Nase voll von der Schweinefabrik

Bürger im Süden Sachsen-Anhalts wehren sich gegen Massen-Mastanlage

  • Von Hendrik Lasch, Allstedt
  • Lesedauer: ca. 7.0 Min.

Fast 100000 Schweine sollen bald mitten in Sachsen-Anhalts größtem Eichenwald gehalten werden. Der Landwirt preist Luftfilter, doch Anwohner fürchten eine Investition, die im Wortsinne zum Himmel stinkt.

Dreißig Königinnen schaffen es, Bernd Brix ins Schwitzen zu bringen. Zeitgleich sind sie geschlüpft und auch noch einen Tag zu früh. Jetzt muss Brix emsig seine Schwärme beieinander halten: Tausende und Abertausende Tiere. Die Imkerei, sagt Brix, ist nur ein Hobby für ihn: zu anfällig für das Wetter und andere Widrigkeiten. Über mangelnde Nachfrage für seinen Wald- und Blütenhonig kann er trotzdem nicht klagen. Und Kleinvieh, heißt es, macht schließlich auch Mist.
Mist von großen Tieren, befürchtet Brix, könnte ihm seinen süßen Zeitvertreib jedoch bald vergällen. Ein paar Kilometer westlich von seinem Wohnort Lodersleben, dort, wo man von Sachsen-Anhalt schon nach Thüringen hinüber schauen kann, will ein Landwirt eine der größten Schweinefarmen in Deutschland errichten. Fast 100000 Tiere könnten einmal in Ställen gehalten werden, die auf der Landebahn des ehemaligen Militärflugplatzes Allstedt entstehen sollen. Schweine, glaubt Brix, stinken meilenweit gegen den Wind: ein herber Duft, der sich auch auf Blütenpollen legt. Honig mit Güllegeschmack aber, sagt der Hobbyimker, kauft niemand: »Dann kann ich aufhören.«

Region könnte Jauchegrube des Landes werden
Ein dreiviertel Jahr ist es her, dass die Pläne von den Schweinen auf dem Flugplatz ruchbar wurden. Seither summt es in der Region wie im Bienenstock. Es ist ein böses Summen. Von Luftverpestung ist die Rede, von einem Anschlag auf die Natur, vom Ende für den Tourismus. Bürgerinitiativen haben sich gegründet, ein »Verein zur Förderung des Umweltschutzes« wurde ins Leben gerufen. Naturschützer unterstützen den Protest ebenso wie Initiativen gegen Massentierhaltung. Solche Anlagen seien »sowohl in Hinblick auf den Tier- als auch den Verbraucherschutz nicht mehr zeitgemäß«, meint Helene Helm, die NABU-Landesvorsitzende. Als unlängst zu einem »Sternmarsch« aufgerufen wurde, kamen 1000 Menschen. Auf Plakaten an der Straße ist zu lesen: »Wir wollen nicht die Jauchegrube Sachsen-Anhalts sein!«
Noch ist das Dreieck zwischen Querfurt, Artern und Sangerhausen eine malerische Gegend. Feldraine sind von knallrotem Klatschmohn übersät. Von lang gestreckten Hügelketten geht der Blick in die »Goldene Aue« am Kyffhäuser-Gebirge und in das »Triasland« mit seinen italienisch anmutenden Kalkfelsen. Die Gegend ist nicht nur schön, sondern auch geschichtsträchtig. Bei archäologischen Grabungen wurde hier die Himmelsscheibe von Nebra gefunden; die »Straße der Romanik«, die Touristen zu Stiftskirchen und Klöstern führt, würde »mitten durch den Schweinestall« führen, sagt Brix.
Wer dessen künftigen Standort besichtigen will, fährt zunächst kilometerweit durch sattgrünen Laubwald. Der »Ziegelrodaer Forst« ist nicht einfach ein Naturschutzgebiet, sondern »der größte zusammenhängende Eichenwald in Sachsen-Anhalt«, sagt Rainer Heine. »Noch«, fügt er hinzu: Wenn erst Ammoniakausdünstungen von 100000 Schweinen durch das Laub wabern, so seine Sorge, dann ist es mit der Pracht bald vorbei.
Auch Rainer Heine wohnt in Lodersleben - immer noch. Vor Jahren war er entschlossen zum Wegzug. Damals hatten ihn die Düsenjäger und Hubschrauber, die zu allen Tageszeiten über das Dorf donnerten, zermürbt. Seit die Rote Armee zu Beginn der 90er Jahre abgezogen ist, herrscht Ruhe in dem kleinen Nest. »Wir leben hier glücklich und zufrieden«, sagt Heine - wenn da nicht die neue Angst vor den vielen Schweinen wäre. Statt die Landluft zu atmen, so lange sie noch sauber ist, steckt Heine die Nase in staubtrockene Lektüre: Bundesgesetze zum Immissionsschutz, Regularien über Naturschutz, ein Gutachten zur Renaturierung des Militärflugplatzes.
Eines stellen die Bürgeraktivisten von Lodersleben klar: Sie haben nicht prinzipiell etwas gegen Schweine. Die Agrargenossenschaft im Ort hat bis vor kurzem selbst einen Stall betrieben. Erschrocken sind die Anwohner über die schiere Dimension: 100000 Schweine, die in Ställen von der Größe dreier Fußballfelder untergebracht werden. Industrielle Produktion, die ihrer Ansicht weder art- noch umweltgerecht erfolgen kann. Zahlen, die kursieren, sind beeindruckend. 123000 Kubikmeter Gülle müssen auf Feldern verteilt, jährlich 277Tonnen Ammoniak entsorgt werden. Die insgesamt 100 Arbeitsplätze in den Ställen und angrenzenden Anlagen seien das nicht wert, sagt Brix: »Diese Investition stinkt zum Himmel.«
Bei Jacobus Nooren stinkt nichts. Der Landwirt, dessen Pläne die Loderslebener auf die Barrikaden treiben, sitzt eine Autostunde entfernt in einem Ort, der ausgerechnet Saubach heißt; in einem flachen Gebäude, das Büro und Wohnung beherbergt und direkt neben drei Schweineställen steht. In den Hallen, die dank einer blauen Plastehülle nur noch vage an ihre LPG-Vergangenheit erinnern, sind 2500 Schweine untergebracht. Vom ätzenden Gestank, der die Gebäude einst umwabert haben dürfte, ist wenig zu bemerken. »Wir nutzen Filter«, lächelt Nooren. Zur Veranschaulichung erinnert er an den olfaktorischen Unterschied zwischen einem modernen Auto und einem Trabant.

Dunst von 30000 Schweinen bleibt
Technik solls möglich machen: Auch die Tierfabrik auf dem Flugplatz Allstedt soll, wenn es nach Nooren geht, keinem Anwohner in die Nase fahren. Zu »mindestens 70 Prozent« würden die Anteile von Ammoniak oder Stickstoff aus der Abluft gefiltert - was indes auch heißt, dass vergleichsweise Ausdünstungen von 30000 Schweinen übrig bleiben. Nooren verweist jedoch auf weitere technische Raffinessen. So zeigt ein Schaubild an der Bürowand neben den neun Ställen und dem angeschlossenen Mischfutterwerk auch eine Biogas-Anlage. Dort soll aus den Fäkalien der Brennstoff für eine Bioethanol-Anlage gewonnen werden; gleichzeitig würde die Gülle, die trotz ihres schlechten Rufes »bester Naturdünger« sei, durch die Behandlung quasi geruchsgebremst, schwärmt der Landwirt: »Was dann auf die Felder kommt, riecht höchstens wie Kompost.«
Der junge Holländer, der Mitte der 90er Jahre nach Sachsen-Anhalt kam, hier geheiratet hat und derzeit im Land zwei Anlagen mit insgesamt 10000 Schweinen betreibt, wischt viele Argumente seiner Kontrahenten als Vorurteile vom Tisch. Dass er diese nicht im Gespräch ausräumen kann, sei zu bedauern. Die Bereitschaft zum direkten Kontakt sei jedoch gering, klagt der Landwirt und beteuert: »Wir sind keine Verbrecher.«
Das klargestellt, nimmt sich Nooren die Zahlen vor. Es sei nicht korrekt, wenn behauptet würde, der gesamte Umkreis von 25 Kilometern werde mit Gülle zugeschüttet: »Von den fraglichen 196000 Hektar brauchen wir vier Prozent.« Es stimme nicht, dass Mastschweine auf einem halben Quadratmeter gehalten würden: »Es ist das Doppelte.« - ein Quadratmeter. Es sei schließlich auch falsch, dass in Holland bereits Prämien gezahlt würden, damit keine neuen Tierfabriken dieser Dimension gebaut würden. In dem kleinen Land seien nur die gesetzlich geforderten Abstände zu Wohnhäusern schwerer einzuhalten als im Wald von Ziegelroda: »Es gibt wenige Orte, wo so etwas möglich ist.«
Für Allstedt haben Nooren und verbündete Investoren große Pläne. Der Flugbetrieb soll erhalten, Gewerbe angesiedelt, sogar ein »Restaurant mit Streichelzoo« errichtet werden. Die Agrarfabrik, die euphemistisch als »Bio-Park« bezeichnet wird und in deren Bau 50 bis 60 Millionen Euro investiert werden sollen, sei ein effizienter und hochmoderner Betrieb: Das Futtergetreide würde von benachbarten Bauern gekauft; die wöchentlich »produzierten« 3000 Schweine gingen nach Dessau, Halberstadt und Weißenfels - in hochmoderne Schlachthöfe, die derzeit wegen fehlender Auslastung aus Holland und Dänemark beliefert würden. Auf dem Allstedter Flugplatz, sagt Nooren, »produzieren wir für die Zukunft.« Zukunftsmodell Tierfabrik? Derzeit weist einiges darauf hin. Während Verbraucherschützer unter dem Eindruck von BSE und Geflügelpest den Übergang zu einer kleinteiligen Landwirtschaft und artgerechter Haltung predigen, setzt die Agrarindustrie offenkundig auf immer gigantischere Fleischerzeugungskombinate. In Brandenburg ist eine ähnlich dimensionierte Anlage geplant; auch im sachsen-anhaltischen Mahlwinkel gibt es vergleichbare Pläne.
Landwirte wie Nooren verweisen zur Begründung darauf, dass der deutsche Bedarf an Schweinefleisch bislang nur zu einem geringen Teil aus eigener Produktion gedeckt wird. Sie berufen sich ironischerweise sogar auf die grüne Ministerin Renate Künast. Diese befürworte zwar einerseits kleine Betriebe, fordere aber daneben auch kontrollierte Produktion und detaillierte Herkunftsnachweise. Bei Importen von europäischen Nachbarn sei das nicht möglich, sagt Nooren: »Hier habe ich alles im Griff.«

Gigantismus einer falschen Agrarpolitik
Ob Experten das ähnlich beurteilen, ist offen. Das Genehmigungsverfahren läuft. Nooren will ab 2006 bauen. Laut Petra Wernicke, CDU-Ministerin für Umwelt und Landwirtschaft, ist die Anlage »nicht zu verhindern«, wenn die gesetzlichen Vorgaben erfüllt werden. Zudem, so heißt es im Ministerium, könne es sich das Land angesichts der wirtschaftlichen Lage »politisch schlecht leisten«, derlei Investitionen abzulehnen. Naturschutzverbände haben starke Bedenken angemeldet. Die gigantischen Anlagen seien Beispiele für eine »falsche Agrarpolitik«, sagt Ralf-Peter Weber, Agrarpolitiker beim BUND. Er räumt zwar ein, dass Tierfabriken »nicht per se zu verbieten sind«. Auch andere Einwände seien gesetzlich nicht zu begründen, weshalb das Kriterium artgerechter Haltung in der BUND-Stellungnahme keine Rolle spielt. Weber bezweifelt aber, ob gesetzlich vorgeschriebene Grenzwerte unter Bedingungen wie in Allstedt eingehalten werden können.
Auch die Bürgeraktivisten hoffen auf ein negatives Genehmigungsverfahren. Gestern haben sie im Landtag vorsorglich eine Petition übergeben. Die Vorstellung, dass Besucher der Querfurter Stiftskirche von Schwaden aus einem Schweinestall vertrieben werden, verursacht den Aktivisten ebensolches Grausen wie der Gedanke an die Lebensbedingungen in der Schweinefabrik. »Quantität kann doch nicht alles sein«, sagt Rainer Heine und wettert über »Größe, Masse, Globalisierung« - was aus seinem Mund ein wenig klingt wie: Ritter, To...

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