Hitchcock kommt ins Spiel

»Fenster zum Hof« im textmarker inszeniert

Swing-Musik schallt durchs Zimmer. Der Herr des Hauses trägt Gipsbein und Schlafanzug und hält sich am liebsten am Fenster auf, von wo aus der gezwungenermaßen Untätige per Teleobjektiv seine Nachbarn beobachtet. Bis die Tür aufgeht und ihn eine bezaubernde junge Dame im weißen Nerzmantel aus dem Trübsinn holt. Das kleine Theater textmarker hat sich getraut, Hitchcocks berühmten Klassiker »Fenster zum Hof« für die Bühne zu adaptieren. In dem ehemaligen Ladenlokal sitzen die Zuschauer mitten im Geschehen. Die Sofas und Stühle, auf denen das Publikum platziert wird, sind Teil der Einrichtung. Die Hauptrolle aber spielt das große Fenster an der Frontseite, durch das der im Rollstuhl sitzende Fotograf Jeff in die Wohnungen auf der anderen Straßenseite starrt und dabei einen schrecklichen Verdacht schöpft. Hat der Handelsvertreter von gegenüber seine Ehefrau ermordet? Der Verdacht wird zur Obsession, die Jeff blind macht gegenüber den Avancen seiner Freundin Lisa, die den ewigen Junggesellen endlich an den Altar schleppen möchte. Energisch macht sie sich deshalb an die Aufklärung des Falles und begibt sich in mörderische Gefahr. Alles schon gehabt, könnte man sagen, schließlich besteht schon der Reiz der Filmvariante im Kammerspielambiente. Doch Regisseurin Cecilia Malmström lässt sich in ihrer ersten Theaterinszenierung erst gar nicht auf einen Vergleich ein. Geschickt spielt sie mit verschiedenen Realitätsebenen und neuen Elementen. Alfred Hitchcock wird kurzerhand in die Handlung eingebaut: Als Ekel, der bei den Vorbereitungen zum Filmen seine Assistentin schikaniert, sowie als falscher Pfleger, der sich auf der Suche nach Inspiration bei Jeff einnistet. So gelingen der Hitchcock-Spezialistin Malmström wunderbare Szenen, die anderen Filmen des Meisterregisseurs entlehnt sind. Der Moment, wo Lisa, in zartgrünes Licht getaucht, langsam auf den kleinen Dicken zuschwebt, stammt aus »Vertigo«, andere Szenen verweisen auf »Psycho« oder »Die Vögel«. Auch mit Hinweisen auf den Charakter des Meisters - seine Vorliebe für kühle Blondinen oder seine Dominanz - spart Malmström nicht. Darstellerisch brilliert vor allem Elisabeth Sutterlüty als Lisa, die wie eine brünette Grace-Kelley-Ausgabe ihre Erotik hinter Perfektion verbirgt. Armin Hägele wächst im Laufe des Stücks immer besser in die Rolle des jungen Hitchcock, während es Alexander Flache nicht gelingen will, den überdimensionalen Schatten James Stewarts zu vertreiben. 10., 11., 16.-18., 22.-25.1., 20 Uhr, textmarker, Kopenhagener Str. 16, Prenzlauer Berg, Tel. 0177/4920722

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