Der Wahnsinn der Welt und das schmerzend helle Bewusstsein

Gedanken über die bösen Folgen, wenn der Mensch heutzutage klarsieht

  • Von Bodo Wenzlaff
  • Lesedauer: ca. 5.5 Min.
Die Welt ist aus den Fugen. Überall lauern Katastrophen. Jede ist tödlich. Nicht gleich, aber doch absehbar - wenn sich nichts ändert. Aber was soll sich ändern? Je lauter wir lamentieren, umsoweniger sind Lösungen in Sicht. Regiert der Wahnsinn die Welt? Aber die Welt - das sind doch wir alle! Und wir würden doch nie zugeben, dass wir wahnsinnig sind. Woran erkennen wir eigentlich, dass jemand nicht wahnsinnig, also im landläufigen Sinne normal ist? Eine seltsame Frage. Eigentlich fragen wir uns immer nur, ob jemand nicht normal ist. Aber jene Normalität, um die es hier geht, bedeutet tatsächlich eine Form von Wahnsinn. Freilich nicht einmal die interessanteste, weil dieser Wahnsinn nichts weiter ist als zeitgeistlicher Stumpfsinn. Die Welt erstickt an unseren Abgasen. Durch die Waffen, die wir entweder exportieren oder friedlich vor sich hinrosten lassen, werden ihr unheilbare Wunden geschlagen. Die Erde kann für das Elend und die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt keine Nahrung mehr geben. Weil fanatische und zu allen Terrorakten bereite »Gotteskrieger« dem Weltuntergang ein wenig nachhelfen wollen, kann die Erde in jedem Augenblick die Kraft zum Weiterleben verlieren. So ist die Lage. Wo wäre denn ein Ausweg? Und wenn ja, welcher? Es existiert immer nur ein Weg, kein Ausweg. Das Leben war und ist stets nur Weg, nicht Ausweg. Es gibt Menschen, die sich von dieser Art »Normalität« abgrenzen, die sie für Wahnsinn halten - aber die dabei eine andere Art von Wahnsinn entwickeln: den hellen Wahnsinn, das helle Bewusstsein vom Stumpfsinn unserer Unbelehrbarkeit. Sie sind keine Mit- und Nachläufer, wie es bei vielen so genannten Normalen üblich ist. Nein, sie versuchen, selbst zu denken, über die Welt und über sich, sie wollen und müssen anders denken als ihre Umwelt. Aber eben: Wer anders sein will, gerät in Gefahr, an der Welt seinen Verstand zu verlieren. Wir wissens vom geflügelten Wort: Wer angesichts bestimmter Dinge nicht den Verstand verliert, hat keinen. Der denkende Mensch ist heute der, der leidend begreift, dass die Grenzen zwischen Normalität und Wahnsinn fließend geworden sind. Nun gibt es Neurosen, Depressionen und andere seelische Defekte, die bis zur Spaltung oder zum Verlust der Persönlichkeit führen. Aber mit all dem hat das schmerzhaft helle Bewusstsein nichts zu tun. Dieses Bewusstsein treibt in eine Form klarsichtigen Wahnsinns, und der trifft Menschen, die die Welt durchschauen, aber trotzdem darin weiterleben wollen. Dieser helle »Wahnsinn« des Intellekts steht gegen den stumpfsinnigen Wahnsinn der Normalität, gegen den induzierten Wahnsinn des Glaubens, den die meisten haben. Der aus dem Mehrheitsverhalten die gesellschaftliche Regel aufstellt. Dieser induzierte Wahnsinn hatte und hat viele Gesichter. Vor Jahrhunderten sagte man, es sei gottgefällig, einen Kreuzzug zu machen und den Türken die Köpfe abzuschlagen. Die Leute glaubten das. Dann sagte man, es gäbe Hexen. Und die Menschen verbrannten daraufhin unzählige solcher »Ungeheuer«. Oder denken wir an die Ausrottung der Juden durch die Nazis. Und heute? Kann man behaupten, die Völker seien weniger anfällig, weniger infiziert? Man passt sich weiterhin an und macht, was alle machen. Es wäre wahnwitzig, nicht mitzumachen. Dieses angeblich Normale ist immer durchsetzt mit altbekannten dunklen Wahnvorstellungen. Da kriecht aus dem Unbewußten und aus dem Gefühl noch immer etwas hervor, wie ein zwanghafter Trieb, der den Lebenssinn nicht erhellt, sondern verdunkelt. Zum so genannten Normal-Sein gehört, seit Jahrhunderten, die Intoleranz. Wer nicht zu allen dazugehört, wird verlacht, verfolgt, ausgegrenzt und zur Verzweiflung getrieben. Die Gesellschaft schützt sich so vor allzu großer geistiger Verunsicherung. Jeder, der dieser Normalität gewissermaßen verfallen ist (man will ja sein Leben leben), der übersieht leicht die Problematik ihrer Herkunft. Wäre nicht, um ein klitzekleines Beispiel zu nennen, die Entwicklung von Bildung, Kultur und Wissenschaft eine der Hauptaufgaben des Staates? Das ist nur auf den ersten Blick eine scheinheilige Frage. Auf den zweiten Blick enthüllt sie den ganz normalen Wahnsinn. Denn niemand kann wirklich erklären, warum ein Staat für seine Finanzämter mehr Geld ausgibt als für Schulen, Universitäten, Theater und Museen zusammengenommen. Das ist Wahnsinn, aber in einer Form, die die Menschen so lange nicht krank macht, wie sie nicht darüber nachdenken. Jeder ist vom hellen Bewusstsein bedroht - wenn er seine Normalwelt so stark in Zweifel zieht, dass jeder Rückweg abgeschnitten wird. Solch befreiende und zugleich quälende Helle ist wie eine Versuchung. Und doch: Was oft blockiert, ist die Angst. Angst vor diesem Weg zu sich selbst. In ihren florierenden Praxen behandeln Therapeuten die Zerquälten, Erfolglosen und Konfliktgeschüttelten, indem sie ihnen einreden, dass sie keinen Grund hätten, den Glauben an sich selbst zu verlieren. Der Glaube an die Welt ist dabei kein Thema. Was Halt geben soll, ist ein Billigangebot für die Leichtgläubigen: Du packst es! So wird man gepackt. Wer sich ins allgemein Geforderte an konformem Verhalten einfügt, verzichtet - just unter Berufung auf die Individualität und deren Freiheit - irgendwann wahrscheinlich auf seine geistige Einmaligkeit. Wer dagegen zum hellen, unbestechlichen Bewusstsein fortschreitet, der verliert leicht und gefährlich den Kontakt zum so genannten Normalen - und sieht sich plötzlich mit seinem Geist völlig alleingelassen. Ja, unsere Welt ist wohl aus den Fugen geraten; viele fühlen das und möchten daher aussteigen. Sie meinen aber nicht »aussteigen«, sondern »umsteigen«. Denn die meisten können aus unterschiedlichsten, meist sozialen Gründen gar nicht aussteigen, sondern nur - wenn man genauer hinsieht - die Form ihres konformen Verhaltens wechseln. Dem System, dem sie sich widersetzen wollen, entrinnen sie nicht. Bisher löste in der Geschichte, grob gesprochen, ein Wahnsinn den anderen ab. Man nannte das Fortschritt. Aber es gibt seit dem gescheiterten Kommunismus keine tragfähige Illusion mehr. Rationale Weltmodelle taugen ohnehin nicht für die Massen. Bleiben nur die heilbringenden Errettungsmodelle für die geplagte Seele, die angeblich zu ihrer ganzen Größe erst dann erwacht, wenn man den Kopf zum Schweigen bringt und nur noch der Stimme des Bauches folgt. Wenn bestimmte Gefühle nur intensiv genug für normal gehalten werden, dann spricht sie die Öffentlichkeit heilig. Wenn jemand derartige Gefühle nicht teilen kann, dann unterstellt man ihm Spott, Missachtung geltender Werte, und man antwortet ihm mit Ächtung und Verachtung, also mit Ausgrenzung. Erst eine solche Ausgrenzung allerdings bietet die Chance, zur Klarheit aufzusteigen. Wenn denn die Kraft dazu reicht. Der Sinn von Geschichte, von Gesellschaft, von Gemeinschaft hat sich vielfach in das verkehrt, was wir jenen Wahnsinn nennen, der die Welt regiert und ausmacht. Aus der Sicht dessen, der an hellem Bewusstsein leidet und der Normalität der angepasst Weiterschnurrenden entrückte, ist nicht er der Verrückte, sondern die anderen sind es. Und darin steckt ja wohl ein Körnchen Wahrheit. Ohne jene, die mit ihrem »hellen Wahnsinn« wie Mahner und Narren auf den Zustand der Welt aufmerksam machen, gibt es heute keine Menschlichkeit. Leider ist das mit dem ewigen Bewei...

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