird. Erklärt euch gegen die Spekulanten und Schieber. Entweder gehorchen sie euren Dekreten, oder sie gehorchen nicht. Im ersten Fall habt ihr das Vaterland gerettet und im anderen Falle auch, denn dann sind wir imstande, die Blutsauger des Volkes zu erkennen und zu schlagen. Was denn! Soll das Eigentum der Gauner unverletzlicher sein als das Menschenleben?... Hat der Gesetzgeber das Recht, Kriege zu erklären, das heißt Menschen umbringen zu lassen, warum sollte er nicht das Recht haben zu verhindern, daß man diejenigen aussaugt und aushungert, die Haus und Herd verteidigen? ... Deshalb, Beauftragte des Volkes, wäre es ein Ausdruck der Feigheit, ein Verbrechen an der Nation, noch länger Sorglosigkeit an den Tag zu legen. Man darf sich nicht fürchten, sich den Haß der Reichen, das heißt der Schlechten, zuzuziehen. Man darf sich nicht scheuen, dem Heil des Volkes, dem obersten Gesetz, politische Grundsätze zu opfern.... Es lebe die Wahrheit! Es lebe der Nationalkonvent! Es lebe die Französische Republik!“ (zitiert nach: J. Höppner/ W. Seidel-Höppner: Von Babeuf bis Blanqui. Französischer Sozialismus und Kommunismus vor Marx, Reclam-Verlag Leipzig 1975, Bd. 2, S.7-18)

Der Haß sah scharf. Im September 1793 wurde Jacques Roux verhaftet und beschuldigt, die Verletzung des Eigentums und die Demütigung der Behörden propagiert zi haben. Er, dem - wie christlichen Märtyrern - der Freitoc als der schärfste zu Gebote stehende Protest gegen einer rechtsbeugenden Despotismus erschien und dessen Devise war: „Der Patriot stirbt eher als daß er sein Knie vor neuer Königen beugt“, starb als erstes Opfer einer gegen links ausholenden Jakobinerdiktatur, über das die siegreiche Bourgeoisie lieber Schleie: des Schweigens und Vergessens gebreitet sah. „Sein Erdhügel auf dem Friedhof vor Gentilly wurde eingeebne' gleich den Gräbern von Hekatomben unbekannter Soldaten der Großen Revolution Kein Are de Triomphe überspannt ihre ewige Flamme,' (Walter Markov: Die Freiheiten des Priesters Roux, Berlir 1967, S.349)

Auch einem Jacques Roux dem Anwalt der Armen unc Ärmsten, blieb im Jahre 179ü der Erfolg versagt. Was nach 200 Jahren bleibt, ist der geschichtliche Auftrag, dem ej sich konsequent und engagier zu stellen versuchte. „Seine Erben werden nicht die Verräter, sondern die Verratener sein. Die Freiheit wird kommen im Reich der Gleichheit Weder Berge noch Meere werden ihr eine Grenze setzen.' (Markov, S. 381)

Bei Peter Weiss - im Irrenhaus zu Charenton - führ nicht mehr die „Gironde-Inquisition“ oder ein Revolutionstribunal Regie, sonderr der Marquis de Sade:

...die Rolle des Jacques Roux, ... gehört zu Marats Revolu tion dazu/ Leider hat die Zensur sehr viel/ gestrichen vor seinen Aussagen im Spiel, denn sie gingen in ihrem Tor zu weit/ für die Ordnungsbe wahrer in unserer Zeit (P Weiß: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats 1964, S.16)

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
Mehr aus: